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Rätsel um Görlitzer Hotelgast

In einem Görlitzer Hotel wurde ein Gast des Betruges verdächtigt. Heraus kam dann allerdings ein Vermisstenfall.

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© dpa

Von Ralph Schermann

An der Rezeption eines Görlitzer Hotels blickte der Angestellte sehr kritisch auf einen jungen Mann. Der Hotelgast legte seinen Schlüssel auf den Tresen, er wolle noch eine Runde „durch die Stadt“ streifen. Der Hotelfachmann schaute auf die Uhr. Soeben rückte der Zeiger an diesem Freitag auf 21.33 Uhr vor. Was den Portier stutzig machte: Der Hotelgast trug eine Tasche.

Wollte der Mann etwa auf Nimmerwiedersehen verschwinden, sozusagen sich ohne Begleichen der Hotelrechnung aus dem Staub machen? Der Hotelangestellte grübelte: Was tun? Er rief die Polizei. Die schickte eine Streife vorbei, und das mittlerweile erweitert bereitstehende Hotelpersonal konnte den Beamten gegenüber den Verdacht noch aus einem anderen Grund erhärten: Es sei nämlich ziemlich untypisch, dass jemand wie besagter junger Mann schon eine Weile Gast ist, aber immer wieder nur für einen Tag den Aufenthalt in seinem Zimmer verlängere.

Die Beamten begannen ihre Ermittlungen: Wie heißt er, wie hat er sich hier im Hotel gemeldet, gab es sonst Unregelmäßigkeiten? Die Fragen waren kaum ausgesprochen, da tauchte der Gast wieder auf. Er hatte sich also nicht aus dem Staub gemacht, und es sei ja wohl nicht verboten, mit einer Tasche spazieren zu gehen. Das nicht, aber wohl mit einem Eintrag im Fahndungsbuch. Dort drin war der aus einem weiter westlich liegenden Bundesland stammende 23 Jahre alte Gast nämlich registriert. Nicht wegen einer Straftat, sondern weil er zur Aufenthaltsermittlung ausgeschrieben war. Seine Mutter hatte ihn der Polizei als vermisst gemeldet.

Dazu befragt, erzählte der merkwürdige Görlitz-Tourist, dass er drei Wochen Urlaub habe und eine Rundreise mache. Er bliebe überall dort, wo es ihm gefalle, und wenn es ihm besonders gut gefalle, auch mal Tag für Tag länger. Vor seiner Mutter allerdings wolle er mal etwas Ruhe haben, und da er alt genug sei, ginge sie seine Reise auch nichts an. Tatsächlich hatte der verwandtschaftliche Umgang des Mannes die Polizisten nicht zu interessieren. Sie bedankten sich beim Personal, denn es hätte ja durchaus auch anderes vorliegen können.

Sie veranlassten die Löschung der Fahndung. Sie teilten der Mutter des Mannes ohne Nennung einer Ortsangabe mit, dass es ihrem Sohn gut geht und er keinen Kontakt wünscht. Und zuletzt wünschten sie dem 23-Jährigen noch viele Verlängerungen der Hotelbuchung. Denn in Görlitz muss es einem schließlich besonders gut gefallen. Ob mit oder ohne Polizei.