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Das steht drin im Feralpi-Umweltbericht

Auf 90 Seiten beschäftigt sich der Stahlproduzent mit den Auswirkungen auf Nachbarn und Natur. Dabei wird er erstaunlich konkret.

Ein Blick aus Richtung Elbe auf das Firmengelände in Gröba. Die Zahlen zeigen, welche Halle zu wem gehört: 1 ESF Elbe-Stahlwerke Feralpi GmbH; 2 ESF Betriebseinheit Drahtweiterverarbeitung; 3 Feralpi-Logistik GmbH; 4 Feralpi Stahlhandel GmbH
Ein Blick aus Richtung Elbe auf das Firmengelände in Gröba. Die Zahlen zeigen, welche Halle zu wem gehört: 1 ESF Elbe-Stahlwerke Feralpi GmbH; 2 ESF Betriebseinheit Drahtweiterverarbeitung; 3 Feralpi-Logistik GmbH; 4 Feralpi Stahlhandel GmbH © Feralpi Stahl

Riesa. Industrie grenzt direkt an Wohngebiete: Dafür ist Riesa bekannt, schon seit mehr als 100 Jahren. Besonders auffällig ist das beim Stahlwerk in Gröba, das nach der Wende vom italienischen Konzern Feralpi übernommen wurde. Verschiedene Firmen nutzen heute das Werksgelände (siehe Foto). Welche Auswirkungen ihr Betrieb auf die Umwelt hat, ist das Thema des Umweltberichts, der kürzlich veröffentlicht wurde. Was steht drin in den 90 A4-Seiten? Sächsische.de hat nachgelesen.

Was produziert Feralpi eigentlich in Riesa?

Aus Schrott wird Stahl - das ist ganz kurz gesagt das Prinzip des Riesaer Stahlwerks. Es gehört zur italienischen Feralpi-Gruppe, die sich auf die Produktion von Betonstahl spezialisiert hat und nach eigenen Angaben "zu den größten und qualifiziertesten europäischen Herstellern in diesem Sektor" gehört. In Riesa waren Ende 2019 - aufgegliedert auf vier Unternehmen - 692 Mitarbeiter beschäftigt, das ist ein leichtes Plus zum Jahr davor. Darunter sind auch 36 Lehrlinge gewesen.

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Die Mitarbeiter verteilen sich auf die ESF Elbe-Stahlwerke Feralpi GmbH (647), die Feralpi Stahlhandel GmbH (10) und die Feralpi-Logistik GmbH (35). Zuvor waren die EDF Elbe-Drahtwerke Feralpi als eigene GmbH geführt worden, sie gehören jetzt als Betriebseinheit zu ESF. Insgesamt hat Feralpi 2019 in Riesa im Elektrostahlwerk rund 900.000 Tonnen Stahlknüppel produziert und davon im Walzwerk etwa 850.000 Tonnen zu Betonstabstahl und Walzdraht weiter verarbeitet.

Zuletzt hatte Feralpi sich räumlich etwas erweitert: ESF kaufte das Gelände der Firma Arbonia mit einem weiteren Hallenkomplex südlich der Drahthalle. In die davon südlichste Halle (ehemals Rohrwerk I) soll bis 2021 die Abstandshalterfertigung verlegt werden. "Das Vorhaben dient in der Hauptsache der Erhöhung der Produktionsflexibilität und der damit einhergehenden Möglichkeit, schnell auf individuelle Kundenwünsche eingehen zu können", wird Feralpi-Präsident Giuseppe Pasini zitiert.

Wie steht es dabei um die Nachbarschaft?

