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Erste Rübenernte nach Brottewitz-Aus

Längere Wege, wenig Ertrag: Die erste Kampagne nach dem Aus der nahegelegenen Zuckerfabrik ist im Gange – und macht manchem Sorge.

Eine sogenannte Zuckerrübenmiete im Altkreis Riesa im Jahr 2019. Diese Rüben kamen noch in die Fabrik nach Brottewitz. Nun geht es ins gut viermal so weit entfernte Zeitz.
Eine sogenannte Zuckerrübenmiete im Altkreis Riesa im Jahr 2019. Diese Rüben kamen noch in die Fabrik nach Brottewitz. Nun geht es ins gut viermal so weit entfernte Zeitz. © Archivfoto: Eric Weser

Region. Mitte September ging es los, Mitte Januar soll Schluss sein: Es ist Halbzeit bei der diesjährigen Rübenkampagne. Und während gerade die Lkw zwischen den Feldern der Lommatzscher Pflege und der Zuckerfabrik pendeln, ist in anderen Ecken des Landkreises die Rübenernte schon abgefahren. Zum Beispiel bei der Agrargenossenschaft "Unteres Elbtal" in Kreinitz.

Bis zuletzt hatte man dort die Zuckerfabrik quasi vor der Haustür. Je nach Lage des Feldes waren es gerade einmal zehn bis zwölf Kilometer bis in den Mühlberger Ortsteil Brottewitz. Vergangenes Jahr jedoch beschloss der Südzucker-Konzern das Aus für das 90-Mitarbeiter-Werk in Südbrandenburg für 2020. Und so kam es – trotz aller Proteste von Mitarbeitern, Gewerkschaft und Politikern.

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Deswegen kommen die meisten Rüben aus der Region seit diesem Jahr in die nächstgelegene Südzucker-Fabrik ins reichlich 100 Kilometer entfernte Zeitz im Süden Sachsen-Anhalts. Um sie dorthin zu bringen, braucht es vor allem eins: mehr Lkw. Das bestätigt Ulrich Theinert vom Fuhrbetrieb Rienecker und Theinert aus Strehla. Das Unternehmen lieferte schon zuletzt die auf hiesigen Felder geernteten Rüben nach Brottewitz. Dafür genügten 20 Lkw. Jetzt sind es ein Dutzend mehr. Die zusätzlichen Kräfte habe er teils eingestellt, teilweise handele es sich um Subunternehmer, sagt Ulrich Theinert. 

Durch Zeitz als neuen Zielort verändern sich auch die Routen – und damit für einige Orte die Verkehrsbelastung. Durch Strehla zum Beispiel seien früher während der Kampagne täglich 160 Rübenlaster gefahren, sagt Ulrich Theinert. "Wir sind 80 Mal am Tag durch, und eine weitere Spedition auch." Das falle jetzt weg. 

Den ein oder anderen Lkw-geplagten Anwohner an früheren Zuckerrüben-Strecken dürfte das freuen. Anderswo ist dafür jetzt mehr los. "Irgendwo müssen die Lkw lang", sagt Ulrich Theinert. Von den hiesigen Anbauflächen zur Zeitzer Fabrik führen die kürzesten Wege über die B 6 oder B 169 Richtung A 14, bis kurz vor Leipzig, dann ein Stück A 38 bis auf Höhe Markleeberg und von dort über die B 2 vorbei Richtung Süden nach Zeitz. 

