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Zwei Feuerwehren unter einem Dach

Direkt an der B 6 entsteht ein Neubau, an dem drei Bürgermeister und zwei Landräte mitwirken. So was hat es im Freistaat noch nicht gegeben.

Noch nicht ganz dicht: ein Blick von oben auf das neue Feuerwehrgebäude an der B 6 in Mehltheuer. Links kommt die Fahrzeughalle rein, rechts entstehen Wehrleiterbüro, Sanitär- und Umkleideräume.
Noch nicht ganz dicht: ein Blick von oben auf das neue Feuerwehrgebäude an der B 6 in Mehltheuer. Links kommt die Fahrzeughalle rein, rechts entstehen Wehrleiterbüro, Sanitär- und Umkleideräume. © Sebastian Schultz

Hirschstein. Die Drehleiter aus Nünchritz macht es möglich: den Blick aufs Dach des neuen Feuerwehrgebäudes an der B 6 in Mehltheuer. Ehrengäste, Fotografen, Kindergartenkinder nutzen beim Richtfest am Montag die Gelegenheit, hoch hinaus zu fahren und den Ausblick zu genießen. Von der Anhöhe blickt man bis Riesa - aber auch weit ins Gebiet der Gemeinden Stauchitz und Hirschstein hinein.

Der Blick über Gemeindegrenzen hat den Neubau überhaupt erst möglich gemacht: Nur so können sich die beiden Landgemeinden das 2,8 Millionen Euro teure Gebäude überhaupt leisten. Der Freistaat übernimmt den größten Teil der Baukosten, weil er die Zusammenarbeit über Gemeindegrenzen hinweg fördern will.

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Zwei Ortswehrleiter, die bereits an einem Strang ziehen: Andreas Voigt (Mehltheuer, l.) und Jörg Poppe (Seerhausen)
Zwei Ortswehrleiter, die bereits an einem Strang ziehen: Andreas Voigt (Mehltheuer, l.) und Jörg Poppe (Seerhausen) © Sebastian Schultz

Und so werden an der Bundesstraße künftig die Ortswehren Mehltheuer (Gemeinde Hirschstein) und Seerhausen (Gemeinde Stauchitz) nicht nur ein gemeinsames Haus beziehen. Sie werden auch - und das gab es noch nie im Freistaat - nach der Fertigstellung des Neubaus 2021 zu einer interkommunalen Ortsfeuerwehr zusammengelegt, die für beide Kommunen tätig ist. 

Wer dann Chef wird, steht laut Kreisbrandmeister Ingo Nestler noch nicht fest. Aber die beiden Ortswehrleiter Andreas Voigt (Mehltheuer) und Jörg Poppe (Seerhausen) würden schon jetzt emsig zusammenarbeiten. Da wurden gemeinsam Bäume am Standort gefällt und junge Bäume umgesetzt, da wird gemeinsam angepackt und jeder Baufortschritt aufmerksam begleitet.

"Für die Kameraden wird das eine Umstellung wie Tag und Nacht", sagt Jörg Poppe über den geplanten Umzug. Besonders bescheiden sind bislang die Bedingungen in Mehltheuer, wo die Kameraden weder eine Toilette noch eine Heizung vorfinden, wenn sie zu Einsätzen ausrücken oder von dort zurückkehren. "Das neue Gebäude ist auch ein Zeichen der Wertschätzung für das Ehrenamt", sagt Kreisbrandmeister Ingo Nestler.

Bisher sind die Kameraden aus Mehltheuer in einer alten Düngehalle untergebracht, die künftig als Lagerfläche genutzt werden könnte. In Seerhausen könnte das bisherige Feuerwehrgebäude zu Wohnzwecken umgebaut werden - wenn die Gemeinderäte das wünschen und es der Haushalt hergibt, sagt Dirk Zschoke, Sieger bei der jüngsten Bürgermeisterwahl in Stauchitz.

Die führt zu einer weiteren Besonderheit bei dem Projekt: Mit Initiator Conrad Seifert (Hirschstein), seinem scheidenden Amtskollegen Frank Seifert (Stauchitz) und dessen designiertem Nachfolger Dirk Zschoke werden drei Bürgermeister bei dem Bauprojekt mitzubestimmen haben. Dazu kommen "zweieinhalb" Landräte, wie es Conrad Seifert formuliert: In der Amtszeit von Arndt Steinbach (CDU) war es begonnen worden, unter der kommissarischen Landrätin Janet Putz (CDU) wurde jetzt Richtfest gefeiert, unter dem neu gewählten Landrat Ralf Hänsel (parteilos) soll das Gebäude im Mai 2021 fertig werden.