Ans 56 Hektar große Werksgelände grenzen nicht nur Bahnanlagen und andere Industriebetriebe - sondern schon immer auch Misch- und Wohngebiete. Bis zum nächsten bewohnten Gebäude in einem Mischgebiet im Norden sind es vom Stahlwerk nur gut 200 Meter, bis zum nächsten allgemeinen Wohngebiet im Südwesten 400 Meter. Vor allem das nördlich angrenzende Mischgebiet sei von Umweltauswirkungen durch die Stahlproduktion betroffen, heißt es im Umweltbericht. Zitat: "Wenige Wohnhäuser sind in allen Richtungen umgeben von Gewerbe-/Industrie- und Sondernutzungsgebieten, sodass eine verursacherbezogene und angemessene Trennung von Industriegebieten und immissionsempfindlichen Gebieten nicht immer möglich ist."

Welche Anlagen spielen bei den Immissionen eine Rolle?

Feralpi betreibt in Gröba eine ganze Reihe Anlagen, die unter die Bestimmungen des Immissionsschutzgesetzes fallen: etwa eine Anlage zur Stahlerzeugung mit einer Anlage zum Warmwalzen von Stahl, Schrottlagerplätze, ein Schlackenfallwerk, eine Anlage zur Zerkleinerung und zeitweiligen Lagerung von Schrott. Der sogenannte Kondirator sei allerdings schon 2019 stillgelegt worden. "In den kommenden Jahren ist auf dem Areal die Errichtung einer geschlossenen Annahme- und Umschlagshalle zur Optimierung der Schrottaufbereitung und Schrottlogistik vorgesehen", heißt es im Bericht.

Für die Emissionen und Immissionen sämtlicher Anlagen von Lärm, Stäuben, Schwermetallen und Dioxinen wie Furanen seien strenge Grenzwerte festgelegt, so Feralpi. Und man halte alle rechtlichen Anforderungen im Umweltbereich ein.

Was gibt es für Beschwerden?

Ist also alles super? Manche Nachbarn sehen das anders: Feralpi selbst verweist in seinem Umweltbericht auf die im Umfeld gegründete Bürgerinitiative „Für lebenswertere Umwelt!“ und eine Regionalgruppe im BUND Sachsen. „Kern der Regionalgruppe sind Anwohner in unmittelbarer Nachbarschaft, welche sich ebenfalls sehr aktiv in der Bürgerinitiative engagieren", heißt es dort.

Kritiker hatten schon 2016 bei der Landesdirektion Sachsen den Erlass einer einstweiligen Anordnung gegenüber der ESF beantragt. Darin ging es darum, dass Feralpi alle Dachöffnungen der Stahlwerkshalle schließen und das gesamte Gebäude vollständig absaugen solle. Hintergrund waren Ergebnisse aus Chrom-Immissionsmessungen im Staubniederschlag im Umfeld des Unternehmens.

Die Anträge waren von der Landesdirektion abgelehnt worden, es folgte ein Widerspruch und eine erneute Ablehnung durch die Behörde. Gleichzeitig suchte das Unternehmen danach, wo die Emissionen tatsächlich her kamen. "Durch diverse Untersuchungen und Ausbreitungsrechnungen wurde bisher das Schlackenfallwerk als maßgebliche Emissionsquelle identifiziert, die Dachöffnungen konnten als relevante Emissionsquellen ausgeschlossen werden", heißt es im Bericht.

Neuere und "letztlich auch überraschende" Feststellungen hätten dazu geführt, dass man jetzt noch einmal umplane: Ein Forschungsinstitut werde weitere Staub- und Abfallproben untersuchen, um Quellen für Chrom zu finden. Eine bloße Einhausung und eine Beregnung reichen offenbar nicht aus. Man untersuche weiter.

Beschwerden gibt es auch über Lärm - so hatte sich ein Anwohner aus der Lasallestraße im Mai 2020 an die Stadt gewandt, weil seit Monaten "unzumutbarer Lärm" auftrete, immer freitags von 7 bis 12 Uhr. Das Geräusch belaste ihn als Schichtarbeiter über die Maße. Nachdem die Beschwerde von der Stadt an die Landesdirektion und von dort an Feralpi gemeldet wurde, konnte die Ursache schnell geklärt und abgestellt werden, heißt es: Auslöser war ein Industriestaubsauger, der an der Mattenproduktionshalle zumeist freitags im Einsatz war. "Der Reinigungsprozess wurde sofort unterbrochen und der Staubsauger wieder in das Innere der Halle verlegt", teilt Feralpi mit. Man habe in Absprache mit der Fremdfirma dafür gesorgt, dass dies so nicht wieder vorkommt. "Wenn das Fahrzeug im Außenbereich zum Einsatz kommt, dann wird ein Leiseres verwendet." Der Anwohner wurde gebeten, bei künftigen Vorfällen nicht so lange zu warten, sondern sich unmittelbar an das Feralpi-Bürgertelefon zu wenden. So könne man schnell reagieren.