Der deutlich längere Transportweg und die damit verbundenen höheren Kosten sind indes ein Grund, warum es in der Region weniger Zuckerrübenanbau gibt. Waren es voriges Jahr noch 79 Anbauer mit 2.500 Hektar Fläche, sind es jetzt noch 55 mit 1.750 Hektar, sagt Christian Beyer, Geschäftsführer des Verbandes Sächsisch-Thüringischer Zuckerrübenanbauer. Speziell für den östlichen Rand des Landkreises Meißen bedeute der Weg nach Zeitz eine Verdopplung der Frachtkosten im Vergleich zu Brottewitz. Bei der ohnehin knappen Wirtschaftlichkeit der Zuckerrübe in den vergangenen Jahren infolge der anhaltenden Trockenheit hätten mehrere Anbauer aufgehört. Der Kreis Meißen sei für Südzucker jetzt auch die östliche Grenze. Als es Brottewitz noch gab, seien dorthin auch Rüben aus der Bautzener Region geliefert worden. In Ostsachsen sei der Rübenanbau jetzt aber entweder eingestellt oder die verbliebenen Rübenanbauer liefern ihre Ernte in eine tschechische Zuckerfabrik.

Bei der Agrargenossenschaft Kreinitz, deren Rüben dieses Jahr erstmals nach Zeitz gingen, ist Vorstand Gerhard Förster indes auf die Endabrechnung der jetzigen Kampagne gespannt. Vorliegen werde die im April 2021. Dann werde sich auch zeigen, ob die Kosten gedeckt werden – oder nicht. "Wenn nicht, dann muss man einfach aufhören. Man kann ja nicht jedes Jahr Geld drauflegen", sagt der Landwirt, der schon voriges Jahr nicht mit den Wirtschaftszahlen zufrieden war. "Wir haben für die Tonne Rüben 25 Euro bekommen, das war ein verdammt schlechter Preis." Und dieses Jahr, schätzt Förster, dürfte der Markt aus Sicht seines Betriebs noch schlechter sein. Der Weltmarktpreis für Zucker sei nach wie vor im Keller.

Ob die Rübe einmal gänzlich aus der Region verschwindet, wenn sich mehr und mehr Betriebe aus der Produktion verabschieden? Da will sich auch Christian Beyer nicht festlegen. "Es spricht wirtschaftlich und ackerbaulich nichts dagegen", sagt er. Und eigentlich gehöre die Rübe auch in die Region, und in der Lommatzscher Pflege mit ihren guten Bodenwerten habe die Frucht auch Zukunft. Politische Vorgaben allerdings könnten das Ganze gefährden: Werde der Kurs fortgesetzt, Pflanzenschutz- und Düngeregularien weiter zu verschärfen, kann das nach Einschätzung von Christian Beyer dazu führen, dass die Rübe in den nächsten zehn Jahren aus Mitteldeutschland verschwindet. 

Hintergrund: Was wurde aus Werk und Mitarbeitern in Brottewitz?

Die rund 100 Mitarbeiter des Südzucker-Werks haben nach Angaben der Gewerkschaft Nahrungsmittel und Genuss (NGG) zum Großteil wieder Arbeit gefunden. Etwa zehn bis 15 Mitarbeiter hätten das Angebot wahrgenommen, nach Zeitz zu wechseln. Weitere Mitarbeiter sind laut Ingolf Fechner von der NGG bei neuen Arbeitgebern untergekommen – von der Lebensmittelbranche bis zum metallverarbeitenden Betrieb. "Die meisten sind ja handwerklich ausgebildet, als Schlosser oder dergleichen sind sie angesichts von Facharbeitemangel begehrt", so ein NGG-Verantwortliche. Viele der neuen Jobs lägen im 50-Kilometer-Umkreis, auch in Riesa oder Gröditz. Abstriche mussten laut dem Gewerkschafter einige ehemalige Zuckerwerker beim Gehalt in ihren neuen Beschäftigungen hinnehmen. Sie hatten in ihrem früheren Job in der Zuckerindustrie Entgelte auf 100 Prozent Westniveau erhalten. "Das war eine in der Region sehr gut bezahlte Arbeit", so die NGG. Das stillgelegte Werk in Brottewitz ist derzeit eine Industriebrache. Eine SZ-Anfrage, was  Südzucker als Eigentümer damit vorhat, blieb vorerst unbeantwortet. Laut Gewerkschaft wurden verwendbare Anlagen und Maschinen aus Brottewitz an andere Standorte verbracht. (SZ)

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