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Putzige Plage

Am Waschbären scheiden sich die Geister: Zerstört er unsere heimische Fauna oder ist er selbst ein schützenswertes Wildtier?

© Archiv/dpa

Von Dominique Bielmeier

Der Waschbär hat keine gute Lobby. Problem, Plage, Invasion sind Begriffe, die als erste genannt werden, wenn es um den Kleinbären geht. Im Internet finden sich zahlreiche Tipps zur Abwehr, Winzer und Obstbauern ärgern sich regelmäßig über die Naschsucht des Allesfressers, Ornithologen warnen, dass der Waschbär heimische Vogelarten wie den Graureiher auf der Elbinsel Gauernitz ausrotten wird. Sie fordern deshalb ein hartes Vorgehen gegen ihn. Die Jägerschaft hat den Waschbären längst auf der Abschussliste weit nach vorne gerückt. Und auch die Landtagsabgeordnete Daniela Kuge (CDU) dachte wohl vor allem an die Schäden durch Waschbären, als sie sich auf einem Facebook-Foto stolz im Pelzkragen präsentierte.

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Mit ihren handähnlichen Pfoten tasten die Waschbären ihre Nahrung gründlich ab, bevor sie sie fressen. Weil sie das Futter dazu auch unter Wasser halten, was aussieht wie Waschen, erhielten sie ihren Namen.
Mit ihren handähnlichen Pfoten tasten die Waschbären ihre Nahrung gründlich ab, bevor sie sie fressen. Weil sie das Futter dazu auch unter Wasser halten, was aussieht wie Waschen, erhielten sie ihren Namen. © Archiv/dpa

Das größte Argument gegen das Tier lautet immer: Es ist hier nicht heimisch und bringt deshalb das ökologische Gleichgewicht durcheinander. Doch Zoologen können gerade das nicht bestätigen – und widerlegen noch weitere Vorurteile über den maskierten Räuber.

Vorurteil 1: Der Waschbär ist keine heimische Art

Im Jahr 1934 wurden am hessischen Edersee zwei Waschbärenpaare ausgesetzt, „aus jagdlichen Gründen“, wie der Nabu schreibt. Zusammen mit weiteren Tieren, die rund zehn Jahre später aus einer Pelztierfarm bei Berlin entkommen sind, bildeten diese Waschbären die Basis für die heutige Population. Laut Bundesnaturschutzgesetz gilt der aus Nordamerika stammende Kleinbär dennoch als heimische Art, denn: „Als heimisch gilt eine wild lebende Tier- oder Pflanzenart auch, wenn sich verwilderte oder durch menschlichen Einfluss eingebürgerte Tiere oder Pflanzen der betreffenden Art im Inland in freier Natur und ohne menschliche Hilfe über mehrere Generationen als Population erhalten.“

Vorurteil 2: Ohne natürliche Feinde vermehrt er sich unkontrolliert

Der Waschbär hat keine natürlichen Feinde, die seine Population im Zaum halten könnten, heißt es. Der Waschbärexperte und selbsterklärte Wildtierfreund Francesco Dati widerspricht dem und verweist auf die Staupe-Epidemie, die in Hessen gerade sehr viele Waschbären töte. „Diese Krankheiten sind die natürlichen Feinde dieser Wildtiere, die die Natur sich ausgedacht hat, um zu viele Tiere zu reduzieren.“ Abschusszahlen allein sieht er nicht als Beleg, dass Waschbären sich unkontrolliert ausbreiten. „Das ist nur eine Momentaufnahme“, sagt Dati. „Obwohl überall die Anzahl der Füchse steigt, ist die Zahl der erlegten Füchse nicht gestiegen.“ Der Fokus liege eben im Moment klar auf dem Waschbären.

Vorurteil 3: Er überträgt Krankheiten und Parasiten auf den Menschen

„Im Gegensatz zu seiner nordamerikanischen Heimat weist der Waschbär in Mitteleuropa nur ein recht begrenztes Parasitenspektrum auf und spielt als Überträger von Krankheiten und Seuchen bislang kaum eine Rolle“, schreiben die Forscher Frank-Uwe und Berit Michler im Mitteilungsblatt des Landesjagdverbandes Berlin. Die Wissenschaftler der TU Dresden leiten das „Projekt Waschbär“ im Müritz-Nationalpark und haben unzählige Tiere beobachtet und untersucht. Sie forschen zur Verbreitung sowie zu ökologischen Folgen der Waschbären, Frank-Uwe Michler ist außerdem selbst Jäger. Nur der Waschbärenspulwurm stellt laut der Forscher ein größeres Risiko der Übertragung auf den Menschen dar. Dennoch sind in Mitteleuropa bisher nur drei Fälle der Infektion dokumentiert worden. In allen Fällen hatten die Betroffenen engen Kontakt mit handaufgezogenen Waschbären.

