SZ + Radebeul
Merken

„Früher hatte ich im Jahr zwei Lungenentzündungen, jetzt drei in der Woche“

Hausärzte sollen vieles richten - Impfen und der Politik helfen. Dr. Susann Hennesthal aus Coswig ist Vize-Vorsitzende des Hausärzteverbandes Sachsen.

Von Peter Redlich
 7 Min.
Teilen
Folgen
Dr. Susann Hennesthal in ihrer Praxis in Coswig-Neusörnewitz. In der Praxis, die sie gemeinsam mit Dr. Gerburg Hildebrandt führt, kommen täglich etwa zehn Patienten mit Corona.
Dr. Susann Hennesthal in ihrer Praxis in Coswig-Neusörnewitz. In der Praxis, die sie gemeinsam mit Dr. Gerburg Hildebrandt führt, kommen täglich etwa zehn Patienten mit Corona. © Norbert Millauer

Coswig. Hausärzte werden derzeit nicht selten von den Politikern als die Retter der Nation gesehen. Mitunter von einem Tag auf den anderen kommen Beschlüsse, die in den Praxen umgesetzt werden sollen. Dr. Susann Hennesthal (43) hat gemeinsam mit Dr. Gerburg Hildebrandt ihre Praxis im Coswiger Ortsteil Neusörnewitz. Die Internistin ist stellvertretende Vorsitzende des sächsischen Hausärzteverbandes. In Sachsen gibt es etwa 2.800 Hausärzte, die Mehrheit davon ist Mitglied im Verband.

Frau Dr. Hennesthal, Hausärzte sind derzeit nicht nur der erste Anlaufpunkt für Erkältungen und anderes, sondern auch Seelsorger. Spüren Sie das?

Wir sind ja schon immer Mädchen für alles und Vertrauensperson. Aber wir merken, dass die Patienten verunsichert sind. Über manchen schnellen Beschluss zu Corona, der über die Medien veröffentlicht wurde, aber nicht zuerst über uns. Dann rufen die Leute hier im Minutentakt an - und wir haben noch gar nicht den Impfstoff oder die passende Information. Da wird man unglaubwürdig. Das ärgert uns.

Sie impfen auf Wunsch. Wie funktioniert das mit dem Impfstoff?

Das ist ein wesentlicher Punkt des Ärgernisses. Wir werden zum Impfen aufgerufen, machen Terminlisten mit den Patienten und bestellen den gewollten und bis dahin zugesagten Impfstoff, aber die Apotheke ruft an und sagt, dass sie nur die Hälfte von Biontech liefern können.

Wie viel Impfstoff bekommen Sie von dem, was Sie bestellt haben?

Ein Drittel bis 50 Prozent von Biontech. Moderna bekommen wir derzeit allerdings so viel, wie wir wollen. Das kann sich aber jede Woche ändern. Es ist umständlich, weil die Dosierungen unterschiedlich sind, ab 30 Jahren erst geimpft werden soll.

Der Aufwand, die Arbeitszeit fürs Impfen - wie viel nimmt das in Anspruch?

Das kann jeder selbst bestimmen. Wir haben zwei Tage fürs Impfen in der Woche. Allerdings auch abhängig davon, wie viel Impfstoff wir bekommen. An guten Tagen können wir 150 Mal impfen, an anderen Tagen nur 30 Mal. Das Hauptproblem ist jedoch, dass wir ja jeden Tag Patienten mit Corona behandeln. Seit 1. Oktober haben wir hier etwa zehn positive Abstriche je Tag. Das nimmt zusätzlich Zeit in Anspruch.

Impfgegner behaupten auch, dass sich Ärzte jetzt reich verdienen an Impfungen. Was gibt es je Impfung?

Die bekannt gegebenen 28 Euro je Impfung, für sonstige Impfungen sind es etwa 7 Euro – das heißt viermal so viel, da aber der Arbeitsaufwand auch viermal so hoch ist, kann man damit nicht reich werden. Ich mache das nicht, um viel Geld zu verdienen. Wir machen das, weil wir überzeugt sind, dass es der richtige Weg ist, um aus der Pandemie rauszukommen. Um Krankenhäuser zu entlasten, damit Patienten, die nichts mit Corona zu tun haben, wieder mehr Pflegezuwendung bekommen können.

Wie schützen Sie sich selbst?

Wir sind hier in der Praxis alle mehrfach geimpft. Damit ist die Angst vor einer schweren Erkrankung genommen. Mit den Schnelltests, die jeder vorher zu Hause machen kann, ist auch mehr Sicherheit gegeben. Das gab es ja voriges Jahr noch nicht. Zu Hausbesuchen gehe ich in Schutzkleidung.

Konnten Sie schon mal einen richtigen Zweifler fürs Impfen gewinnen?

Ja, weil Patienten, die gegen die Impfung waren, selber schwer erkrankt sind. Dann denken sie anders über die Krankheit nach.

Nicht wenige denken aber doch, nach einer Erkrankung könne ihnen nichts mehr passieren. Sie haben genug Antikörper gebildet?

Es ist aber nicht so. Man ist dann nicht unbedingt länger immun. Mehreren meiner Patienten ist das so ergangen - nicht schwer, aber auch zwei, drei Wochen krank. Auch Genesene sollten sich impfen lassen.

Hilft das Erlebte im Gespräch mit Gegnern und Zweiflern?

