merken

Projektclub im Problemquartier

20 Monate lang wird in Kamenz-Ost ein soziales Vorhaben umgesetzt. Mit EU-Fördermitteln. Viele Partner machen mit.

© Uwe Soeder

Von Frank Oehl

Kamenz. Die Kamenzer Stadtverwaltung und ihre Partner gehen einen mutigen Schritt. Sie begeben sich mit einem Sozialprojekt quasi in die Höhle des Löwen. Ausgerechnet in die Geschwister-Scholl-Straße 10 im Neubaugebiet Kamenz-Ost fließt Geld. Viel Geld. Am Mittwoch wurde vor Ort ein EU-Fördermittelbescheid immerhin in Höhe von 95 000 Euro übergeben. Die Schollstraße 10 hatte in den vergangenen Jahren keinen guten Ruf gehabt, ausgerechnet hier gingen immer mal wieder zwielichtige Elemente ein und aus, und häufiger stand ein Streifenwagen vor der Tür. Im Erdgeschoss unten links steht jetzt eine Wohnung leer, und an den von innen beklebten Fensterscheiben ist „Quartier hier“ zu lesen.

Wer den Pfennig nicht ehrt
Wer den Pfennig nicht ehrt

und sich nicht im Paragrafendschungel zurechtfindet, ist schnell arm dran. Tipps und Tricks rund um Geld, Sparen und juristische Fallstricke gibt es hier zu finden.

So heißt das Projekt, dessen Ziel es ist, das Zusammenleben im Stadtviertel zu verbessern. Zum Quartier gehören neben der Schollstraße noch die Fichtestraße und die kleine Jesauer Straße, also im Grunde jener Block, der kürzlich einen Wohnungsbrand mit drastischeren Folgen zu überstehen hatte. In der Schollstraße 10 wird nun eine Art Club eingerichtet. Am Mittwoch war das nur zu erahnen. Für etwa 20 Monate kümmert sich hier Sozialarbeiterin Petra Hoppe darum, verschiedene Gruppen im Kiez zusammenzuführen, Lösungsansätze zum Ausgleich von Interessen zu finden und vor allem Eskalationen zu verhindern. Das klingt leichter, als es ist. „Ich möchte jedenfalls niemanden etwas Böses“, sagte die resolute Frau auch in Richtung des Problem-Klientels. Ganz im Gegenteil. Sie wünsche sich die Ideen vieler Mitstreiter, damit der Club „Quartier hier“ wirklich mit Leben erfüllt werden kann. So soll auch die Nutzung der drei Räume nebst Küche und Sanitärbereich gar nicht vorgegeben werden. „Das richten wir nach und nach gemeinsam ein.“ Allerdings sind keine Betten geplant, so Petra Hoppe auf eine Nachfrage hin. Es gehe um Begegnungsräume, in denen auch mal eine Bewerbung geschrieben werden könne. Alkohol und Drogen seien dort natürlich tabu. „Wenn aber mal einer mit einer Fahne hilfesuchend zu mir kommt, werde ich ihn natürlich nicht wegschicken.“ So habe sie auch schon mal zur Diakonie-Suchtberatung einen ersten Kontakt hergestellt. Und die hat gleich in der Nähe ihren Sitz.

Viele Helfer im Boot

Wie übrigens auch die „Platte“. Im Volksmund wird der Bereich neben dem Discountmarkt in der Fichtestraße so genannt. Leider ist davon auch ein Spielplatz betroffen, der mitten im Quartier liegt. OB Roland Dantz: „Es wäre gut, würde die Aufmerksamkeit des Projektes auch bis dorthin reichen. Auf einen Spielplatz gehören jedenfalls keine kaputten Bierflaschen.“ Der OB gab jetzt offiziell den Startschuss für das „Quartier hier“. Es wird mit Steuergeldern finanziert, und am liebsten wär es ihm und allen im Rathaus und im Stadtrat, man bräuchte es gar nicht. „Aber die Welt ist halt eine andere.“ Man wolle und müsse Menschen helfen, die im Leben womöglich nicht so viel Glück gehabt haben, wie manch andere. Dabei müsse man – auf Kamenz geschaut – auch die Kirche im Dorf lassen. „Wir haben hier keine solchen sozialen Brennpunkte wie in Duisburg oder in Neukölln. Aber wir wissen, dass auch bei uns nicht alles in Ordnung ist.“ Umso wichtiger, dass man auf die 95-prozentige Förderung aus dem Freistaat-Programm „Nachhaltige soziale Stadtentwicklung“ zurückgreifen kann. Mit Partnern wohlbemerkt. Betreuender Gebietsmanager zum Beispiel ist Michael Behling. „Wir wollen, dass das Geld wirklich bei jenen ankommt, für die das Projekt gedacht ist“, so Dr. Behling. Projektträger selbst ist die Deutsche Angestellten-Akademie DAA Sachsen – hier vertreten durch Sabine Grahl. „Wichtig ist für uns, hier ein wirklich niederschwelliges Angebot zu schaffen.“ Will sagen: Jeder, der kommt, ist willkommen.

Die Begegnungsräume zur Verfügung gestellt hat die Städtische Wohnungsgesellschaft Kamenz (SWG). Geschäftsführer Wulf-Dietrich Schomber: „Aus Befragungen unserer Mieter wissen wir, dass nicht nur die Qualität der Wohnung entscheidend ist, sondern auch das Wohnumfeld.“ Er erinnerte an die Theorie der zerbrochenen Scheibe, die einst in New York entwickelt worden war. Wo ein Fenster kaputt ist, werden bald mehrere kaputt sein, wenn nicht sofort gegengesteuert wird. In Kamenz-Ost sind dabei beide kommunalen Großvermieter gefragt, also auch die WBG. Und auch die Grundschule am Forst sowie die Kita Sonnenschein sind bei „Qartier hier“ beteiligt. Letztere mit dem Projekt „Uroma gesucht“, das am 1. April gestartet ist. Es will die Senioren von St. Monika und die Vorschulkinder zusammenbringen. Aber das steht hier zunächst auf einem anderen SZ-Blatt. Fortsetzung folgt ...