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Wie der Wolfsangriff in Langebrück ablief

Mitten im Ort Langebrück sind ein Einwohner und ein Wolfs-Welpe aneinandergeraten. Fachleute haben den Vorfall rekonstruiert.

Von Thomas Drendel
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Nach seiner Befreiung lief der junge Wolf auf einen Anwohner zu. Der konnte ihn mit Stockschlägen abwehren.
Nach seiner Befreiung lief der junge Wolf auf einen Anwohner zu. Der konnte ihn mit Stockschlägen abwehren. © privat

Langebrück. Die Unruhe ist groß in Langebrück. Mitte September war ein junger Wolf in der Ortschaft aufgetaucht, hatte sich in einem Zaun verfangen und war nach seiner Befreiung auf einen Anwohner zugelaufen. Ortsvorsteher Christian Hartmann (CDU) sprach damals von einer neuen Qualität des Vorfalls. „Das Jungtier hat offensichtlich in der Situation die Scheu vor dem Menschen verloren. Das muss von Fachleuten bewertet werden. Eventuell müssen Konsequenzen gezogen werden“, sagte er.

Die Fachstelle Wolf beim Landesamt für Umwelt, Landwirtschaft und Geologie (LfULG) hat jetzt den Hergang rekonstruiert und ihre Einschätzung vorgelegt. Nach Angaben von Matthias Rau, Leiter der Fachstelle, war der junge Wolf am Morgen des 16. September in der Ortschaft unterwegs. Gegen 8 Uhr begegnete das Tier einem Radfahrer und versuchte zu fliehen. Dabei verfing es sich in dem Zaun. Der Radfahrer informierte zunächst die Polizei. Ein hinzugerufener Jäger benachrichtigte dann den örtlichen Tierarzt, der den circa vier bis fünf Monate alten Wolfswelpen gegen 8.40 Uhr aus dem Zaun befreite.

Anwohner fühlte sich bedroht

Auf seiner Flucht durch die Gärten verfing sich das Jungtier noch einmal in einem Tor aus Holzlatten. Der Welpe versuchte, sich aus der Lage zu befreien. Das gelang ihm nur mithilfe des Grundstückseigentümers. Das Tier ist dann nach den Schilderungen des Mannes auf die Straße gelaufen. Er folgte dem Welpen und versuchte, ihn mit einem Stock in Richtung Waldrand zu treiben. Laut der Schilderung des Mannes ist der junge Wolf auf ihn zugegangen. „Das hat der Anwohner als aggressives Verhalten bewertet und mehrmals mit dem Stock auf das Tier eingeschlagen. Nach kurzer Benommenheit hätte das Tier das Weite gesucht“, teilt die Fachstelle mit.

Für Matthias Rau verhielt sich das Jungtier nach einem natürlichen Muster. „Der Welpe hat das Vorgehen des Mannes, ihn in eine Richtung drängen zu wollen, als Angriff gewertet und ist entsprechend in eine Abwehrhaltung übergegangen und auf den Mann zu gelaufen. In der Situation wäre es sicher angebrachter gewesen, dem jungen Wolf den Freiraum zu geben und sich seinen Fluchtweg selber suchen zu lassen. Vermutlich wäre das Tier dann auch nicht auf den Mann zugelaufen.“

Wolf auch künftig in Ortschaften anzutreffen

Nach Einschätzung der Fachstelle Wolf ist der Welpe nicht verhaltensauffällig. „Er war zweimal für längere Zeit in Zäunen eingeklemmt und Stress und Schmerz ausgesetzt. In diesen Situationen sind Wildtiere in ihren Reaktionen nicht immer vorhersehbar“, sagt Rau. Es bleibt bei der Einschätzung, dass Wölfe scheue Tiere sind, die bei der Begegnung mit dem Menschen das Weite suchen. Vermutlich werden auch künftig vereinzelt Wölfe im Ort gesichtet werden. „Auf ihren Streifzügen machen sie nicht an der Ortsgrenze halt. Aber wie gesagt, stoßen sie auf Menschen, laufen sie weg“, so der Fachmann. Dass die Zahl der Wölfe in der Dresdner Heide zugenommen hat, kann er nicht bestätigen. „Nach unserem Wissen ist die Zahl der Tiere in der Heide konstant. Es gibt ein Rudel mit fünf bis zehn Tieren.“ Ihr Wirkungsgebiet sei nicht nur auf die Heide begrenzt. „Sie wandern bis nach Eschdorf, Großröhrsdorf, Wachau oder ins Seifersdorfer Tal. Von einem zweiten Rudel in der Heide haben wir keine Kenntnis.“

Nach seiner Einschätzung wird es in diesem Jahr kaum Zuwachs geben. „Wir wissen von einem Welpen. Es handelt sich um das Jungtier, das in Langebrück im September angetroffen wurde. Nach der Untersuchung des Tierarztes war der Welpe körperlich in keinem guten Zustand. So ist nicht klar, ob er diesen Winter übersteht.“ In Jahren mit Nachwuchs wandern die ein- bis zweijährigen Jungtiere in andere Gebiete aus, sodass die Rudelstärke in etwa gleich bleibt, so der Wolfsfachmann.

Bei der Begegnung mit den Tieren sollten mehrere Verhaltensregeln beachtet werden, rät Matthias Rau. „Vor allem Ruhe bewahren und Wölfen die Möglichkeit geben, sich zurückzuziehen. Wer sich unwohl fühlt, kann sich groß machen, klatschen, die Wölfe bestimmt ansprechen oder rufen, oder sich langsam zurückziehen.“ Auf keinen Fall sollte man auf die Tiere zugehen oder versuchen, sie zu streicheln oder zu füttern. „Wichtig ist, die Begegnung bei der zuständigen Stelle für Wolfsmonitoring zu melden, damit frühzeitig erkannt werden kann, ob es sich um ein auffälliges, wiederholtes Verhalten handelt.“ Zäune oder ähnliche Vorrichtungen wären keine geeigneten Mittel, Wölfe vom Eindringen in bewohntes Gebiet abzuhalten. Auch die Befürchtung, dass gerade kleinere Kinder in den Kitas und der Grundschule Ziel von Angriffen sein könnten, teilt er nicht. „Es gibt keine Personengruppe, die besonders gefährdet ist. Das hat gerade eine jüngst erschienene Untersuchung, die NINA-Studie, wieder gezeigt.“

Nach Angaben der Fachstelle Wolf hat es in Sachsen in diesem Jahr 81 Vorfälle gegeben (Stand 8. Oktober). Dabei wurden 261 Nutztiere getötet, verletzt oder sind vermisst. In Dresden gab es den letzten Vorfall am 9. August. Ein Schaf wurde gerissen.