Wie können Betroffene in Kontakt treten?

Einfache Möglichkeit, um Anliegen loszuwerden, sei das zentrale Bürgertelefon des Unternehmens: Rund um die Uhr erreiche man dort den Wachdienst. Der leite die Anrufe an einen Verantwortlichen weiter, der weitere Maßnahmen einleite. "Bei Beschwerden ist der Anrufer auf Wunsch zeitnah durch einen Verantwortlichen des Werkes aufzusuchen, um vor Ort der Beschwerde nachzugehen, mögliche Ursachen festzustellen und nach geeigneten Abstell- und Vermeidungsmaßnahmen zu suchen", heißt es im Umweltbericht.

Man suche den Dialog, betont Feralpi. Deshalb veröffentliche man online auch die Ergebnisse von Emissions- und Immissionsmessungen, mache Tage der offenen Tür, Werksführungen und führe einen „Runden Tisch“ durch.

Was unternimmt Feralpi?

Man habe in den vergangenen Jahren etliche Maßnahmen umgesetzt, die Strom und Erdgas sparen und den Ausstoß von CO2 deutlich reduziert hätten, heißt es von Feralpi. So werde ein Teil des Schrottes, der sogenannte Scherenschrott, seit 2015 über die neue Magnettrommel aufbereitet. "Dieses Konzept führt zur Verbesserung der Schrottqualität und damit verbunden zu einem geringeren Energieeinsatz und weniger Abfallanfall im E-Ofen (weniger Schlacke und Filterstaub)."

Ohne die "hochwirksamen Entstaubungsanlagen" würden laut dem Unternehmen jährlich bis zu 20.000 Tonnen Stäube und Schadstoffe mehr in die Umwelt entweichen. Man arbeite auch daran, die sogenannten "diffusen Emissionen" zu verringern - etwa durch eine regelmäßige Reinigung und Befeuchtung der Straßen, um den Staub zu verringern. Man habe das Pfannenfeuer in das Entstaubungssystem des Stahlwerks eingebunden, die Südseite der Schrotthalle 2015 voll geschlossen, im Jahr darauf ebenfalls die zehn Dachöffnungen über der Verladehalle, Brenner- und Absaugboxen mit Entstaubung eingerichtet und Befeuchtungseinrichtungen im Fallwerk installiert.

Zuletzt wurde ein Versuchsbetrieb für die Schlackenwirtschaft E-Ofenschlacke im Fallwerk eingeführt, um die Emissionen weiter zu reduzieren. Weitere Maßnahmen seien geplant.

Was den Lärm angeht, habe man unter anderem Schalldämpfer installiert, Lüfter in den Dächern eingebaut, eine 130 Meter lange und zwölf Meter hohe Schallschutzwand am Schrottlager errichtet, automatische Rolltore an Produktionshallen und Werkstätten installiert. Auch hier sei Weiteres geplant. Gleichzeitig achte man darauf, dass die Lkw bei Feralpi-Logistik nicht älter als vier Jahre sind und "immer in der besten verfügbaren Emissionsklasse" gekauft werden. Ebenfalls sei der gesamte Fuhrpark mit geräuschreduzierenden Lkw-Reifen ausgestattet.

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Feralpi-Bürgertelefon: 03525 7492518

Messergebnisse unter www.feralpi.de unter dem Bereich: Umwelt/Messwerte

Die ganze Umwelterklärung findet sich hier.

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