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"Von Gewinnerzielung meilenweit entfernt"

Seit März ist Riesas FVG permanent mit Krisenmanagement beschäftigt, sagt deren Chef – und geht mit der Politik hart ins Gericht.

John Jaeschke ist seit August 2019 Geschäftsführer der Stadttochter FVG Riesa, die unter anderem die Sachsenarena betreibt.
John Jaeschke ist seit August 2019 Geschäftsführer der Stadttochter FVG Riesa, die unter anderem die Sachsenarena betreibt. © Sebastian Schultz

Herr Jaeschke, das jüngste Demoplakat spricht von „Sachsen bald ohne Arena?!“ Müssen sich die Riesaer Sorgen um die Existenz ihrer Arena als Veranstaltungsort machen?

Wir haben bewusst ein Frage- und Ausrufezeichen dahinter gesetzt. Uns war klar, dass es Aufmerksamkeit erzielen wird, und genau das soll, ja, das muss es auch! Die gesamte Veranstaltungsbranche befindet sich inzwischen in einer dramatischen Lage und benötigt zwingend Unterstützung der Politik. Genau darum ging es auch auf der Demo in Berlin. Klar ist: Nur in einem vernünftigen Veranstaltungsmarkt funktioniert auch unsere Sachsenarena.

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Voriges Wochenende gab es – mit Hygieneauflagen – die International Darts Open in der Riesaer Arena. Inwieweit war das eine Rückkehr zur Normalität?

Bei einem Zehntel der Zuschauer gegenüber dem Niveau der Vorjahre kann man nicht von Normalität sprechen. Ich bin der PDC Europe (dem Veranstalter, Anm. d. Red.) sehr dankbar, dass Sie auch in diesen schweren Zeiten Präsenz bei uns in Riesa gezeigt haben. Aber genau wie wir, brauchen auch sie Veranstaltungen, die auf Gewinnerzielung hinauslaufen. Davon sind wir gerade meilenweit entfernt.

Die Pandemie als Zerreißprobe für die Sachsenarena? Am Mittwoch demonstrierten FVG-Mitarbeiter um John Jaeschke (r.) vorm Berliner Fernsehturm. Schon Anfang September hatten sie dort mit Branchenkollegen protestiert. Die jüngsten Entscheidungen von Bund u
Die Pandemie als Zerreißprobe für die Sachsenarena? Am Mittwoch demonstrierten FVG-Mitarbeiter um John Jaeschke (r.) vorm Berliner Fernsehturm. Schon Anfang September hatten sie dort mit Branchenkollegen protestiert. Die jüngsten Entscheidungen von Bund u © FVG Riesa

Im Spätsommer hatte sich die Veranstaltungsbranche Erkenntnisse aus dem Leipziger Tim-Bendzko-Konzert für größere Veranstaltungen unter Pandemiebedingungen erhofft. Gab es die?

Die Studie ist gerade rausgekommen. Ganz wichtige Erkenntnisse sind unter anderem, dass die Gesamtzahl der mehrere Minuten lang kritischen Kontakte bei Veranstaltungen nicht sehr hoch ist und somit durch Hygienekonzepte erheblich reduziert wird. Ein Fokus muss auf die Einlass- und Pausen-Situation gelegt werden, da dort die Kontaktanzahl am höchsten ist. 

Was ich auch für sehr wichtig erachte: Mehr als 90 Prozent der Befragten fanden es nicht schlimm, eine Maske zu tragen und wären wieder dazu bereit, um eine Veranstaltung zu besuchen. Wenn Hygienekonzepte eingehalten werden, sind die zusätzlichen Auswirkungen auf die Pandemie gering bis sehr gering! Genau darauf achten wir bei unseren Veranstaltungen in Riesa.

Geben Sie Außenstehenden bitte einen Einblick: Wie sehr unterscheidet sich die Arbeit der FVG in diesem Jahr im Gegensatz zu „normalen“ Jahren?

Wir hatten bis März eine wirklich gute Entwicklung. Dann kam die Vollbremsung, und seitdem beschäftige ich mich fast ausschließlich mit Krisenmanagement. Wir haben kaum Einnahmen, aber jeden Monat Fixkosten in erheblicher Höhe. Man muss kein Ökonom sein, um sich vorzustellen, was das heißt.

