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„Der zerbrochne Krug“: Vom Lustspiel zur Tragödie

Ein Richter auf Abwegen: Kleists Lustspiel „Der zerbrochne Krug“ ist an den Landesbühnen Sachsen jetzt ein Beitrag zur MeToo-Debatte.

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Mehr Kulissen braucht "Der zerbrochen Krug" an den Landesbühne nicht: drei verschlissene große Tische, auf denen es drüber und drunter geht.
Mehr Kulissen braucht "Der zerbrochen Krug" an den Landesbühne nicht: drei verschlissene große Tische, auf denen es drüber und drunter geht. © René Jungnickel

Von Rainer Kasselt

Die Geschichte ist alt und immer wieder neu. Ein lüsterner Richter dringt nachts ins Zimmer einer jungen Frau ein. Er verspricht, ihren Verlobten vor dem Kriegsdienst zu bewahren, und verlangt Sex als Gegenleistung. Die resolute Mutter kommt hinzu und glaubt, den Verlobten zu erkennen. Der Richter nimmt eiligst Reißaus, zerdeppert dabei einen Krug, verliert die Perücke und kriegt eins auf die Glatze. Die Sache landet vor Gericht.

Heinrich von Kleist hat aus dem Vorgang ein sprachkräftiges Lustspiel gemacht, wie es in der deutschen Dramatik kaum ein besseres gibt. „Der zerbrochne Krug“ erlebte 1808 in Weimar unter Goethes missratener Regie seine Uraufführung. Heute ist das Stück von deutschsprachigen Bühnen nicht wegzudenken. Vor allem die Figur des Dorfrichters Adam, der über sich selbst zu Gericht sitzt und den Kopf aus der Schlinge zu ziehen versucht, begeistert Generationen von Zuschauern.

Gerichtsrat Walter (Michael Berndt-Cananá, l.) ist von Richter Adam (Matthias Avemarg) genervt.
Gerichtsrat Walter (Michael Berndt-Cananá, l.) ist von Richter Adam (Matthias Avemarg) genervt. © René Jungnickel

Am Sonnabend hatte das Drama an den Landesbühnen Sachsen Premiere. Oberspielleiter Peter Kube lässt es in achtzig Minuten ohne Pause durchspielen. Die Inszenierung hat Witz, Tempo, fixe Übergänge, sie gibt dem Lustspiel, was des Lustspiels ist. Dazu trägt vor allem das gut besetzte Männer-Ensemble bei.

Gespielt wird im Bühnenbild des Ausstatters Tom Böhm. Drei verschlissene große Tische, auf denen es drüber und drunter geht. Frau Marthe Rull erhebt Klage gegen Ruprecht, den Verlobten ihrer Tochter Eve. Er habe „der Krüge Schönsten“ bei seiner überstürzten Flucht entzweigeschlagen.

Eve (Tammy Girke) steht im Finale ganz allein auf der Bühne.
Eve (Tammy Girke) steht im Finale ganz allein auf der Bühne. © René Jungnickel

Julia Vincze gibt die Mutter nicht als komische Alte, sondern als emanzipierte Frau, die um die Ehre ihrer Tochter kämpft und sich von keinem das Wort abschneiden lässt. Nicht einmal vom eleganten Gerichtsrat Walter, der zum Verdruss Adams als Revisor der Verhandlung beiwohnt. Michael Berndt-Cananá, Radebeuler Ausnahmeschauspieler, verkörpert die Rolle, wie man sie noch nicht gesehen hat.

Ihm dauert die Vernehmung viel zu lange, als säße ihm der nächste Prozess im Nacken. Nervös dreht er Daumen, wippt mit den Füßen, ruckt ständig an seiner Taschenuhr. Walter erkennt die Schuld des verbrecherischen Richters und will das Amt vor Schaden bewahren. Der kabaretterfahrene Matthias Avemarg füllt die Paraderolle des Dorfrichters prächtig aus. Er lügt, was das Zeug hält, spricht Recht nach Gutdünken, tritt nach unten, buckelt nach oben. Ein Schlitzohr vor dem Herrn, um keine Ausrede verlegen.

Abrupt inszeniertes Finale

Anders als bei Kleist ist der Schluss der Inszenierung. Das Gericht wird aufgelöst, die Tische werden hinausgetragen. Der Monolog Eves mit ihrer Anklage der sexuellen Nötigung findet unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt. Die Ehre des Staates darf nicht angetastet werden. Die junge Schauspielerin Tammy Girke steht allein auf der Bühne. Mit leiser, kaum vernehmbarer Stimme trägt sie ihre Ängste vor.

In Girkes Darstellung wird die Tragik einer Frau, die vor den Scherben ihrer verratenen Liebe steht, nur in Ansätzen sichtbar. Umso deutlicher fällt der in Rotlicht gehüllte aktuelle Bezug zur MeToo-Debatte aus, abrupt in Szene gesetzt.

Wieder am: 30.10., 14.11., 11.12., Kartentelefon:: 0351 8954214