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Weit weg von normal

Für die Radebeuler Sängerin der Medlz sind die Corona-Maßnahmen ein Berufsverbot. Die Politik sollte das der Kulturbranche ehrlich kommunizieren, findet Silvana Mehnert.

Singen kann Silvana Mehnert derzeit nur im Proberaum oder in ihrer Radebeuler Wohnung. Trotzdem ist mit den Medlz ein Weihnachtskonzert geplant.
Singen kann Silvana Mehnert derzeit nur im Proberaum oder in ihrer Radebeuler Wohnung. Trotzdem ist mit den Medlz ein Weihnachtskonzert geplant. © Norbert Millauer

Von Beate Erler

Radebeul. Alle Songs, die sie je geschrieben hat, sind in ihrer Radebeuler Wohnung entstanden. Deshalb ist es auch kein Problem, für das Foto am Mikrofon und mit Kopfhörern live zu singen. Gerade vertont Silvana Mehnert ein Weihnachtsgedicht von Else Lasker-Schüler mit dem Titel „Weihnachten“. Ihre kräftige, klare Stimme schmettert durch das Wohnzimmer: „Ich mag es sehr, Gedichte zu vertonen, denn sie haben schon ihre ganz eigene Melodie“, sagt die Sängerin des bekannten Vokalensembles Medlz, die als Miss Rockester gerade ihr drittes Album „Dieser Moment“ veröffentlicht hat.

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Allerdings ganz anders als geplant: Eigentlich sollte die Platte im April im Saal der Elbland Philharmonie in Riesa mit dem gesamten Orchester entstehen: „Doch im April ging dann gar nichts und wir mussten alles verschieben“, sagt die 40-jährige Radebeulerin. Das Hygienekonzept stellte dann alle vor eine riesige Herausforderung. Wegen Corona konnte das Album nicht mit allen Orchestermusikern gemeinsam eingespielt werden, sondern nur in Gruppen: Zuerst die Kontrabässe und Blechbläser, dann die Celli und Bratschen, wieder zu einem anderen Termin die Geigen und zum Schluss die Holzbläser.

Anfang Oktober ist Miss Rockesters drittes Album dann erschienen, an das sie sich noch lange erinnern wird: „Alle haben fast Übermenschliches geleistet, mit zum Teil 18-Stunden-Tagen“, sagt sie. Für die Aufnahme waren drei Tage vorgesehen. Aufgrund von Corona sind daraus zwei Wochen geworden: „Das war der einzige Vorteil“, sagt Silvana Mehnert, „wir hatten mehr Zeit und konnten genauer arbeiten.“

Doch sonst sieht es düster aus, sagen die Medlz in einem Video, das sie auf Facebook gepostet haben. Jetzt fallen auch noch die Weihnachtskonzerte aus, mit denen sich die Musikerinnen sonst die ersten drei Monate des neuen Jahres finanzieren. „Es ist gerade alles weit weg von normal“, sagt die Sängerin. Schon als sie zwei Jahre alt war, hat ihr Vater erste Tonaufnahmen von ihr gemacht: „Meine Eltern konnten ausschlafen, weil ich gleich früh mit dem Plattenspieler beschäftigt war“, erinnert sie sich.

Mit acht Jahren geht sie für elf Jahre zum Philharmonischen Kinderchor Dresden und lernt Gesang und Notenlehre. Parallel macht sie noch eine Klavierausbildung am Heinrich-Schütz-Konservatorium Dresden. Seit 24 Jahren macht sie mit den Medlz Musik und gibt etwa 100 Konzerte im Jahr. Doch dieses Jahr ist alles anders: Kaum Tourneen, und dass sie mit ihrem Soloprojekt Miss Rockester für eine Woche wie geplant auf Herbsttour gehen konnte, ist für sie schon fast ein kleines Wunder.

Gerade für kleine und mittlere Künstler ist das Live-Geschäft überlebenswichtig: Neben den Einnahmen vom Kartenverkauf werden nach Konzerten noch CDs und Fanartikel verkauft. „Ich hatte von Ende März bis Ende Juni Spielpause“, sagt Silvana Mehnert, „im August und September waren es dann etwa 20 Open-Air-Konzerte mit den Medlz“. Doch nun rechnet sie wieder bis mindestens Februar mit einem Auftrittsverbot. Sie ist keine Corona-Leugnerin, kennt Leute, die an dem Virus erkrankt sind und ihre Mutter arbeitet als Krankenschwester: „Die Kulturbranche bringt Verständnis auf, aber die Politiker handeln, so als wäre Kultur ein Luxusgut“, sagt sie.

Als Soloselbstständige stehen ihr für die ersten sechs Monate des nächsten Jahres insgesamt 5.000 Euro Unterstützung zu. Das sind 833 Euro pro Monat, doch davon kann man in Deutschland nicht leben, findet sie: „Die Politiker sollten ehrlicher und fairer mit uns kommunizieren und offen aussprechen, dass wir ein Berufsverbot bekommen haben.“ Die aktuellen Maßnahmen hält sie und viele ihrer Kollegen für zu kurz gedacht: „Wir können diese Krise auch nutzen, um die Dinge grundlegend zu verändern“, sagt sie. Zum Beispiel durch eine finanzielle Umverteilung, wodurch die Auszahlung eines bedingungslosen Grundeinkommens möglich ist.

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Doch darauf kann die Berufsmusikerin nicht warten. Gerade probt sie mit ihren Bandkolleginnen für ein Weihnachtskonzert, das am 19. Dezember online stattfindet. Die Medlz singen in der Himmelfahrtskirche in Leuben vor leeren Stühlen, wo sonst 900 Zuschauer Platz haben. Es ist ihr Konzertersatz für die Weihnachtstour: „Wir hoffen, dass sich viele Leute ein Ticket kaufen und das Weihnachtskonzert vom heimischen Sofa genießen“, sagt sie. Und sonst nutzt sie die Zeit, um öfter Klavier zu üben und schreibt bereits an ihrem vierten Album.

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