Vielen sage ich, ich habe gar keine Zeit, bei Facebook oder sonst wo zu recherchieren. Ich habe meine Erfahrung aus meinem inzwischen 20-jährigen Arbeitsleben als Ärztin. Früher hatte ich pro Wintersaison vielleicht eine oder zwei schwere Lungenentzündungen. Jetzt sind es pro Woche zwei bis drei. Und beim Abhören über beide Lungenflügel die Befunde zu hören, das ist wirklich nicht schön.

Die Hausärzte als Helfer, auch der Politik. Wie lange vorher und wie sollten Maßnahmen abgestimmt werden?

Es sollte auf keinen Fall so sein, dass wir früh bei der Fahrt zur Arbeit im Radio hören, was wir machen sollen. Mit uns Ärzten sollte schon zuerst gesprochen werden. Von der Kassenärztlichen Vereinigung und der Landesärztekammer sind wir sehr gut begleitet worden. Aber oft kamen ja Informationen aus Berlin übers Radio, die auch nicht vorher in der KV oder Ärztekammer besprochen wurden.

Wie ist die Stimmung bei den Hausärzten in Sachsen? Bekommen Sie die mit?

Im Vorstand haben wir alle zwei Wochen Besprechung. Wir sind uns einig, was das Impfgeschehen angeht. Wir reden natürlich auch über Sachen wie Bedrohungen und bekommen von den Kollegen Informationen.

Es kursiert ein Schreiben unter dem Titel „Ärzte stehen auf“. Darin sollen sich auch drei Ärzte aus dem Kreis Meißen gegen die Corona-Politik wenden. Wissen Sie davon?

In meiner Umgebung kenne ich keinen Hausarzt, der sich gegen das Impfen wendet. Ich hatte in der ganzen Corona-Zeit einen Patienten, der mal aus Dresden extra gekommen ist, weil er bei seinem Hausarzt gesagt bekommen habe, er solle sich nicht impfen lassen.

Sind Sie schon mal bedroht worden?

Zum Glück noch nicht. Beschimpft, ja. Aber, weil wir den gewollten Impfstoff nicht da hatten.

Sind Sie für eine Impfpflicht?

Ja, ich bin schon für die Impfpflicht. Und ich finde es bedauerlich, dass es auch im Pflegepersonal und unter Ärzten Impfverweigerer gibt. Als Arzt oder Schwester leisten wir einen Eid, dass wir alles tun, damit der Mensch gesund bleibt. Und es ist ja nun mal erwiesen, dass geimpfte Menschen sehr deutlich weniger schwer an Corona erkranken, das sehen wir bei uns in der Praxis eindeutig. Wir müssen nur mal zurückschauen, was es früher für Kinderkrankheiten gab, als es die Impfungen noch nicht gab. Ich habe während meines Studiums im ambulanten Pflegedienst eine Patientin betreut, die wegen Kinderlähmung im Rollstuhl saß und damals war ich selber schwanger. Die Frau hat zu mir gesagt: Du versprichst mir, dass du dein Kind impfen lässt, damit es deinem Kind nicht so ergeht wie mir. Impfmöglichkeiten sind ein Segen für die Menschheit.

Was können Hausärzte in Sachsen noch besser organisieren? Was brauchen sie an Unterstützung?

Wir müssen uns besser vernetzen. Da ist der Hausärzteverband dran. Wir haben eine Plattform ins Leben gerufen, die heißt SachsenDoc. Dort können wir uns im geschützten Raum einwählen, finden dort Beiträge zu Neuerungen der Impfkommission, zu Veröffentlichungen. Auch schnelle Umfragen sind möglich, um letztlich als Verband mit einer Stimme zu sprechen, damit wir was erreichen und auch der Politik gegenübertreten können. Wir sind gerade dabei, alle Mitglieder einzupflegen.

Außerdem hat der deutsche Hausärzteverband in Sachsen noch eine Webseite gestartet – www.Initiative-Zukunft-Hausarzt.de. Patienten, Schwestern und Ärzte sollen über die Webseite ins Gespräch kommen und es sollen daraus später Informationen generiert werden, die die zukünftige Arbeit gestalten und verbessern.

Ihre Wünsche für 2022?

Frieden. Corona macht mir keine Angst. Es ist ja eigentlich für einen Naturwissenschaftler eine spannende Sache, Medizingeschichte mitzuerleben. Es ist doch toll, dass wir Menschen helfen können, dass es Maschinen zum Beatmen gibt, mittlerweile auch Medikamente, die den Verlauf mildern, dass die Impfung so schnell ins Leben gerufen wurde - das ist doch ein unglaublicher Fortschritt. Diesen Fortschritt sollten wir in unserem Geist auch annehmen. Ich denke, dass auch Impfgegner an Mitmenschlichkeit und Respekt vor dem anderen interessiert sind. Die Reinigungsfrau, der Postbote, der Koch - alle in der Gesellschaft sind wichtig und Teil des Gesamten, welches nur funktioniert, wenn wir zusammenstehen. Es ist 2022 nicht angebracht, mit Fackeln oder gar Messern aufeinander loszugehen. Wünschen würde ich mir auch, dass es für Kitas und Hort keine zwei, drei Wochen Schließzeit im Sommer oder zu anderen Jahreszeiten gibt. Die werden zur Entlastung der arbeitenden Bevölkerung gebraucht - für meine angestellten Schwestern, für mich und meinen Mann und alle anderen Familien, die beruflich eingebunden sind. Wir schließen auch nicht zwischen Weihnachten und Neujahr.