Viele Köche verderben den Brei - das soll in diesem Fall aber ausdrücklich nicht gelten. Die Zusammenarbeit laufe - nach teils turbulenten Vorberatungen vor allem im Stauchitzer Gemeinderat - bestens, heißt es von den beteiligten Gemeinden. Und am Ende sollen auch die Bürger davon profitieren: Der neue Standort in Mehltheuer sorge laut Freistaat dafür, dass die Qualität der Gebietsabdeckung durch die Feuerwehr gleich bleibe, sich die Tageseinsatzbereitschaft der Kameraden sogar bessere und der Steuerzahler auf Dauer sogar spare, weil nun nicht mehr zwei Gerätehäuser unterhalten werden müssen. 

So eine Kooperation sei bisher einmalig im Freistaat, sagt Thomas Rechentin, zuständiger Amtschef im Innenministerium. "Ich freue mich außerordentlich darüber." Die Zusammenarbeit zwischen den Kommunen trage dazu bei, den ländlichen Raum zu stärken.

Ein Blick in die geplante Fahrzeughalle, über der noch der Richtkranz schwebt. Vier Fahrzeuge werden hier Platz finden.
Ein Blick in die geplante Fahrzeughalle, über der noch der Richtkranz schwebt. Vier Fahrzeuge werden hier Platz finden. © Sebastian Schultz

Bisher laufe der Bau weitgehend planmäßig. Und auch Diebstähle seien bislang auf der Baustelle kein Thema: Dafür würden schon die zwei aufmerksamen Wachhunde des Nachbarn sorgen. Früher hatte auf dem Areal die "Neue Schänke" gestanden, eine historische Gaststätte mit Saal, die nach langem Leerstand 2010 abgerissen worden war. 

Nun bauen 16 Gewerke am Neubau mit. TS Bau aus Glaubitz ist darunter, die Zimmerei Heinitz aus Lommatzsch, Gerüstbau Klukas aus Zeithain. Der größte Teil der Investitionen bleibe damit in der Region, sagt Conrad Seifert. "Und unsere Anträge wurden im Landratsamt enorm schnell bearbeitet", freut sich der Hirschsteiner Bürgermeister.

"Solange ich Kreisbrandmeister bin, hat es so eine schnelle Fördermittel-Bearbeitung noch nicht gegeben", sagt Ingo Nestler. "Und ich bin seit 30 Jahren im Brandschutz tätig." Oft werde heute gemeckert darüber, dass der Staat zu wenig für das Ehrenamt tue. "Aber man muss den Freistaat loben: Auch wenn nicht alle Wünsche erfüllt werden können, nimmt er viel Geld in die Hand", sagt der Kreisbrandmeister.

Zwei Bürgermeister, ein letzter Nagel: Frank Seifert (Stauchitz/rechts) und Conrad Seifert (Hirschstein)
Zwei Bürgermeister, ein letzter Nagel: Frank Seifert (Stauchitz/rechts) und Conrad Seifert (Hirschstein) © Sebastian Schultz
Unter den Gästen beim Richtfest war auch der neugewählte Stauchitzer Bürgermeister Dirk Zschoke (Bildmitte). Noch hat er sein Amt aber nicht angetreten.
Unter den Gästen beim Richtfest war auch der neugewählte Stauchitzer Bürgermeister Dirk Zschoke (Bildmitte). Noch hat er sein Amt aber nicht angetreten. © Sebastian Schultz
Der Bau des neuen Gerätehauses läuft weitgehend planmäßig. 2021 soll im 2,8 Millionen Euro teuren Objekt Einzug sein.
Der Bau des neuen Gerätehauses läuft weitgehend planmäßig. 2021 soll im 2,8 Millionen Euro teuren Objekt Einzug sein. © Sebastian Schultz

Das hört Thomas Rechentin vom Innenministerium gern. "Der Freistaat investiert in fünf Jahren 200 Millionen Euro in den Brandschutz", sagt der Amtsleiter. "Das sind pro Einwohner zehn Euro pro Jahr. Bei diesem Wert liegt Sachsen an der Spitze der deutschen Bundesländer."

Für die Autofahrer auf der benachbarten B 6 wird sich voraussichtlich nicht so viel ändern. Derzeit gilt dort Tempo 70. Die beteiligten Gemeinden wollen erreichen, dass das Limit vor dem Gerätehaus auf 60 herabgesetzt wird - mehr sei an einer Bundesstraße nicht möglich. Eine Ampel werde es jedenfalls nicht geben, da die Feuerwehrfahrzeuge nicht direkt auf die B 6, sondern über den nebenan einmündenden Böhlener Weg ausrücken. "Aber eine 60 wäre schon für die Sicherheit der in ihren Pkws anrückenden Kameraden sinnvoll", sagt Conrad Seifert.

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