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Radler verärgert über Schutzstreifen

Für die Kommunen sind die gestrichelten Linien die einfachste und billigste Lösung. Es geht besser, sagen Radfahrer.

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Reinhard Taubert auf der Weinböhlaer Straße in Coswig. Die neu aufgepinselten Schutzstreifen sollen es für Radfahrer sicherer machen. Daran zweifelt der Weinböhlaer und fordert mehr Platz für Radler.
Reinhard Taubert auf der Weinböhlaer Straße in Coswig. Die neu aufgepinselten Schutzstreifen sollen es für Radfahrer sicherer machen. Daran zweifelt der Weinböhlaer und fordert mehr Platz für Radler. © Arvid Müller

Coswig/Weinböhla. Mit der Sanierung der Weinböhlaer Straße sei diese auch sicherer für Radfahrer geworden, verkündete die Stadt vor ein paar Wochen. Der Grund: die neuen Schutzstreifen für Radfahrer. Die gestrichelten Linien will die Stadt noch verlängern, wenn die Straße Richtung Kreisverkehr saniert wird.

Eine Maßnahme, die Reinhard Taubert nicht überzeugt. Er fahre gern und viel Fahrrad. Eine Verbesserung wäre eingetreten, wenn ein neuer Radweg neben der Fahrbahn entstanden wäre, meint der Weinböhlaer. Die Schutzstreifen tue hingegen nichts für die Sicherheit der Radfahrer.

Denn der vorgeschriebene Mindestabstand beim Überholen von 1,50 Meter wird mit den Streifen nicht eingehalten. Geht auch nicht, weil die Fahrbahn durch die Streifen schmaler ist. „Und weil die Autos auch immer breiter und Autofahrer immer rücksichtsloser werden“, ärgert sich der 58-Jährige.

Reinhard Taubert hat kein Verständnis dafür, dass der Radverkehr so stiefmütterlich behandelt wird. Das stehe im krassen Widerspruch zum erklärten Willen der Politik, die zumindest offiziell möchte, dass mehr Menschen das Fahrrad benutzen. „Mir ist schleierhaft, warum es in diesem Land, wo so gut wie alles bis ins Detail reglementiert wird, möglich ist, Staatsstraßen ohne begleitenden Fahrradweg zu errichten“, sagt sich Taubert und meint zum Beispiel die S 81, auf der im November ein Radfahrer ums Leben kam. 

Die Möglichkeit, die alte, parallel verlaufende Trasse zu einem Radweg umzubauen, wurde beim Ausbau nicht genutzt. Jeden Tag ist Taubert auf der Straße unterwegs. Mit dem Rad würde er dort nie langfahren. „Wir sehen ja, wozu das führen kann.“

Zu DDR-Zeiten und auch noch nach der Wende ging es beim Straßenbau vor allem darum, dass die Autos schneller vorankommen. Später baute man das touristische Radwegenetz aus. Das reicht nicht, wenn das Rad das tägliche Fortbewegungsmittel ist. 

Die Stadt Coswig habe vor 15 Jahren umgedacht, sagt Olaf Lier, Chef des Ordnungsamtes. Trotzdem sei es schwierig, Radwege zu bauen. Das liegt zum einen am Platz, zum anderen am Geld. Vor allem innerstädtisch sind die Straßen meist nicht breit genug für extra Radwege. Die Schutzstreifen sind da die einfachste Lösung. Sie müssen nur 1,25 Meter breit sein und Kosten entstehen nur für die Markierung. Zum Vergleich: Ein gebauter Radweg braucht mindestens 2,50 Meter.

Laut Olaf Lier fehle noch das Bewusstsein, wie viel Geld für den Fahrradverkehr ausgegeben werden soll. Die sechs größten deutschen Städte investieren weniger als 5 Euro pro Kopf und Jahr in den Radverkehr. Das hat Greenpeace ausgerechnet. Zum Vergleich: In Amsterdam sind es laut Greenpeace 11 Euro, in Kopenhagen sogar 35,60 Euro.

Es ist nicht nur das Geld, das nicht investiert wird, sondern ein politisches Problem, sagt Konrad Krause, Geschäftsführer Allgemeiner Deutscher Fahrrad-Club (ADFC) Sachsen. „Es gibt keinen parteiübergreifenden Konsens, dass Radfahren sicherer werden muss“, bemängelt Krause. Das gesamte Verkehrsrecht sei ein Autorecht. 

Es bringe nichts, wenn der Wirtschaftsminister sagt, dass die Förderung des Radverkehrs der Regierung ein wichtiges Anliegen sei, und dann der Leiter des Meißner Lasuv auf einem Pressetermin erklärt, man baue gern Radwege, aber die maroden Straßen im Kreis hätten Priorität. „Seit vier Jahren ist im Landkreis kein einziger Meter Radweg gebaut worden“, erklärt Konrad Krause.

Die Schutzstreifen seien für die Kommunen eine Möglichkeit, billig einen Haken hinter das Thema zu setzen. „Gut gewollt, aber schlecht gemacht.“ Denn die Idee der Streifen kommt ursprünglich aus Holland. Dort sind sie allerdings breiter und rot eingefärbt. Die rote Farbe sei jedoch teuer. „Aber ohne diese farbliche Abhebung sind es eher Verunsicherungsstreifen“, sagt Krause.

Reinhard Taubert würde sich wünschen, dass das Thema Radsicherheit öffentlich mehr diskutiert wird. Und dass die Planer und Entscheider mal selbst aufs Fahrrad steigen. Um Alltagserfahrungen zu sammeln, wäre das hilfreich, sagt auch Konrad Krause.