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Zeithain: Der Röderauer Wolf hat jetzt eine Braut

Wo hat er sie "aufgerissen"? Und macht er sich jetzt mit ihr in der Region sesshaft?

Von Jörg Richter
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Die Wildkamera von Bernd Richter hat das neue Wolfspaar im Röderauer Wald aufgenommen. Im Hintergrund scheinen zwei weitere helle Punkte auf die Augen eines dritten Wolfes hinzudeuten. Doch es ist nach Aussage des Jägers ein Kamerafehler.
Die Wildkamera von Bernd Richter hat das neue Wolfspaar im Röderauer Wald aufgenommen. Im Hintergrund scheinen zwei weitere helle Punkte auf die Augen eines dritten Wolfes hinzudeuten. Doch es ist nach Aussage des Jägers ein Kamerafehler. © Bernd Richter

Röderau. Er nennt ihn seinen "Kumpel". Dabei hätte Bernd Richter jede Menge Grund, auf den jungen Wolf in seinem Revier sauer zu sein. Denn er vertreibt dem Röderauer Jäger die Wildtiere. Vor allem die Rehe. Nur ein paar Wildschweine, Waschbären und der Fuchs getrauen sich ab und zu auf die Kirrung, die Bernd Richter im Wald angelegt hat, um die Tiere anzulocken.

Statt mit Patronen schießt der Jäger schon seit einiger Zeit nächtliche Fotos mit der Wildkamera. Sie dokumentieren das Verhalten der Waldtiere. Und so ist ihm auch der junge Wolf, der seit Wochen in der Gegend rund um Zeithain von mehreren Leuten gesichtet wurde, nicht vor die Flinte, sondern vor die Linse gelaufen.

Der erfahrene Jäger ist davon überzeugt, dass es sich bei jungen Burschen um einen Abkömmling des Rudels aus der Gohrischheide handelt. Er ist ausgewachsen und nun von seinen Eltern vertrieben worden, um neuem Nachwuchs Platz zu machen. Es ist das Schicksal männlicher Wölfe. Sie werden von ihrer Familie verstoßen, um selbst eine Familie zu gründen. Und das ist dem Röderauer Wolf wohl nun schneller gelungen als erwartet.

Überraschende Fotos von Richters Kirrung

Bernd Richter hat vor Kurzem mit seiner Wildkamera Bilder von zwei Wölfen auf seiner Kirrung gemacht. "Der größere von beiden ist eindeutig mein Kumpel", sagt der 79-Jährige. Der andere Wolf ist kleiner und mit großer Wahrscheinlichkeit eine Fähe.

Wo der Röderauer Wolf seine Gefährtin "aufgerissen" hat, kann man jetzt noch nicht sagen. Dazu müssten Spezialisten den Kot des Weibchens analysieren, um die Verwandtschaft mit anderen Rudeln zu klären.

Laut der schematischen Darstellung der sächsischen bzw. angrenzenden Wolfsrudel, die das Landesamt für Naturschutz, Landwirtschaft und Geologie jährlich erstellen lässt, lag im vergangenen Jahr das Rudel im Raschützwald bei Lampertswalde am nahesten von der Gohrischheide entfernt. Auch das Rudel bei Ruhland (Land Brandenburg) könnte als Ursprungsfamilie der Fähe infrage kommen.

Der Röderauer Jäger Bernd Richter zeigt auf die Wildkamera, die er an seiner Kirrung im Wald an einem Baum befestigt hat.
Der Röderauer Jäger Bernd Richter zeigt auf die Wildkamera, die er an seiner Kirrung im Wald an einem Baum befestigt hat. © Klaus-Dieter Brühl

"Man weiß nicht wirklich, wie viele Wölfe es in der Region tatsächlich gibt", sagt Richter. Ein Wolf kann immerhin pro Nacht bis zu 70 Kilometer zurücklegen. Dabei durchstreifen die Tiere andere Rudelgebiete.

