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Besorgte Oma: Muss erst was passieren?

Sie kritisiert, dass in Pulsen niemand die Erstklässler vom Hort zum Bus begleitet. Es ist auch ein Hinweis auf ein tiefer gehendes Problem in der Röderaue.

Wer begleitet die Pulsener Hortkinder zur Bushaltestelle?
Wer begleitet die Pulsener Hortkinder zur Bushaltestelle? © dpa

Lichtensee/Pulsen. Emil ist ein pfiffiges Kerlchen. In Mathe macht ihm keiner aus seiner Klasse so schnell etwas vor. Er könne schon mit dreistelligen Zahlen rechnen, berichtet seine Oma Eva-Maria Pietzsch ganz stolz. Denn Emil geht erst seit ein paar Wochen zur Schule. Oder besser gesagt: er fährt zur Schule. Mit dem Bus. Und das bereitet ihm bisweilen Probleme. Und seinen Eltern Sorgen.

Gleich am ersten Schultag gab es einen Vorfall. Nach dem Unterricht an der Grundschule Pulsen wartete die Mutter an der Haltestelle im heimischen Lichtensee. Der Bus hielt an, aber Emil stieg nicht aus. Der Bus wollte schon losfahren, da stellte sich die Mutter in den Weg und klopfte an die Scheibe. Erst als sie einstieg, konnte sie ihren Sohn im Bus entdecken und mit nach Hause nehmen.

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"Da haben wir noch drüber gelacht", erinnert sich die Großmutter. Doch am Montag stand ihre Tochter wieder in Lichtensee an der Bushaltestelle. Diesmal wartete sie vergeblich, dass ihr Emil aussteigt. Sofort war ihre Sorge groß, dass der Erstklässler in einen falschen Bus eingestiegen sein könnte oder, was schlimmer wäre, jemand ihn mitgenommen hat. "Da braucht nur einer anzuhalten und die Notsituation des Kindes auszunutzen", sagt Eva-Maria Pietzsch. 

Hortleiter: Eltern sofort informiert

Als der Junge später wohlbehütet zu Hause ankam, habe er erzählt, dass er vergessen hatte, seine Hausschuhe auszuziehen und deshalb noch mal zurück in den Hort gegangen sei. Als er wieder an der Haltestelle vor der Schule ankam, war sein Bus schon weg. Danach sei er zurück in den Hort gegangen. Wie die Oma schildert, habe der Junge dort mehrere Minuten gewartet, ehe sich jemand um ihn gekümmert hätte.

"Das stimmt nicht", sagt Robert Beeg. Er ist seit Anfang des Jahres der neue Schulhortleiter in Pulsen. Eine Erzieherin habe den Jungen alleine an der Haltestelle stehen sehen und ihn zurück in den Hort geholt. Danach seien sofort die Eltern informiert worden, damit sie sich keine Sorgen machen müssen und Emil in Pulsen abholen können. 

Oma Pietzsch fragt sich dennoch, warum denn niemand von der Schule oder dem Hort auf die Kinder an der Haltestelle aufpasst. "Sie können weder lesen, noch schreiben und steigen möglicherweise in den falschen Bus ein", sagt sie und findet es nicht richtig, nur darauf zu vertrauen, dass ältere Schüler auf die Erstklässler mit Acht geben. "Meiner Meinung nach wird dort in gröbster Weise die Aufsichtspflicht verletzt", schimpft die Großmutter. "Muss denn erst was passieren?"

Nünchritz zeigt, wie es gehen kann

"Der Hort hat keine Aufsichtspflicht an der Bushaltestelle, die endet am Tor", sagt Beeg. "Der Heimweg ist Elternsache." Das sei nicht nur in Pulsen, sondern überall so. Allerdings handhaben es die Kommunen unterschiedlich. Die Gemeinde Nünchritz hat zum Beispiel eine Ein-Euro-Jobberin engagiert, die die Grundschüler nach dem Unterricht zur nahen Bushaltestelle begleitet.

Beeg ist das Problem bewusst, zumal im Pulsener Hort sieben Erzieher und Erzieherinnen auf rund 100 Kinder aufpassen müssen. "Da kann ich niemanden extra an die Haltestelle abstellen", sagt er. In dieser Woche gleich gar nicht, da drei Kollegen krankheits- und urlaubsbedingt fehlen.

"Aber wir schauen schon hin, auch wenn das Hortgelände sehr groß ist und der Spielplatz sich am anderen Ende befindet", so Beeg. "Wir haben uns ja auch sofort um den Jungen gekümmert und die Eltern angerufen."

Ein Kommen und Gehen beim Personal

Er habe den Wunsch mehrerer Eltern nach einer Begleitperson zur 15 Meter entfernten Bushaltstelle beim Träger des Schulhortes, der Leuchtpunkt gGmbH, angesprochen. Sie kümmert sich um Personalentscheidungen in den Kindereinrichtungen der Gemeinde Röderaue.  

Doch seit einiger Zeit soll es dort bei den Erziehern ein ständiges Kommen und Gehen geben. Das bestätigte Bürgermeister Lothar Herklotz auf der letzten Gemeinderatssitzung. "Die Fluktuation ist hoch", sagt er. In jüngster Vergangenheit hätten neun Erzieherinnen gekündigt. Für nur zwei Kitas und einen Schulhort ist das ziemlich viel. Alle offenen Stellen hätten aber wieder neu besetzt werden können. 

"Wir bedauern sehr, dass auch ältere Erzieherinnen weggegangen sind", so Herklotz. "Uns gegenüber haben sie keine Gründe genannt." Er vermutet aber, dass es am Gehalt lag. Das sei in der Gemeinde Röderaue zwar nah am Tarif des öffentlichen Dienstes angelehnt, aber in vielen anderen Kindereinrichtungen des Landkreises Meißen wird Tarif bezahlt, auch wenn es keine staatliche Einrichtungen sind.

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