merken
PLUS Radebeul

Steingut aus Sörnewitz

Im Coswiger Ortsteil ist 70 Jahre lang Geschirr aus Steingut hergestellt worden. Das Museum Karrasburg zeigt eine farbenfrohe Auswahl.

Dieses durch ein geometrisches Dekor und einfache Gefäßformen bestimmte Steingut aus Sörnewitz hat den Namen „Kopenhagen“. Es gehört zur Sammlung von Karl B. Thomas, der die aktuelle Sonderausstellung im Museum Karrasburg Coswig wesentlich unterst
Dieses durch ein geometrisches Dekor und einfache Gefäßformen bestimmte Steingut aus Sörnewitz hat den Namen „Kopenhagen“. Es gehört zur Sammlung von Karl B. Thomas, der die aktuelle Sonderausstellung im Museum Karrasburg Coswig wesentlich unterst © Karl B. Thomas

Coswig. Karl B. Thomas (76) aus Zeuthen bei Berlin sammelt Steingut-Geschirr aus Sörnewitz und kennt die Geschichten hinter den Tassen und Tellern.

Herr Thomas, was hat Sie an Sörnewitzer Steingut gereizt, dass Sie zum Sammler geworden sind?

Anzeige
Die HOLDER-Werkzeugwelt sucht Verkäufer
Die HOLDER-Werkzeugwelt sucht Verkäufer

Werde jetzt Teil unseres Verkaufsteams und stehe für alle in unserem Fachcenter anfallenden Fragen beratend zur Seite.

Ich sammele Sörnewitzer Steingut seit ungefähr 1995. Dazu gekommen bin ich, weil ich eigentlich Figuren und Zwiebelmuster von Teichert sammle und in diesem Zusammenhang immer wieder Sörnewitzer Stücke in die Hände bekam.

Die Sörnewitzer Steingutfabrik ist 1898 gegründet worden. War das eine von vielen in Deutschland oder hatte sie etwas Besonderes?

Es gab ja um diese Zeit in Deutschland ein großes Wachstum der Bevölkerung und die Haushalte brauchten Geschirr. Deshalb sind überall Steingutfabriken entstanden. Die Leute wollten nicht mehr von Blechtellern essen, sie wollten etwas Vornehmeres haben.

Aber Porzellan, war für die breite Bevölkerung zu teuer. Deshalb sind diese Steingutfabriken im ganzen Land entstanden, und zwar vor allem dort, wo es entsprechende Tonvorkommen gegeben hat. In Sachsen war dies etwa auch in Colditz, Dresden und Torgau der Fall.

Karl B. Thomas (76) aus Zeuthen bei Berlin sammelt Steingut-Geschirr aus Sörnewitz und kennt die Geschichten hinter den Tassen und Tellern.
Karl B. Thomas (76) aus Zeuthen bei Berlin sammelt Steingut-Geschirr aus Sörnewitz und kennt die Geschichten hinter den Tassen und Tellern. © Karl B. Thomas

Zu den Gründern der Sörnewitzer Steingutfabrik gehörte der Meißner Unternehmer Christian Teichert. Hat das Werk von seinen Erfahrungen mit der Produktion von Öfen und Porzellan profitiert?

Teichert ist schon 1904 gestorben, aber ich nehme an, dass der Marketingtrick der Sörnewitzer Steingutfabrik ihre Produkte mit dem Wort Meissen zu markieren, auf ihn zurückgeht.

Am Sörnewitzer Werk sind trotz der Umweltbelastungen mehrfach Wohnungen für Arbeiter gebaut worden. Würden Sie dies trotzdem als soziale Leistung betrachten?

Ja, sicher. Leider sind keine diesbezüglichen Dokumente überliefert. Weder im Sächsischen Staatsarchiv finden sich Unterlagen noch im Firmenarchiv. Das ist 90/91 komplett im Container gelandet.

Die historische Aufnahme zeigt Arbeiter am Glasurbrennofen der Sörnewitzer Steingutfabrik, die 1898 gegründet worden war.
Die historische Aufnahme zeigt Arbeiter am Glasurbrennofen der Sörnewitzer Steingutfabrik, die 1898 gegründet worden war. © Museum Karrasburg Coswig

Die Steingutproduktion in Sörnewitz ist schon vor dem Ende der DDR ausgelaufen.

In der DDR ist 1968 die Porzellan- und Steingutindustrie umgestellt worden, nur einige wenige Betriebe produzierten weiter. Da ist Sörnewitz den Bach runtergegangen, das Werk war ja schon jahrelang auf Verschleiß gefahren worden. Seitdem sind in Sörnewitz Gipskartonplatten hergestellt worden.

Dabei hatte das Steingutwerk in Sörnewitz 1915 rund 1.000 Beschäftigte.

Ja, man kann sagen, dass es ein Großbetrieb gewesen ist.

Kommen wir zu den Sörnewitzer Produkten. Seit den 1920er Jahren ist das sogenannte Spritzdekor angewandt worden. Was ist darunter zu verstehen?

Beim Spritzdekor wird die Farbe mit einer Düse auf den gebrannten Rohscherben aufgetragen und dann noch einmal gebrannt. Während Porzellan bei 1.300 bis 1.400 Grad gebrannt wird, werden beim Steingut nur Temperaturen von etwa 1.000 Grad benötigt. 

Das heißt aber auch, dass das Steingut farbiger als Porzellan sein konnte, weil die Farben nicht so hohen Temperaturen ausgesetzt werden mussten. Das Besondere am Spritzdekor ist, dass es in der Zeit des Art deco entwickelt wurde.

Die Postkarte zeigt eine Gesamtansicht des Werkes.
Die Postkarte zeigt eine Gesamtansicht des Werkes. © Museum Karrasburg Coswig

Gab es aus Ihrer Sicht Qualitätsunterschiede in der Sörnewitzer Produktion von vor 1945 und danach?

Da gab es keine Unterschiede. Steingut ist empfindlich. Wenn man etwa mit einer Tasse an die Tischkante kommt, ist schnell eine Ecke raus. Die ist dann meistens in der Aschetonne gelandet, weil Steingut relativ preiswert gewesen ist und nachgekauft werden konnte. Weil so viel weggeworfen worden ist, findet man heute im Antikhandel und auf Flohmärkten nicht mehr so viel Steingut.

Warum sollten sich den heute junge Leute mit Industriegeschichte, wie der Sörnewitzer beschäftigen?

Das ist eine gute Frage. Weil man sich allgemein mit Geschichte beschäftigen sollte. Damit man sieht, was früher einmal gemacht worden ist. Und teilweise sind das ansprechende und schöne Dinge. Das kann man ja in der Ausstellung im Museum Karrasburg sehen.

Das Interview führte Udo Lemke

Die Sonderausstellung des Coswiger Stadtmuseums Karrasburg (01640 Coswig, Karrasstraße 4) „Wir bitten zu Tisch - Steingut aus Sörnewitz) ist noch bis zum 15. November zu sehen. 

Geöffnet ist sie Di, Do von 12 bis 18 Ur und Sa, So von 14 bis 18 Uhr. 

Am 8. Oktober ist Karl. B. Thomas ab 18.30 Uhr im Museum zu Gast. Er spricht zum Thema „Der farbenfrohe Kaffeetisch.70 Jahre Haushalt- und Ziergeschirr aus Sörnewitz“.

Eintritt: fünf Euro.

Mehr lokale Nachrichten aus Radebeul lesen Sie hier.

Mehr zum Thema Radebeul