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„Zum Bürgergarten“ soll weiterleben

127 Jahre nach der Gründung des Restaurants suchen die Besitzer ab 2022 neue Pächter.

Markus und Nadja Berger sind Inhaber der Gaststätte "Zum Bürgergarten". Sie hoffen, dass das traditionsreiche Haus eine Zukunft hat.
Markus und Nadja Berger sind Inhaber der Gaststätte "Zum Bürgergarten". Sie hoffen, dass das traditionsreiche Haus eine Zukunft hat. © Klaus-Dieter Brühl

Riesa. Wer heute vor der gepflegten Gaststätte und Pension „Zum Bürgergarten“ in der Riesaer Rudolf-Breitscheid-Straße steht, der ahnt vermutlich nicht, dass schon am 15. November 1894 der Antrag auf den Namen dieser „Restauration“ eingereicht wurde. Da stand das frühere Wohnhaus von Schirrmeister Geih allerdings auch schon 40 Jahre.

Seit 2014 gehört der denkmalgeschützte Gebäudekomplex aus Gaststätte, Pension, Kegelbahn und dem großen Saal für rund 90 Gäste Nadja und Markus Berger sowie ihrer Tochter Sophie. „Wir möchten das Haus unbedingt wiederbeleben“, erklärt die 61-Jährige, die in den Tagen vor Pfingsten mit ihrem Mann wieder einmal zu Besuch in Riesa war. Die beiden bewohnen dann im Bürgergarten immer die Wohnung der Familie Große, den Vorfahren von Nadja Berger.

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„Wir sind mit der Tradition dieses Hauses sehr verbunden“, sagt die Besitzerin lächelnd. „Ich habe hier als Kind auch oft Ferien gemacht. 1966 war ich das erste Mal hier. Es ist für mich wie daheim.“ Diese Ferienbesuche waren schon ungewöhnlich, denn Töchterchen Nadja wohnte zu diesem Zeitpunkt mit ihren Eltern und ihrer Schwester Madeleine schon im bayerischen Bad Wiessee, wo ihr Vater 1956 ein Haus gebaut hatte.

Diese Postkarte vom "Restaurant zum Bürgergarten" entstand vermutlich um 1930.
Diese Postkarte vom "Restaurant zum Bürgergarten" entstand vermutlich um 1930. © Klaus-Dieter Brühl

Im Gespräch mit der SZ blickt Nadja Berger, die heute im Kundencenter der Kreissparkasse in Bad Wiessee arbeitet, allerdings noch viel weiter zurück in die Vergangenheit des Bürgergartens und ihrer Familie. Am 12. Oktober 1906 findet sich der erste Eintrag von Moritz Große aus Gröba als Besitzer im Stadtarchiv. Im April 1907 wurde die Kegelbahn gebaut.

Der Ein-Bahnen-Anlage sieht man heute das Alter auch an, denn es muss dringend eine Sanierung inklusive neuem Dach her. „Dafür kann es auch Fördermittel geben, aber die Gesamtkosten belaufen sich sicher auf eine sechsstellige Summe“, erklärt Markus Berger beim Blick auf den langgestreckten Bau, bei dem Unkraut aus der Dachrinne wächst und wo schon einige notdürftige Reparaturen vorgenommen worden sind.

Gasthof als Hochzeitsgeschenk

Zurück zur Familiengeschichte. Als am 15. September 1921 Moritz Großes Sohn Willi und Cora Emma Hunger aus Pausitz in Mehltheuer heiraten, bekommen sie vom Papa den Bürgergarten als Hochzeitsgeschenk. 1924 plant der neue Besitzer eine Sportanlage mit Wirtschaftsgebäude auf dem Platz hinter dem Bürgergarten. Dieses 1925 eingeweihte Gelände gehört heute Nadja Bergers Schwester Madeleine Felsl – aber hier wächst heute leider nur noch großes Unkraut.

1933 entstand dann als Anbau der große Saal und einige Jahre später auch die fünf Fremdenzimmer, die heute noch für Gäste zur Verfügung stehen. Bis 1945 führten Willi und Cora Große – die Oma von Nadja Berger – den Bürgergarten gemeinsam. Dann folgte ein ganz schlimmer Einschnitt. „Um Lebensmittel zu organisieren, ist Willi Große am 24. April 1945 mit weiteren Personen – hauptsächlich Frauen und Kinder – mit einem Lastwagen in Richtung Torgau gefahren“, berichtet Nadja Berger. „Im Nitzschewäldchen bei Riesa sind sie in die heranrückende Kriegsfront geraten und wurden alle an Ort und Stelle erschossen.“ Damals hatten die Soldaten der Roten Armee bereits die westliche Elbseite erreicht.

Die ruinöse Kegelbahn soll vielleicht wieder saniert werden.
Die ruinöse Kegelbahn soll vielleicht wieder saniert werden. © Klaus-Dieter Brühl

Anschließend wurde der Bürgergarten vom russischen Militär besetzt und Cora Große musste aus dem Haus ausziehen. Doch ab Mai 1945 durfte die Witwe wieder in ihrem Gasthof arbeiten. „Sie wurde nicht enteignet und führte den Betrieb allein bis Anfang der 60er Jahre. Bis 1989 war der Bürgergarten an die HO verpachtet.“ Also die Handelsorganisation der ehemaligen DDR. Gasthof und Pension gehörten nach dem Tod von Willi Große einer Erbengemeinschaft, bestehend aus seiner Frau Cora und deren Kinder Johannes Große und Käthe Lenz (geb. Große), der Mutter von Nadja Berger. Die politische Wende erlebte Cora Große allerdings nicht mehr, denn sie verstarb bereits 1986.

Ab 1999 übernahm Madeleine Felsl als Besitzerin den Bürgergarten, der seit dem 1. Dezember 1997 von Gisela und Rainer Neubauer gepachtet und betrieben wurde. Seit 2011 folgte deren Tochter Katrin als Pächterin des Bürgergartens, bis die Folgen der Corona-Pandemie sie nun zur Aufgabe am Jahresende 2021 zwingt (SZ berichtete).

„Unsere Familie wünscht sich für die Zukunft, dass unser Bürgergarten als Treffpunkt und als Ort für Festlichkeiten in Riesa weiter besteht“, sagt Nadja Berger. „Wir suchen Pächter, die hier eine neue Aufgabe sehen, dort wohnen und leben und ihn in traditioneller Form weiter betreiben. Und wir können uns vorstellen, den Bürgergarten in einigen Jahren an die Pächter zu verkaufen.“

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