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„Lagenreiner Wein wird künftig der Top-Wein sein“

Felix Hößelbarth ist Vorsitzender der neuen Schutzgemeinschaft und sagt, was das für Winzer und Weintrinker bedeutet.

Felix Hößelbarth ist Leiter Weinbau der Radebeuler Hoflößnitz und im Ehrenamt für den Herkunftsschutz zuständig.
Felix Hößelbarth ist Leiter Weinbau der Radebeuler Hoflößnitz und im Ehrenamt für den Herkunftsschutz zuständig. © Arvid Müller

Radebeul. Vor wenigen Tagen hat Sachsens Landwirtschaftsminister Wolfram Günther (Grüne) die Anerkennungsurkunde für die Schutzgemeinschaft über die Herkunft der sächsischen Weine an Felix Hößelbarth übergeben. Hößelbarth ist Betriebsleiter des Radebeuler Stadtweingutes Hoflößnitz und Vorsitzender dieser Schutzgemeinschaft. Er sagt, was die Gemeinschaft will und was es für Winzer und Weintrinker bedeutet.

Herr Hößelbarth, in anderen Ländern Europas gibt es die Herkunfts- und Schutzbezeichnungen für den Wein bis zu den Lagen schon. Was haben die Sachsen uns voraus?

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Da fällt mir sofort Frankreich ein, wo unter Napoleon III. die erste Weinklassifizierung Mitte des 19. Jahrhunderts für Bordeaux stattgefunden hat. Ein deutlicher Vorsprung. Gerade in Frankreich gibt es das für viele Lebensmittel. Dort wird diese Zuordnung richtig gelebt.

Was steht dort auf der Flasche drauf?

Abgegrenzter, kontrollierter Herkunftsbereich steht dort auf Französisch drauf.

Wie würde man das hier klassifizieren?

Das gab es schon im Rheingau. Über Steuerkarten wurde festgestellt, welche Weinberge die höchsten Steuern gebracht haben. Das waren dann die wertvollsten. Und ähnlich ist die erste Bordeaux-Klassifizierung gemacht worden. Die Weine, die bei Auktionen die höchsten Preise erzielt haben, bekamen die höchste Klassifizierung.

Und wie beschreibt man das dann hier?

Die Lagen und Einzellagen gibt es ja hier, etwa in Radebeul, zum Beispiel mit dem Goldenen Wagen. Die kleinste Einzellage, wie eben der Goldene Wagen, soll in der Wertigkeitspyramide ganz oben stehen. Und ein Wein, dessen Trauben aus einem gesamten Gebiet zusammengenommen wird, wie der Bereich Meißen, der wird weit unten stehen. Dieser Bereich Meißen soll sogar auslaufen und nur noch Sachsen, ohne nähere Angabe, draufstehen.

Nein, das Anbaugebiet Sachsen hat seine klaren Außengrenzen. Nur was innerhalb dieser Grenzen produziert wurde, darf Sachsenwein heißen.

Das hängt mit der Betriebsgröße zusammen. Wer seinen Wein lagenrein ausbaut, kann das draufschreiben und kommt damit in die höchste Kategorie. Es kann auch Ortswein, wie etwa aus Radebeul, sein.

Wenn der Betrieb einen Wein lagenrein vom Goldenen Wagen herstellt, wird sicher Sachsenwein und Radebeuler Goldener Wagen als Lage auf dem Etikett stehen. Aber wenn, wie bei der Winzergenossenschaft, die ja Wein von Pirna bis Diera-Zehren zusammenführt, und bisher Bereich Meißen draufstehen hat, dann wird da künftig nur noch Sachsen draufstehen.

Das Höchste wird der Goldene Wagen sein. Wo werden sich da beispielsweise Klaus Zimmerling aus Pillnitz und Prinz zur Lippe einreihen?
Die Einzellage ist die höchste Kategorie. Und Klaus Zimmerling hat – glaube ich – schon Einzellagenbezeichnungen. Prinz zur Lippe gehört zum Verband Deutscher Prädikatsweingüter V.D.P. Dieser Verband hat schon vor längerer Zeit eine Lagenklassifzierung eingeführt, daher gibt Weingut Schloss Proschwitz bereits seine Lagen auf den Etiketten deutlich an.

Warum wird dieser Schutz, diese Schutzgemeinschaft, eigentlich eingeführt?

