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Die Kripo hat beim Skalp mitgeforscht

In Radebeul gab es eine in Deutschland bislang einmalige Aktion. Aus der ethnologischen Sammlung im Karl-May-Museum wurde ein menschlicher Überrest an die USA übergeben.

Sogar das Landeskriminalamt Sachsen half bei den Forschungen. Dort wurde der Skalp haarmorphologisch untersucht, um die menschliche Herkunft nachzuweisen. Dafür wurden die Haare und Haarwurzeln unter dem Mikroskop optisch geprüft, ohne das Objekt dabei
Sogar das Landeskriminalamt Sachsen half bei den Forschungen. Dort wurde der Skalp haarmorphologisch untersucht, um die menschliche Herkunft nachzuweisen. Dafür wurden die Haare und Haarwurzeln unter dem Mikroskop optisch geprüft, ohne das Objekt dabei © Karl-May-Museum Radebeul

Radebeul. Es bewegt sich etwas in Deutschlands Museums- und Sammlungslandschaft. Sammlungsteile aus der Kolonialzeit sollen in die Herkunftsländer zurückgeführt werden. Etwa die Benin-Bronzestatuen aus Afrika. Noch wird darüber diskutiert. Ausgerechnet das kleine Karl-May-Museum in Radebeul ist in Deutschland das erste Haus, welches einen menschlichen Überrest übergibt, der sogar rechtmäßig und ohne kolonialen Hintergrund hierher gelangte.

Der berühmte Skalp eines Indianers, den ein Dakota-Häuptling einst erbeutete und welchen der Indianistik-Sammler und Gründer des Museums, Patty Frank vor mehr als 100 Jahre erworben hatte. 2014, nach einem Besuch eines US-amerikanischen Journalisten, setzte die Diskussion um den Streit ein.

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Indianer von einem der Ojibwa-Stämme, die an der Grenze zwischen den USA und Kanada leben, beanspruchen den Skalp. Die Kopfhaut ist kunstvoll mit einer geflochtenen Locke, eingespannt in einen Holzreifen und mit Federn sowie einer aus Leder gefertigten mit blauen und weißen Perlen bestickten Eidechsenfigur verziert. Museumsgründer Frank soll den Skalp, so dessen überlieferte Schilderung, 1904 während einer USA-Tour mit dem Zirkusunternehmen Barnum & Bailey in der Nähe einer Indianerreservation aus dem Besitz eines Nachfahren eines Dakota-Häuptlings namens „Swift Hawk“ erworben haben. Für insgesamt 100 Dollar, zwei Flaschen Whiskey und zusätzlich einer Flasche Brandy für die misstrauische Ehefrau des Indianers.

Seit 2014 entspann sich zwischen Vertretern der Indianerstämme und dem Karl-May-Museum ein teils heftiger Streit um die Rückgabe. Verschärft worden war dieser, als Ojibwa zum Karl-May-Fest in Radebeul eingeladen worden waren. Zur zwischenzeitlichen Beruhigung trug eine Erklärung bei, in welcher beide Seiten sich darauf einigten, Nachforschungen anzustellen. Museumsleiter Robin Leipold schreibt, dass sich in der Erklärung vom 2. Juni 2014 Vertreter des Sault Ste. Marie Tribe (Stamm) und der Karl-May-Stiftung einigten, einen gemeinsamen Forschungsplan zu erarbeiten, mit welchem die Herkunft des Skalps untersucht werden sollte, um daraus belegbare Anhaltspunkte für die Entscheidung über eine Rückgabe treffen zu können.

Die Dokumente und der Skalp wurden vom Generalkonsul der Vereinigten Staaten von Amerika in Leipzig Ken Toko an den Kulturattaché der US-Botschaft David Mees übergeben. Sachsens Kulturministerin Barbara Klepsch (CDU, re.) nahm als Vertreterin der Sächsisc
Die Dokumente und der Skalp wurden vom Generalkonsul der Vereinigten Staaten von Amerika in Leipzig Ken Toko an den Kulturattaché der US-Botschaft David Mees übergeben. Sachsens Kulturministerin Barbara Klepsch (CDU, re.) nahm als Vertreterin der Sächsisc © Karl-May-Museum

