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Ottendorfs Wetterfühlige Orgel

Das unter Denkmalschutz stehende Instrument in Grünberg soll saniert werden. Rund 30.000 Euro wurden für das Herz der Dorfkirche schon gesammelt.

Mehr als 120 Jahre alt ist die Orgel in der Grünberger Kirche. Sie wurde von den Brüdern Jehmlich errichtet. Inzwischen sind dem Instrument nur noch Töne zu entlocken, wenn Temperatur und Luftfeuchtigkeit stimmen.
Mehr als 120 Jahre alt ist die Orgel in der Grünberger Kirche. Sie wurde von den Brüdern Jehmlich errichtet. Inzwischen sind dem Instrument nur noch Töne zu entlocken, wenn Temperatur und Luftfeuchtigkeit stimmen. © Marion Doering

Ottendorf. Das Plakat, mit dem man im Ottendorfer Ortsteil Grünberg auf das Konzert am 8. November in der alten Dorfkirche hinweist, unterscheidet sich auf den ersten Blick nicht von all diesen Ankündigungen, mit denen man oft in der dunklen Jahreszeit auf solche Veranstaltungen hingewiesen wird. Es ist ein Dankeschön-Konzert für Trompete und kaputte Orgel. 

Moment, kaputt? Man wird hellwach, weil man über dieses Adjektiv stolpert. Und ist sogleich beim Kern, dem Grund für dieses Event. Kaputt ist die Orgel, die in der schmucken Grünberger Dorfkirche steht, schon, aber sie nicht ganz so hinüber, dass man ihr nun gar keine Töne mehr entlocken könnte. An einem guten Tag, wenn Temperatur und Luftfeuchtigkeit stimmen, kann man das 1895 von den Brüdern Jehmlich erbaute Instrument sogar störungsfrei spielen. 

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Aber die hochsensible Orgel ist halt mächtig in die Jahre gekommen, wird mittlerweile für denjenigen, der die Gottesdienste in der Grünberger Kirche musikalisch begleitet, zur Herausforderung. „Kommt häufig vor, dass die Orgel stumm bleibt“, erzählt Gunnar Sellien. Man könne fast sagen, dass die denkmalgeschützte Orgel einen „Wundertütencharakter“ habe, scherzt Ortschaftsratsmitglied Sellien. Was mit dem hohen Alter des Tasteninstruments zusammenhängt, vor allem jedoch mit seiner Konstruktion. Die Orgel in der Grünberger Dorfkirche verfügt über ein pneumatisch-gesteuertes Traktur- und Windladensystem, was Ende des 19. Jahrhunderts in der Orgelbauerbranche als ziemlich trendy galt.

Leder-Membranen wurden rissig

Das Problem jedoch: Dieses Steuersystem reagiert sehr sensibel auf Änderungen der Luftfeuchtigkeit und auf kleinste Undichtigkeiten im Steuersystem. Temperaturschwankungen, Luftfeuchtigkeit und sogar ganz banaler Staub beeinflussen eine solche Orgel. Im Laufe der zurückliegenden Jahrzehnte war natürlich die Störanfälligkeit der Grünberger Orgel, trotz regelmäßig durchgeführter Wartungsarbeiten, zunehmend gewachsen. Das die Membranen abdichtende Leder war rissig geworden, eine absolute Dichtheit nicht mehr gegeben. 

Es liegt viel Arbeit an, so müssen unter anderem die Membranen ausgetauscht, Pfeifen gesäubert werden. Auch weil der Klang dieser doch nach wie vor einzigartigen Orgel einer ist, „der ganz besonders ist“, wie das Kirchenvorstandsmitglied Manuela Sellien beschreibt, habe die Kirchgemeinde vor einiger Zeit, auch mit Unterstützung von Ortschaftsrat und Ortsverein, eine Spendenaktion gestartet. Mit dem Ziel, das Instrument wieder so fit zu bekommen, dass ein Organist sich wieder völlig tiefenentspannt an die Orgel setzen kann, in der Gewissheit eines musikalisch störungsfrei ablaufenden Gottesdienstes.

Noch große Summe für Sanierung notwendig

Klar, im Vorfeld dieser Spendenaktion hatte es unter den rund 600 Bewohnern des Ortsteiles manche gegeben, die sich für eine transportable Orgel ausgesprochen hatten. Was zweifellos eine preiswertere Variante als die geplante Sanierung der unter Denkmalschutz stehenden Jehmlich-Orgel wäre. Doch für viele Grünberger nicht vorstellbar. Ohne den Klang der Jehmlich-Orgel, so die Einschätzung zahlreicher Bewohner, würde der Dorfkirche „das Herz“ fehlen. 

Also zeigten die Bewohner des Ottendorfer Ortsteiles in den vergangenen Monaten viel Herz und spendeten Geld. Bisher, so Manuela Sellien, seien rund 30.000 Euro an Spenden zusammengekommen. Knapp 60.000 Euro brauche man, dann könne man sogar den Korpus des historischen Instruments umfassend sanieren.

In Grünberg ist man gespannt, wie viel noch in den kommenden Wochen an Spenden hereinkommen wird. Und darauf, wie die Resonanz auf das Dankeschön-Konzert ausfallen wird. Könnte sicher voll werden, die Dorfkirche. Und das nicht nur, weil Mathias Schmutzler, Solotrompeter der Dresdner Staatskapelle, oder der Radeberger Kantor und Organist Rainer Fritzsch dort spielen werden, sondern weil alle noch mal die altehrwürdige Orgel hören möchten, bevor sie für eine lange Weile verstummen wird. 

Wegen Corona müsse man sehen, wie man das mit den Besuchern regeln könne, so Manuela Sellien. Aber man werde sicher eine Lösung finden. Die Sanierungsarbeiten an der Jehmlich-Orgel sollen, alles unter Vorbehalt, im kommenden Frühjahr starten. Voraussichtlich Ende 2021 dürften die gewohnten Orgelklänge in der alten Grünberger wieder Dorfkirche zu hören sein. Vielleicht in der Vorweihnachtszeit. Das würde ja passen.

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