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Rieche Deinen Nächsten!

Können Eltern ihre Kinder am Duft erkennen? Mit dieser Frage beschäftigt sich eine Studie am Universitätsklinikum Dresden und sucht noch nach ein paar Supernasen.

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© Sven Ellger

Von Jana Mundus

Der weiße Baumwoll-Body liegt im Tiefkühlfach. Sein Duft wird konserviert. Nach einer Nacht am Körper eines knuffigen Babys wartet er nun durchzogen mit dessen Geruch auf Mama. Genau die soll nämlich das Kleidungsstück ihres eigenen Kindes herausfinden. Zur Ablenkung bekommt sie mehrere identisch aussehende Bodys vorgelegt. Doch einzig Schnuppern ist bei der Suche erlaubt. Mit dieser Riechstudie beschäftigen sich derzeit die wissenschaftliche Mitarbeiterin Laura Donner und Studienleiterin Ilona Croy von der Klinik und Poliklinik für Psychotherapie und Psychosomatik des Universitätsklinikums. Die ersten Ergebnisse verblüffen.

Viele wissen: Babys duften angenehm. Irgendwie süßlich, milchig, frisch. Eltern lieben diesen Geruch. Eine Vorstudie zeigte in den vergangenen Jahren allerdings bereits: Kommt das Kind in die Pubertät, sinkt die Attraktivität seiner Ausdünstungen in den Nasen der Eltern immer mehr. „Diese Studie war eine reine Befragung“, erklärt Laura Donner. „Mit zunehmendem Alter wird der Duft des eigenen Kindes nicht mehr oder weniger angenehm eingeschätzt als der des Partners.“ Die Forscher wollten allerdings genauer wissen, was dran ist an diesem Phänomen. Seit Januar bitten sie zum Riechtest.

Auch andere Kinder duften gut

Insgesamt 200 Familien sollen bei der von der Deutschen Forschungsgemeinschaft mit 300 000 Euro finanzierten Studie mitmachen. Fast 100 sind schon gefunden. Vor allem mit Kindern zwischen null und drei und vier bis acht Jahren. „Wir brauchen aber noch dringend Familien mit Nachwuchs zwischen neun und 13 sowie 14 und 18 Jahren“, sagt Ilona Croy. Schließlich sollen die Ergebnisse für die Veränderungen während der Pubertät belastbar sein.

Mitmachen können Mütter, Väter und ihre Kinder. Beim ersten Termin wird von jedem Familienmitglied mittels eines kleinen Wattestäbchens ein Wangenabstrich genommen. Dann geht es mit Schlaf-Body oder, je nach Alter des Kindes, mit Schlaf-Shirt nach Hause. „Die Kleidungsstücke müssen nach der Nacht bei uns abgeben werden oder wir holen sie ab“, erklärt Laura Donner. Beim zweiten Termin findet dann der eigentliche Test statt. Angeschlossen an ein Gerät, das die Aktivität der Gesichtsmuskulatur misst, schnuppern die Probanden an verschiedenen Kleidungsstücken. „Sie müssen den Geruch danach bewerten und am Ende tippen, welche Probe vom eigenen Kind ist.“ In 40 Prozent der Fälle identifizieren die Eltern ihr Kind richtig. „Vor allem bei den Null- bis Vierjährigen funktioniert das sehr gut“, sagt sie.

Doch nicht nur den Geruch des eigenen Kindes finden viele attraktiv. Über den Wangenabstrich bestimmen die Wissenschaftler das humane Leukozyten-Antigen-System (HLA-System) der Probanden. Das sind Gene, die für die Funktion des Immunsystems zuständig sind. „Wir schauen uns die HLA-B und HLA-C genannten Genabschnitte genauer an und suchen Übereinstimmungen zwischen den Teilnehmern“, erklärt Ilona Croy. Bisherige Tests zeigen: Gibt es Parallelen in den Genen beim eigenen und einem fremden Kind wird auch dessen Geruch positiv eingeschätzt. Die Ergebnisse der Studie sollen später auch Müttern helfen, die nur schwer eine Bindung zu ihrem Kind aufbauen können. Kann diese Beziehung durch eine Art Geruchstherapie verbessert werden? Auch die Frage, wie Frauen unterstützt werden können, die keinen Geruchssinn haben und Mutter werden wollen, spielt eine Rolle.

Natürlicher Schutz vor Inzest

Biologisch und evolutionär machen die Veränderungen in der Geruchseinschätzung Sinn. Der angenehme Duft ist Belohnung für die Eltern. Sie bleiben in der Nähe ihres Kinds und kümmern sich. Für das Abnehmen der Duft-Attraktivität gibt es eine Theorie. „Damit könnte auf natürliche Weise Inzest vermieden werden“, erklärt Laura Donner. Inwieweit Hormone für die Veränderung des Geruchs verantwortlich sind, soll eine Parallelstudie herausfinden.

Die Anmeldung zur Studie ist möglich unter: [email protected]