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Radebeuler Enkel erforschen Opas Schicksal

Ein Scheunenbrand brachte zwei Jungs 1953 vor die Stasi. Heute wollen sie als Rentner wissen, warum der Hof enteignet wurde.

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© Klaus-Dieter Brühl

Von Kathrin Krüger-Mlaouhia

Lötzschen/Radebeul. Schweigend und ehrfurchtsvoll schauen die beiden Radebeuler Männer in eines der Gedenkbücher in der Marienkirche, von denen sie bisher nichts wussten. Da steht der Name ihres Großvaters Paul Menzel aus Lötzschen, Landwirt auf dem Hof Nummer 17, am 10. Juni 1945 in Großenhain inhaftiert und drei Jahre in den Lagern Jamlitz und Mühlberg gefangengehalten. „Wir wussten bisher nur aus der Zeitung, dass unser Opa kurz vor Kriegsende noch zum Ortsbauernführer gemacht wurde“, erzählt Siegmund Albertowski. In die NSDAP trat er ein, weil dadurch eine Entschuldung des Bauernhofes versprochen wurde. „Und er soll in Kriegsgefangenschaft gewesen sein“, so die Enkel. Doch nach dem 8. Mai 1945 war kein Krieg mehr.

Zu DDR-Zeiten durfte nicht darüber gesprochen werden. Nur Onkel Gotthard Menzel in Zwönitz beantragte nach der Wende die Rückübertragung des Lötzschener Gutes, das der Staat eingezogen hatte – der Antrag wurde zurückgewiesen. Die Erben erhielten aber eine finanzielle Entschädigung. Nun ist der Onkel gestorben, die beiden Radebeuler, die auch schon Rentner sind, wollen sich um die Rehabilitierung ihres Großvaters kümmern.

Als Kinder den Hof abgebrannt

Denn am Schicksal des Lötzschener Hofes sind sie nicht ganz unbeteiligt. Alle älteren Einwohner erinnern sich noch an das Feuer im Oktober 1953, als die enteignete Menzel-Wirtschaft abbrannte. Schuld waren keine Provokateure des 17. Juni, sondern fünf kleine Jungs – unter anderem die beiden Albertowski-Brüder, die in den Ferien bei Opa Paul auf dem Lande waren. „Wir wollten Kartoffelkraut anbrennen“, erinnert sich Siegmund Albertowski. 17 Feuerwehren mussten den Brand löschen. Dann kamen die Männer mit den schwarzen Ledermänteln und Lederhüten aus Dresden – die Staatssicherheit, so der Radebeuler. Im damaligen Gasthaus „Zur weißen Taube“ wurden die laut heulenden Kinder „verhört“ und bekamen Bonbons zum Trost.

Das Gerücht des Brandes als konterrevolutionärer Akt hatte der damalige Thiendorfer Bürgermeister Alfred Guthmann (KPD) in die Welt gesetzt. Da er gleichzeitig seit Februar 1953 LPG-Vorsitzender war, habe er die verstaatlichte Menzel-Wirtschaft mit den zugehörenden acht Hektar Land gern angenommen, wissen die Albertowskis. Auf diesen Guthmann, der erst nach der Wende gestorben ist, sind die Radebeuler deshalb nicht gut zu sprechen. Auch andere Thiendorfer wie Jürgen Klauka wissen zwar, dass der Kommunist damals „nicht lange fackelte“ und seine Bürgermeisterwahl manipuliert haben soll. Doch er hätte für den Ort auch viel Gutes geschaffen. Unter seiner Leitung wurde das Kulturhaus aus dem Boden gestampft.

Dennoch bleibt die Frage: Wie kann der vermeintliche Kriegsverbrecher Paul Menzel rehabilitiert werden? Deshalb sind die Albertowskis ja zur IG Mahnmal gekommen. „Gar nicht, denn er wurde nicht verurteilt“, weiß Gudrun Kracht von der IG. Trotzdem ist er als Opfer der Internierungslager in den Gedenkbüchern erfasst. Kracht besitzt ein Schriftstück von Paul Menzels Sohn Gotthard, dem Onkel aus Zwönitz, in dem dieser von seinem Vater schreibt, dass er desertierten deutschen Soldaten Unterschlupf gewährte, heimlich englische Kriegsgefangene im Dorfgasthof mit Nahrung versorgte und versuchte, das Leid von sowjetischen Kriegsgefangenen, die bei Großbauern arbeiten mussten, zu lindern.

Dass Paul Menzel denunziert wurde, wie Sohn Gotthard schon belegte, hängt mit einem Munitionsfund vor Kriegsende zusammen. Alwin Peschel, der auch in Lötzschen Nr. 17 wohnte, hatte den versteckt. Paul und sein Bruder Kurt wurden daher mit Bauer Alfred Korch vom Feld geholt und von den Russen verhört. Positiv vermitteln konnte dabei ein polnischer Kriegsgefangener: Stanislau Albertowski. Der heiratete später Paul Menzels Tochter Charlotte und wurde so der Vater der Albertowskis. Weil Stanislau aber in Frankreich geboren ist, sind sie eigentlich Franzosen.