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Peepshow in der Kaufhalle

Mit dem Stück „Die Frauen hinter dem Ladentisch“ startet das Radeberger Biertheater in eine neue ungewohnte Spielzeit.

"Die Frauen hinter dem Ladentisch" ist das neue Stück im Radeberger Biertheater. Es ist angelehnt an die bekannte DDR-Fernsehserie "Die Frau hinter dem Ladentisch".
"Die Frauen hinter dem Ladentisch" ist das neue Stück im Radeberger Biertheater. Es ist angelehnt an die bekannte DDR-Fernsehserie "Die Frau hinter dem Ladentisch". © Marion Doering

Radeberg.  Eine Generalprobe ist eine Generalprobe. Auch wenn sie als Vorpremiere daherkommt. Fest steht auf jeden Fall: Die Nervosität ist da bei allen Mitwirkenden oft größer als bei der eigentlichen Premierenvorstellung. So verhielt sich das auch bei der Vorstellung des neuen Schwankes „Vier Frauen hinterm Ladentisch“, mit dem das Radeberger Biertheater in die neue Spielzeit geht. Wegen Corona mit einem halben Jahr Verspätung und mit weniger Zuschauern als gewohnt. Es ist auch eine Generalprobe fürs Hygienekonzept. Im Foyer des Kaiserhofes stehen jede Menge Desinfektionsspender, das nervös-wirkende Personal weist die Besucher an diesem Abend auf Maskenpflicht, Mindestabstand und die korrekte Einhaltung der ausgeschilderten Wege im Haus hin. Die Erwartungshaltung in dem von 290 auf 205 Plätzen reduzierten Saal, sie ist gespannt-abwartend. 

Stück coronagerecht umgeschrieben

Das neue Stück, von Biertheaterlegende Holger „Blumi“ Blum coronagerecht umgeschrieben und von Alexander Siebecke inszeniert, ist angelehnt an eine Serie im DDR-Fernsehen. Ein Verkaufsstellenleiter sucht eine Stellvertreterin und löst damit einen Kampf der Verkäuferinnen um den Posten aus. In dem Stück sind es vier Damen, die um die Gunst von Chef Steffen Kluge (Jens Albrecht) buhlen. Es ist ein Schwank mit der biertheatertypischen Kalauerdichte. Wortwitze gibt es en masse, wiederholen sich gelegentlich zu oft, die mitunter anzüglichen Sprüche dürften Feministinnen auf die Palme treiben. Corona ist an dem Abend ebenfalls ein Thema. Etwa wenn Verkäuferin Corina, gespielt von GZSZ-Sternchen Suzanne Kockat, davon spricht, dass „meine Hände in den letzten Monaten mehr Alkohol gesehen haben als meine Leber“.

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Mit dem Stück "Die Frauen hinter dem Ladentisch" startet das  Biertheater in Radeberg in die neue Spielzeit.
Mit dem Stück "Die Frauen hinter dem Ladentisch" startet das  Biertheater in Radeberg in die neue Spielzeit. © Marion Doering
Die Damen buhlen darin um die Gunst von Chef Steffen Kluge (Jens Albrecht). 
Die Damen buhlen darin um die Gunst von Chef Steffen Kluge (Jens Albrecht).  © Marion Doering
Jede der Verkäuferinnen will Stellvertreterin des Chefs werden. Doch die Konkurrenz ist  stark. 
Jede der Verkäuferinnen will Stellvertreterin des Chefs werden. Doch die Konkurrenz ist  stark.  © Marion Doering
Um den Posten wird mit unkonventionellen Mitteln gekämpft.
Um den Posten wird mit unkonventionellen Mitteln gekämpft. © Marion Doering

Gezeigt wird, mit welcher Raffinesse sich die Damen an ihren Chef heranmachen, der jedoch einen mit zunehmender Spieldauer nervenden Sprachfehler hat. Schwung kommt in den Laden, als eine neue Verkäuferin dort anfängt. Ihren Kolleginnen stellt sie sich als „dat Madleenchen uus Kölle“ vor. Maddel hat es der Liebe wegen nach Sachsen verschlagen, verbreitet mit ihrem rheinischen Dialekt sogleich Frohsinn bei ihren von Mindestlohn, Lethargie und lähmender Alltagsroutine gepeinigten Kolleginnen. Eine Paraderolle für die gebürtige Rheinländerin Miriam Distelkamp. Als sie an ihrem ersten Arbeitstag („Da hast noch Probezeit“) mit ins Rennen um die Stellvertreterstelle einsteigt, schlagen die Wogen in der Supermarkt-Belegschaft mächtig hoch. Zwischendurch bietet das Personal Körperakrobatik, gesungen wird auch, weist das kölsche Leckerchen das Publikum darauf hin, dass die Welt ohne Künstler, gerade in der Coronazeit, keine sonderlich lebenswerte ist. „Wir sind schon auch systemrelevant“, lautet die Botschaft. 

Wessi-Ossi-Konflikt droht zu eskalieren

Klar ist, dass bei dieser kollegialen Konstellation längst überholte West-Ost-Klischees aus der Ressentimentkiste herausgeholt werden. Doch Verkäuferin Ute, souverän dargestellt von Gabi Köckritz, macht in einer Szene deutlich, dass unter der Oberfläche dieses boulevardesken Volksstücks auch Realitätssinn schlummert. Als der Wessi-Ossi-Konflikt in der Belegschaft zu eskalieren scheint, weil die durchs Guckloch beobachteten horizontalen Überstunden im Büro des Chefs zur Eifersucht und Zickigkeit führen, holt die erfahrene Supermarkt-Mitarbeiterin alle auf den Boden zurück: 30 Jahre nach der Wende sei man doch zusammengewachsen, auch Rheinländer und Sachsen. 

Nach zwei Stunden Spielzeit gibt es in dem neuen Biertheaterstück Enthüllendes. Zeigt Maddel ihre wahre Identität, wird klar, warum sie in diesem Provinz-Supermarkt angeheuert hat. Logisch, auch die Frage nach der stellvertretenden Filialleiterin wird beantwortet. Am Ende Freude und Erleichterung im Saal, bei den Darstellern, beim Publikum, das frenetisch applaudiert. Und man ist froh, dass man ob der vielen Hinweisschilder im Foyer den Weg nach draußen gefunden hat.

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