 Die Verantwortung für die Menschen, die hier seit vielen Jahren einen guten Job machen, ist groß. Die große Unbekannte ist sicher der unklare Pandemieverlauf und damit die fehlende Planungssicherheit – dennoch glaube ich, dass es uns möglich gemacht werden muss, dass wir Wiedereröffnungskonzepte umsetzen dürfen.

Wie viele Mitarbeiter befinden sich bei der FVG in Kurzarbeit?

Während in unseren ideellen Bereichen im Tierpark, Museum und der Bibliothek schon kurz nach dem ersten Lockdown wieder nahezu Vollbeschäftigung herrschte, sieht es beim Team der Stadthalle und in der Sachsenarena deutlich differenzierter aus. Wir haben die Kurzarbeit in den letzten Monaten zwar ein Stück weit reduzieren können, da die Arbeit zum Beispiel für Veranstaltungsverschiebungen, Neuakquise oder Abstimmungen mit den Behörden trotzdem angefallen ist.

 Dennoch arbeitet kaum jemand in Vollzeit. Das tut jedem Mitarbeiter im Geldbeutel richtig weh. Und was jetzt in Berlin verabschiedet wurde, trifft auch wieder unsere Branche mit am härtesten. Was unser Umfeld an Partnern und Dienstleistern betrifft, wissen wir, dass auch diese gehörig leiden und zu kämpfen haben. 

Ich kann mich sehr, sehr gut in die Sorgen und Nöte von Reiner Striegler (Chef der Magnet Riesa, Anm. d. Red.), Ranjit Singh (Inhaber Restaurant Terrazzino) oder Robin Sasse (Inhaber My Way Eventgroup), die stellvertretend für viele andere in Riesa stehen, hineinversetzen.

Vom 23. bis 25. Oktober fanden in der Sachsenarena die International Darts Open statt. Es dürfte vorerst die letzte größere Veranstaltung gewesen sein.
Vom 23. bis 25. Oktober fanden in der Sachsenarena die International Darts Open statt. Es dürfte vorerst die letzte größere Veranstaltung gewesen sein. © Eric Weser

Am Mittwoch wurden von Bund und Ländern in Berlin neue Corona-Regeln vereinbart. Wie bewerten Sie die?

Ich bin kein Virologe, und ich unterstelle der Politik auch keine Leichtfertigkeit. Aber ich kann keine langfristige Strategie feststellen. Sollen Lockdowns mit diesem volkswirtschaftlichen Wahnsinn die immer wiederkehrende Antwort sein? Für die Veranstaltungsbranche sind diese Entscheidungen ein weiterer schwerer Schlag. Auch wir hier in Riesa werden noch lange Zeit mit den Auswirkungen zu kämpfen haben.

Was erwarten Sie jetzt konkret von den Verantwortlichen in der Politik?

Ich erwarte, dass man uns als Veranstaltungsbranche ganz klar unterstützt! Für die Luftfahrtindustrie wurde binnen drei Wochen ein Milliardenprogramm verabschiedet. Unser Sektor hat nach über sieben Monaten noch immer keine konkreten Unterstützungsangebote erhalten, die das Wort „ausreichend“ verdienen. 

Der Kernumsatz in unserer Branche liegt bei circa 130 Milliarden Euro. Über eine Million Arbeitsplätze sind bedroht. Wir brauchen unter anderem ein Überbrückungsprogramm für alle. Die Mittel müssen verwendbar sein für alle nachweisbaren Kostenarten, wie zum Beispiel 80 Prozent der uns entstandenen und entstehenden Fixkosten. Ebenso benötigen wir eine Flexibilisierung der Kurzarbeiterregelung.

Wie kann die Stadt Riesa als Eigentümerin der FVG unter die Arme greifen?

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Wegen der neuen Corona-Schutzverordnung können Tierpark, Museum und Arena vorerst keine Besucher empfangen. Es gibt nur eine Ausnahme.

Wir befinden uns mit der Stadt Riesa als unserem Gesellschafter in einem ständigen Austausch. Dort kennt man unsere Position, und ich vertraue darauf, dass man die FVG auch in diesen zweifellos schlechten Zeiten bestmöglich unterstützt, so wie man in guten Zeiten von ihrer Arbeit profitiert. Ein bisschen so wie in einer Ehe.

Es fragte: Eric Weser.

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