Vorurteil 4: Er rottet andere Tierarten aus

Der schwerwiegendste Vorwurf: Der Waschbär sei für das Aussterben von Tierarten verantwortlich. Diese Frage konnten die Forscher jedoch „aufgrund einer relativ geringen Wissensbasis noch nicht endgültig beantworten“. Weil der Waschbär ein Allesfresser ist und nicht besonders wählerisch, halten Frank-Uwe und Berit Michler negative ökologische Folgen in naturnahen Lebensräumen aber für unwahrscheinlich.

Sinkende Bruterfolge, zum Beispiel in Reiherkolonien, mit dem gleichzeitigen Auftreten von Waschbären in Verbindung zu bringen, müsse hinterfragt werden. „Hier werden Beobachtungen – zum einen negative Entwicklungen des Reproduktionsgeschehens und zum anderen ein verstärktes Auftreten des Waschbären im betroffenen Gebiet – in einen Kontext gebracht, dessen Kausalität nicht nachgewiesen wurde.“ Es gebe bisher keine ernsthaften Hinweise darauf, dass die Artenvielfalt und die Populationsdichten der Arten in Gebieten, in denen Waschbären seit mehreren Jahrzehnten leben, geringer sind als in waschbärenfreien Gebieten.

Vorurteil 5: Waschbären verursachen große wirtschaftliche Schäden

Waschbären haben eine Vorliebe für Obst und Getreide, schreiben die Wissenschaftler, und können durch Fraßschäden Ernteverluste in Obstplantagen und landwirtschaftlichen Nutzflächen verursachen. „Allgemein hält sich der ökonomische Schaden jedoch in Grenzen, wie zum Beispiel Untersuchungen aus Kanada gezeigt haben.“ Derzeit verursache der Waschbär in Deutschland keine bedeutenden landwirtschaftlichen Schäden. Anders sieht es in Städten aus: Dort nutzen Waschbären Häuser häufig als Schlaf- und Wurfplätze und verursachen so Schäden von mitunter mehreren Tausend Euro. „Durch die Anwendung eines präventiven Konfliktmanagements“ könnten diese Probleme jedoch nachhaltig minimiert werden.

Vorurteil 6: Ohne Abschuss kann man der Plage nicht Herr werden

Der Abschuss als einzige Erlösung von der Waschbärenplage – Tierfreund Dati, der im engen Austausch mit den Waschbärenforschern Michler steht, sieht das kritisch. Jäger könnten mitunter das Gegenteil erreichen. Wird nämlich eine Waschbärenmutter getötet, könnten ihre weiblichen Nachkommen dadurch schneller geschlechtsreif werden und für weitere Jungtiere sorgen. „Je mehr Sie abschießen, desto größer kann die Population werden“, sagt Dati. Er plädiert dafür, die Tiere sich selbst zu überlassen, ihre Population würde durch die begrenzten Ressourcen im Wald ganz natürlich reguliert.

Die Jagd mit Schlagfallen – die in Sachsen verboten wurde – sei besonders grausam. Weil Waschbären mit den Pfoten nach der Nahrung greifen, könnten sie in den Fallen Gliedmaßen oder einen Teil der Schnauze verlieren. Dati vermutet, dass Jäger und Bauern beim Fang mit Lebendfallen Munition sparen wollen – und die Tiere entweder einfach verenden lassen oder sogar ertränken oder vergiften.

Die Frage, ob gegen Waschbären etwas unternommen werden muss oder nicht, ist laut der Forscher von der TU Dresden nach derzeitigem Wissensstand noch nicht zu beantworten. Fest steht jedoch, dass der Waschbär uns so schnell nicht mehr verlassen wird. „Je schneller wir deshalb lernen, mit dem Tier zusammenzuleben, desto besser wird es uns gelingen“, sagt Dati.

www.projekt-waschbaer.de