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Ryanair macht in Leipzig den Abflug

Der Billigflieger stellt im Frühjahr seine letzte Linie ab Leipzig ein. Für das Aus der London-Strecke nennt er „kommerzielle Gründe“.

Von Michael Rothe
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Ryanair hat auch seine Basis in Weeze am Niederrhein (Foto) gestutzt. Den Leipziger Flughafen wird das nicht trösten.
Ryanair hat auch seine Basis in Weeze am Niederrhein (Foto) gestutzt. Den Leipziger Flughafen wird das nicht trösten. © Symbolfoto: Marcel Kusch/dpa

Hiobsbotschaft für den Flughafen Leipzig-Halle: Der Billigflieger Ryanair stellt Ende März 2019 seine Flugverbindung nach London ein und zieht sich aus Sachsen zurück. Das bestätigte der Airport am Dienstag der SZ. Damit verliert der Freistaat die Nonstop-Anbindung an die britische Hauptstadt, Direktflüge ab Dresden waren bereits 2015 eingestellt worden.

Laut einem Flughafensprecher hatte die Airline „kommerzielle Gründe“ für die Entscheidung genannt, aber keine Details. Derzeit düsen die Iren jeweils montags, mittwochs und freitags von Schkeuditz aus an die Themse. Noch vor fünf Jahren galt Ryanair als Hoffnungsträger, als seine Flieger im Sommer 32 Mal in Schkeuditz landeten und abhoben: neben London auch nach Faro in Portugal, Malaga in Spanien, Rom, Pisa und Trapani in Italien. Damals steuerten die weiß-blauen Maschinen rund 180 000 Passagiere zur Jahresstatistik des Airports bei. Ihr Chef Michael O’Leary hatte Großes vor mit Schkeuditz. Der Flughafen an der Landesgrenze zu Sachsen-Anhalt habe das Potenzial, eine Basis von Ryanair zu werden, sagte der unberechenbare O’Leary. Das hänge davon ab, ob und wann neue Flugzeuge gekauft werden könnten. Vermutlich hängt es am Fluggerät, und Ryanair braucht seine Boeings anderswo. Die neue Basis entsteht nun in Berlin-Tegel.

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"Der Airport Leipzig–Halle ist einer der wachstumsstärksten Flughäfen für uns. Das Potenzial der Region ist groß und bei Weitem nicht ausgeschöpft", hatte Michael O’Leary, Ryanair-Chef, 2013 im Interview der Mitteldeutschen Zeitung gesagt. 
"Der Airport Leipzig–Halle ist einer der wachstumsstärksten Flughäfen für uns. Das Potenzial der Region ist groß und bei Weitem nicht ausgeschöpft", hatte Michael O’Leary, Ryanair-Chef, 2013 im Interview der Mitteldeutschen Zeitung gesagt.  © Foto: Jasper Jacos/dpa

Einst galt Ryanair als Schmuddelkind, das Steuergelder abgreift und weiterzieht – und mit dem Sachsen besser nichts zu tun hat. Leipzig-Halle griff 2011 doch zu, nachdem sich der Billigflieger vom Flugplatz Altenburg verabschiedet hatte. Dennoch hatte die Mitteldeutsche Airport-Holding als Dachkonzern immer betont, die Iren auch in Leipzig nicht bevorzugt zu behandeln. Das sei man den Kunden und den öffentlich-rechtlichen Aktionären schuldig.

Die Flughafen Leipzig/Halle GmbH ist wie der Flughafen Dresden eine Tochter der Mitteldeutschen Flughafen AG (MFAG), an welcher der Freistaat Sachsen gut 77 Prozent der Anteile hält. Weitere Gesellschafter sind Sachsen-Anhalt sowie in geringem Umfang Leipzig, Dresden und Halle. Am Standort arbeiten über 8 600 Menschen in gut 100 Unternehmen und Behörden. Der Konzern und seine Flughäfen stehen seit Jahren wegen nur kurzlebiger Fluglinien und vor sich hin dümpelnder Passagierzahlen in der Kritik. Zudem gab es Sparprogramme und immer wieder Strukturveränderungen. Im Oktober übernahm Götz Ahmelmann die Funktion des Vorstandsvorsitzenden der MFAG. Der Manager, zuletzt bei der insolventen Air Berlin, ist zugleich Geschäftsführer beider Flughäfen. Dafür musste Markus Kopp gehen.

Immerhin: Bis Ende Oktober war Dresden mit 1,5 Millionen Passagieren mit drei Prozent gegenüber der Vorjahreszeit im Plus. Und an Leipzigs Airport, dank des Drehkreuzes von Posttochter DHL zweitgrößter Frachtflughafen Deutschlands, wurden knapp 2,3 Millionen Reisende gezählt – fast so viele wie im ganzen Vorjahr.

Mangelnde Auslastung könne nicht der Grund für Ryanairs Rückzug aus Leipzig sein, wissen Insider. Denn die Flieger nach London seien im Schnitt zu gut 80 Prozent besetzt gewesen. „Die Strecke hat Potenzial, und damit gehen wir in Verhandlungen“, sagt der Flughafensprecher. Allerdings gebe es auch bei der Suche nach Ersatz auch Unwägbarkeiten wie den Brexit und dessen Folgen für das Verkehrsrecht.

Der scheidende Billigflieger hatte zuletzt mit europaweiten Streiks der Piloten und Flugbegleiter, Flugausfällen und Verspätungen für Schlagzeilen gesorgt. Niedriglöhne, Leiharbeit, willkürliche Versetzungen, hartes Personalregiment und eine anti-gewerkschaftliche Grundhaltung gehörten lange zur DNA der 1985 in Dublin gegründeten Airline. Notgedrungen hat Ryanair nun etliche Gewerkschaften anerkannt, Tarifverträge vereinbart und sich bereitgefunden, Arbeitsverträge nach jeweils nationalem Recht abzuschließen.

In Deutschland, ihrem wichtigsten Wachstumsmarkt, wurden Grundsatzvereinbarungen erreicht, die neben deutlichen Gehaltszuwächsen auch mehr Schutz bei Versetzungen oder Stationsschließungen versprechen. Zumindest bei den Piloten sind die Leiharbeitskonstruktionen nunmehr abgeschafft.

Der eisenharte Sparwille, der die Airline groß gemacht hat, bleibt. Das Unternehmen hat sich mit Vorkontrakten umfassend gegen steigende Ölpreise abgesichert und streitet mit der britischen Luftverkehrsaufsicht erbittert darüber, ob von Streiks betroffene Passagiere Entschädigungen erhalten sollen oder nicht.

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Bleiben an einer Station Passagierzahlen unter den Erwartungen, verlagert Ryanair die Maschinen und Crews blitzschnell. Zuletzt wurden die Basen in Bremen und Eindhoven geschlossen, die in Weeze am Niederrhein deutlich zurückgebaut. Bei den Nebeneinnahmen kassieren die Iren schon dafür, dass Familien, die zusammen gebucht haben, auch tatsächlich zusammen sitzen können. Bis auf kleine Taschen kostet nunmehr fast jedes Gepäckstück eine Extra-Gebühr – inklusive der bislang freien Kabinen-Rollkoffer. (mit dpa)