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„Mehr Erkältungskrankheiten als sonst“

Insbesondere das RS-Virus ist verbreitet. Ob eine Grippe-Schutzimpfung jetzt ratsam ist und wie Corona-Impfungen nachgefragt werden, sagt ein Hausarzt aus Langebrück.

Von Thomas Drendel
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Dr. Klaus Lorenzen ist Allgemeinarzt in Langebrück. Er verzeichnet derzeit mehr Erkältungskrankheiten.
Dr. Klaus Lorenzen ist Allgemeinarzt in Langebrück. Er verzeichnet derzeit mehr Erkältungskrankheiten. © Archiv: René Meinig

Langebrück. Graue Tage, niedrige Temperaturen, Nieselregen: Da sind Husten, Schnupfen oder Grippe nicht weit. Als Besonderheit kommt dieses Mal hinzu, dass es der erste Herbst nach dem Corona-Lockdown ist. Ende 2020 und zu Beginn dieses Jahres fiel die Grippesaison praktisch aus. Viele arbeiteten im Homeoffice, Schüler lernten zu Hause. Jetzt herrschen fast wieder Normalbedingungen.

Wie ist die Situation bei den Atemwegserkrankungen bei Kindern und Erwachsenen derzeit im Rödertal? Die SZ sprach mit Allgemeinmediziner Dr. Klaus Lorenzen aus Langebrück. Er ist Delegierter des Sächsischen Hausärzteverbandes, Vertreter im höchsten Gremium der Vereinigung.

Herr Dr. Lorenzen, die Erkältungszeit hat begonnen, wie ist die Situation in Ihrer Praxis?

Es kommen etliche Patienten mit Erkältungskrankheiten zu mir. Das ist ganz klar ein Anstieg gegenüber dem vergangenen Jahr. Allerdings hatten 2020 wegen des Corona-Lockdowns viele kaum Kontakt mit anderen Menschen, sodass es zu weniger Ansteckungen kam. Aber auch gegenüber den Jahren zuvor ist eine leichte Zunahme zu verzeichnen. Neu ist in diesem Herbst die vergleichsweise starke Ausbreitung des Respiratorischen Synzytial-Virus, abgekürzt RSV. Daran sind Kinder als auch Erwachsene erkrankt. Die Symptome gleichen einer starken Erkältung mit Naselaufen, Fieber, Husten und in manchen Fällen mit starken Atembeschwerden. Ein Arzt sollte da auf jeden Fall aufgesucht werden.

Verlaufen die Erkältungen generell schwerer als in vergangenen Jahren?

Teilweise ja. Das ist bei Kindern und Eltern der Fall. Das ist auch auf die Ausbreitung des RS-Virus zurückzuführen.

Hat das Immunsystem im Lockdown verlernt, mit Infektionen umzugehen?

Da bin ich zu wenig Immunologe, um das genau beantworten zu können. Aber ein gewisser Gewöhnungseffekt tritt sicher ein. Wir als Hausärzte haben tagtäglich mit vielen Erkrankten zu tun. Dennoch holen sich viele Kollegen vergleichsweise selten eine Erkältung. Das Immunsystem ist gut trainiert. Bleibt das "Training" aus, passiert sicher das Gegenteil. Also Nachwirkungen des Lockdowns sind nicht ganz von der Hand zu weisen.

Hat die verstärkte Ausbreitung des RS-Virus mit der Nach-Corona-Saison zu tun?

Das glaube ich nicht. Das Virus tritt jeden Herbst auf. Die Häufung in diesem Jahr ist vermutlich Zufall. Vor einigen Monaten haben viele erst ihre Corona-Schutzimpfung bekommen.

Ist jetzt eine Grippe-Schutzimpfung angebracht?

Auf jeden Fall. Gerade Eltern, deren Kinder in der Kita oder in der Schule mit vielen Altersgenossen zusammenkommen und dann das Grippevirus in die Familie tragen könnten, sollten sich impfen lassen. Natürlich auch Menschen, die beruflich viel mit anderen Kontakt haben, Lehrer beispielsweise oder Menschen, die in einem Großraumbüro arbeiten. Generell rate ich jedem, sich bei seinem Hausarzt gegen Grippe impfen zu lassen. Eine Infektion kann zu einer schweren Erkrankung führen. Wir bieten in unserer Praxis besondere Impfsonnabende an, an denen sich Berufstätige die Spritze geben lassen können, die sonst keine Zeit dafür haben. Unser Interesse ist also groß, dass sich möglichst viele gegen das Grippevirus impfen lassen.

Ist das verträglich, erst eine Impfung gegen Corona, jetzt eine gegen Grippe?

Ja, das verträgt das Immunsystem. Es kommt täglich mit dutzenden Keimen klar. Die Grippe-Schutzimpfung mit den abgeschwächten Viren wird im allgemeinen gut vertragen. Eine besondere Belastung wegen der zuvor verabreichten Corona-Schutzimpfung gibt es nicht.

Im Frühjahr und Sommer waren in den Arztpraxen im Rödertal kaum Termine für Corona-Schutzimpfungen zu bekommen. Ist jetzt ausreichend Impfstoff vorhanden?

Wer sich bei uns oder bei anderen Hausärzten gegen Corona impfen lassen möchte, kann das tun. Impfstoff ist ausreichend vorhanden. Allerdings ist die Lieferzeit immer noch sehr lang. Wenn ich heute eine Bestellung aufgebe, bekomme ich die Dosen erst Anfang November geliefert. Das hat bürokratische Gründe und müsste schneller gehen. Wir verwenden gegenwärtig den Impfstoff von Moderna. Das ist wie das Vakzin von Biontech ein mRNA-Impfstoff und sehr wirkungsvoll.

Wie ist die Nachfrage nach Impfterminen?

Natürlich ist sie gegenüber den vergangenen Monaten stark zurückgegangen. Allerdings bemerken wir jetzt wieder einen Anstieg. Die Impfzentren sind geschlossen, außerdem müssen Corona-Tests jetzt bezahlt werden. Da gibt es doch einige, die sich jetzt impfen lassen. Der Aufwand und die Kosten, sich vielleicht vor jedem Gaststättenbesuch testen zu lassen, ist ihnen offenbar zu hoch.

Derzeit ist eine Auffrischungsimpfung im Gespräch. Was raten Sie?

Ich empfehle sie gerade für ältere Menschen. Viele von ihnen haben ihre Erst- und Zweitimpfung zu Beginn des Jahres erhalten. Das ist jetzt neun Monate her. Nach neun bis zwölf Monaten nimmt die Wirkung der ersten Impfungen ab. Wir sind mit der Leitung des Seniorenheims hier in Langebrück im Gespräch und werden den Bewohnern ein Angebot für diese Auffrischungsimpfung machen. Andere ältere Menschen sollten sich die Auffrischung ebenfalls geben lassen.