Hilfe aus dem UState Department

Der im Mai 2015 fertiggestellte Forschungsplan umfasste wissenschaftliche Untersuchungen zur Objektanalyse und die Sichtung von Archivmaterial, die nähere Informationen zu Patty Franks Engagement beim amerikanischen Zirkusunternehmen „Barnum and Bailey“‚ sowie zur Person ‘Swift Hawk‚ geben sollte, so Leipold. Zudem wurde vonseiten der Anspruchsteller die Einbeziehung mündlicher Überlieferungen der Dakota und Ojibwa sowie externer Fachexperten mit Erfahrung zur materiellen Kultur der nordamerikanischen Ureinwohner gewünscht, welche anhand einer Stilanalyse zum Skalp eine mögliche Einschätzung zum Alter und der regionalen Herkunft treffen können, heißt es in der Erklärung. Vereinfacht gesagt, dass Karl-May-Museum wollte den Skalp erst herausgeben, wenn wirklich nachgewiesen ist, woher er stammt. Ein bislang einmaliges Vorgehen in der deutschen Indianistik, so Volkmar Kunze, Vorsitzender der Karl-May-Stiftung.

Bereits im Februar 2015 veranstaltete die Karl-May-Stiftung ein interdisziplinäres Symposium zur Frage des Umgangs mit menschlichen Überresten in musealen Sammlungen, an der über 80 Wissenschaftler aus ganz Deutschland teilnahmen und auf die Notwendigkeit einer stärkeren Förderung von Forschungsprojekten diesbezüglich hinwiesen sowie im Fall möglicher Rückforderungen durch indigene Gesellschaften einen stärkeren Austausch der Institutionen untereinander begrüßten.

Schon vor dem Symposium half sogar das Landeskriminalamt Sachsen. Dort wurde der Skalp haarmorphologisch untersucht, um die menschliche Herkunft zu überprüfen. Dafür wurden die Haare und Haarwurzeln unter dem Mikroskop optisch untersucht, ohne das Objekt dabei durch die Entnahme eines Haares zu beschädigen. Der Museumsleiter: „Bei dieser Untersuchung wurde festgestellt, dass es sich bei dem Skalp mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit um menschliches Haar handelt.“ Den nächsten Schub bekam die Skalp-Aktion, als der vormalige Museumsdirektor Christian Wacker sich bei einem USA-Aufenthalt mit dem dortigen State Department (Innenministerium) verständigte.

Eine Expertin in den USA kümmerte sich fortan um eine Vermittlung zwischen den Forderungen des Indianer-Stammes und den Nachforschungen im Karl-May-Museum. Letztlich landete das Thema sogar in der US-Botschaft in Berlin und wurde zur Klärung auch an Sachsen Ministerpräsidenten Michael Kretschmer (CDU) herangetragen.

Stiftung: Im Interesse der Völkerverständigung

Im vorigen Jahr entschied die Karl-May-Stiftung mehrheitlich in einer Abstimmung, den Skalp an die Vertreter der Vereinigten Staaten zu übergeben. Am 12. April 2021 war es dann soweit. In der offiziellen Mitteilung heißt es: Die menschlichen Überreste eines amerikanischen Ureinwohners wurden an den Generalkonsul der Vereinigten Staaten von Amerika in Leipzig Ken Toko sowie an den Kulturattaché der US-Botschaft David Mees übergeben. Die Regierung der Vereinigten Staaten, vertreten durch das US-Außenministerium, erhält die menschlichen Überreste als Verwahrerin im Namen des Sault Ste. Marie Tribe of Chippewa Indians. Sachsens Kulturministerin Barbara Klepsch (CDU) nahm als Vertreterin der Sächsischen Staatsregierung an der Übergabe teil.

Vollzogen wurde dieser bislang einmalige Akt auf dem Grundstück des Karl-May-Museums ganz staatsmännisch - mit Dokument und Unterschriften. Auch den Forderungen der Vertreter der Indianerstämme wurde nachgekommen. Der Skalp sollte in einer Kiste aus Zedernholz, in rotes Tuch gehüllt und mit Beigaben wie Kräutern übergeben und transportiert werden.

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Stiftungsvorsitzender Volkmar Kunze zur Übergabe: „Es wurde keinerlei Hinweis auf einen Unrechtstatbestand oder eine koloniale Herkunft bestätigt. Die Karl-May-Stiftung hat sich im Interesse der Völkerverständigung und im guten Miteinander mit den Native Americans aus freien Stücken zu dieser Übergabe entschlossen. Und so wurde die Zedernholzkiste vorm Karl-May-Museum in Radebeul in den Porsche des Generalkonsuls verstaut und befindet sich mittlerweile wohl auf dem Weg Richtung USA.“

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