Möglicherweise hat der Röderauer Wolf seine neue Freundin aber auch ganz in der Nähe kennengelernt. Bis vor einem Jahr grenzte nördlich der Gohrischheide das Gebiet des Lönnewitzer Rudels (Landkreis Elbe-Elster) an. Es tauchte erstmals 2019 im offiziellen Monotoring des sächsischen Landesamtes auf. Im vergangenen Jahr war es wieder verschwunden.

Bernd Richter hat in den vergangenen Tagen weitere Fotos von dem Wolfspaar machen können. Er geht aber davon aus, dass es nach dem Winter weiterzieht. Vielleicht nach Norden in Richtung Lönnewitz oder nach Nordosten in die Merzdorf-Hirschfelder Waldhöhen (westlich von Frauenhain). Selbst der geschützte Auenwald bei Zabeltitz wäre ein möglicher Rückzugsort für Wölfe.

Im Gegensatz zur Lausitz ist der Landkreis Meißen noch nicht von diesen Raubtieren, die bis Ende des 20. Jahrhunderts in Deutschland als ausgerottet galten, überbevölkert. Viele Schäfer und Halter von Rindern sehen das anders. Ihnen ist jeder Wolfsriss einer zu viel.

Peter Brandt von der Interessengemeinschaft Sichere Weidewirtschaft (ISW) warnt deshalb vor einer ausufernden Population der Wölfe, wenn dieser nicht Einhalt geboten werde. Der Dresdner widerspricht den Argumenten der Wolfslobby, die seiner Ansicht nach durch die neue Bundesregierung mit Beteiligung der Grünen gestärkt würde.

So werde schon in der Schule propagiert, dass Wölfe eine natürliche Scheu vor Menschen haben. "Eine natürliche Scheu gibt es nicht", schreibt er. "Die Scheu wurde durch die tausendjährige Jagd auf Wölfe erzeugt. Dass die Scheu nachlässt, weil sie hier nicht gejagt werden, sehen wir daran, dass Wölfe sogar tagsüber in Wohngebieten umherstreifen."

Auch das Argument, dass Wölfe keine Menschen angreifen, hält er für "dummes Zeug". Er beruft sich dabei auf eine Statistik, nach der in Sachsen zwei Jogger an Armen und Beinen von den Tieren "berührt" worden seien. Einem Jäger, der sein geschossenes Wild nachsuchte, soll ein Wolf in den Arm gebissen haben.

Wie viele Wölfe gibt es denn nun?

Auffällig im Schlagabtausch der Wolfsbefürworter und -gegner ist die Anzahl der Wölfe. "Niemand kann sagen, wie viele Wölfe derzeit in Deutschland leben", so Brandt. Die Dokumentations- und Beratungsstelle des Bundes zum Thema Wolf (DBBW) geht nach der neuesten Zählung von rund 1.300 Tieren aus. Die ISW will dagegen aus "gut informierten Kreisen" wissen, dass es schon um 3.000 seien.

"Jährlich kommen ca. 33 Prozent dazu", so Brandt. Das entspreche einer Verdoppelung der Zahlen in 2,5 Jahren und einer Vervierfachung in fünf Jahren. "Also müssen wir im Jahr 2026 mit ca. 12.000 Wölfen rechnen", sagt er. "Eine Weidetierhaltung ist schon bei weniger Wölfen nicht mehr möglich."

Auch Bernd Richter kennt die Bedenken seiner Jagdfreunde. Nicht wenige von ihnen sprechen sich für eine Abschussquote in Sachsen aus. Richter ist hin- und hergerissen. Er hat Respekt vor dem Wolf und findet, dass er zur Natur gehört. Auf der anderen Seite macht sich der Röderauer Sorgen um die Zukunft der Jägerei. In Mecklenburg-Vorpommern, wo er jahrelang ein weiteres Jagdrevier betreute, gebe es wegen der Wölfe kaum noch Rothirsche.