Das Herkunftssystem wie in Frankreich und Spanien soll EU-weit auch in anderen Weinbauländern eingeführt werden. Österreich hat es bereits so gemacht. Seit der letzten Bundestagswahl und vom neuen Präsident des deutschen Weinbauverbandes ist festgelegt worden, dass auch Deutschland ein herkunftsbasiertes System und nicht mehr das alte haben soll.

Übers Mostgewicht wird die Qualität bestimmt. Ich mag das alte System eigentlich, weil es gerecht ist. Jeder, der gesunde Trauben produziert, hat die Möglichkeit, auch in die höchste Qualitätsstufe zu gelangen und seinen Wein so zu vermarkten. Das nimmt das neue System ein Stück weit weg.

Warum?
Wenn er in die höchste Qualitätsstufe will, muss er aus einer Einzellage kommen.

Wie soll das kontrolliert und durchgesetzt werden? Jemand könnte ja auf seine Etiketten doch mehr draufschreiben, als eigentlich ist.

Eine große Herausforderung. Anfang des Jahres ist das Weingesetz in Kraft getreten, mit einer fünfjährigen Umsetzungsfrist. Viele Details, wie es umgesetzt werden soll, sind noch gar nicht richtig geklärt. Behörden und Weinbauverband mit der Schutzgemeinschaft tasten sich gerade heran. Wir können als Schutzgemeinschaft ganz schwer staatliche Aufgaben übernehmen. Wenn Parameter eingeführt werden, müssen diese ja auch kontrolliert werden. Da ist noch viel zu klären, wer was übernimmt. Wenn das nicht der Staat macht, sondern wir tun müssten, würden wieder Kosten entstehen und auf die Winzer umgelegt werden. Ein kritischer Punkt.

Man könnte das über eine Erntemeldung machen, wo der Winzer angibt, auf dem Flurstück wurde an dem Tag das geerntet. Das wäre über die Kellerbücher plausibel abbildbar. Als Erntemeldung beim Landwirtschaftsamt. Dann wäre die Kontrollinstanz beim Staat.

Wie machen das die anderen Europäer?

Ich vermute, dass es in einer bekannten Herkunftsbezeichnung wie der Champagne die Schutzgemeinschaft macht.

Neun Vertreter sind in der Schutzgemeinschaft. Reicht das?

Eigentlich sind alle Mitglieder des Weinbauverbandes Sachsen auch Mitglieder der Schutzgemeinschaft. Um aber eine Gruppe zu bilden, in der man gut arbeiten kann und zu Ergebnissen kommt, wurde aus den Verband heraus eine Vertreterversammlung gebildet, die sich um die Aufgaben der Herkunftsbezeichnung Sachsen kümmert, die Schutzgemeinschaft. Diese neun Vertreter, stehen repräsentativ für das ganze Weinbaugebiet, Wie große Betriebe, kleine Betriebe, Genossenschaft, junge Unternehmerinnen. Also möglichst aus allen Interessengruppen, jeder mit einer Stimme.

Für den Winzer ist der Vorteil, dass die Weinbranche mitreden kann – bei Rebsortendefinition, Lagenabgrenzung.

Ja, das wurde schon mal aus dem 1971er Weinrecht in das Lastenheft formuliert. Zum Beispiel die Mindestmostgewichte für Qualitätswein und Prädikatswein stehen da drin. Der mindeste Weinsäuregehalt ist festgelegt. Die Sorten, die zugelassen sind.

Er wird das gar nicht so sehr merken. Er kann gezielter aussuchen. Für uns ist es schon immer wichtig, gezielt sächsischen Wein zu genießen. Wenn zukünftig noch eine Weinbergslage auf dem Etikett steht, dann sieht der Käufer, das ist wirklich der Top-Wein. Und wenn nur das Anbaugebiet Sachsen drauf steht, dann ist das auch ein guter Wein, der mittlere gute Alltagswein.

Rein vom Bezeichnungsrecht her nicht. Ich bin mal optimistisch – wir haben ein gutes Preisniveau. Das wollen wir halten, wenn nicht noch Kosten durch Kontrollfunktionen auf uns zukommen. Vielleicht werden die Spitzenweine etwas teurer und die Durchschnittsweine etwas günstiger.

Das Gespräch führte Peter Redlich.

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