merken

Bildungsprogramm für Flüchtlinge

Viele Migranten sind ohne Schulabschluss nach Deutschland gekommen. In speziellen Kursen sollen sie auf den Arbeitsmarkt vorbereitet werden.

© Ronald Bonß

Von Karin Schlottmann

Die Schüler kommen aus Tschetschenien, Syrien, Kamerun, Afghanistan. Die Lehrerin ist Italienerin. Wenn die Pause beginnt, rufen die Kinder „Ausländer raus“. Es ist ein Gag, der ihnen gut gefällt. Die bunte Gruppe holt in der Produktionsschule Moritzburg – sie gehört zum Verbund Diakonie – ihren Hauptschulabschluss nach. Der Anfang sei schwierig gewesen, sagt die Lehrerin, weil das Bildungsniveau sehr unterschiedlich war. Die Mädchen wollen Kosmetikerin werden, Flugbegleiterin oder Verkäuferin, die Jungen bewerben sich als Krankenpfleger, wollen mit Autos arbeiten oder träumen vom Abitur und einem Zahnarzt-Studium. Einigen ist der Einstieg in eine Lehre schon während des Praktikums gelungen.

Anzeige
Ihr Geschäft soll bekannter werden? Los gehts!
Ihr Geschäft soll bekannter werden? Los gehts!

Führen Sie Ihr Geschäft mit Werbung auf sächsische.de zu einer Erfolgsgeschichte. Wir helfen Ihnen dabei!

Das Modellvorhaben der Produktionsschule, die nicht nur Flüchtlingskinder, sondern auch benachteiligte Jugendliche aus Sachsen auf dem Weg zu einer Ausbildung begleitet, ist klein, aber sehr erfolgreich, lobte die sächsische Integrationsministerin Petra Köpping (SPD) am Dienstag. 17 Jugendliche haben dort den Hauptschulabschluss erlangt, zwölf bereiten sich auf die externe Prüfung vor.

Köpping hat sich an diesem Tag die Produktionsschule in Moritzburg ausgesucht, um dort das neue Bildungsprogramm der Landesregierung für Flüchtlinge über 18 Jahre vorzustellen. Es ist nach zähen Debatten zwischen den beteiligten vier Ministerien am Dienstag im Kabinett beschlossen worden. Sie sei froh, dass das Problem endlich gelöst werden konnte, sagte sie.

Ziel des Programms ist es, Flüchtlinge zwischen 18 und 25 Jahren, die ohne Schulabschluss nach Deutschland gekommen sind, auf eine Berufsausbildung vorzubereiten. Nicht nur das duale Berufsbildungssystem, sondern auch die Projekte der Bundesagentur für Arbeit setzen einen schulischen Kenntnisstand voraus, den viele jugendliche Flüchtlinge nicht erfüllen. Da sich das Kultusministerium aus Kapazitätsgründen für die Schulbildung der über 18-Jährigen nicht mehr zuständig fühlt, müssen die Flüchtlinge auf anderen Wegen einen Abschluss erwerben.

Bedarf für bis zu 5 500 Jugendliche

Der Ausländerbeauftragte des Freistaates, Geert Mackenroth, Experten der Wohlfahrtsverbände und Kommunalpolitiker warnen seit Jahren davor, die jungen Erwachsenen sich selbst zu überlassen. Sie befürchten ein Abrutschen in Kriminalität, Langzeitarbeitslosigkeit und die Abhängigkeit von Sozialleistungen. Das Angebot an einfachen Hilfsarbeiten oder Anlerntätigkeiten genügt bei Weitem nicht. Deshalb ist es Ziel von Arbeitsagentur und Landesregierung, möglichst viele Migranten fit zu machen für eine qualifizierte Ausbildung.

Köpping sagte, die ersten 400 Teilnehmer sollen im September dieses Jahres mit den Kursen beginnen. Weitere 400 sollen im nächsten Jahr folgen. Gelernt wird in berufsspezifischen Gruppen mit etwa je 16 Schülern. Insgesamt schätzen Bundesagentur für Arbeit und Landesregierung den Bedarf für die Grundbildung auf bis zu 5 500 junge Erwachsene in Sachsen. Möglichst viele von ihnen sollen eine berufliche Perspektive erhalten. In jedem Landkreis und in jeder kreisfreien Stadt wird ein Träger ausgewählt. Infrage kommen dafür die IHK’en, die Handwerkskammern und Weiterbildungseinrichtungen – darunter wohl auch die Produktionsschule Moritzburg.

Es dürfen nur Flüchtlinge teilnehmen, die bereits Grundkenntnisse der deutschen Sprache besitzen, sagte Köpping. Ausgeschlossen bleiben diejenigen, die in Erstaufnahmeeinrichtungen leben, aus sicheren Herkunftsländern kommen oder einem ausländerrechtlichen Beschäftigungsverbot unterliegen. Die Bundesagentur für Arbeit wird über die Eignung der Teilnehmer entscheiden.

Seit 2016 haben Sozial-, Wirtschafts-, Kultus- und Integrationsministerium darüber debattiert, wer für die Ü 18 zuständig sein soll. Das am Freitag beschlossene Konzept liegt in der Verantwortung des Integrationsministeriums, mitgearbeitet haben alle vier Ressorts. Das Programm sieht eine vierjährige Laufzeit vor. In diesem Jahr sind Ausgaben in Höhe von 1,6 Millionen Euro eingeplant, im nächsten Jahr stehen 4,8 Millionen Euro zur Verfügung. Köpping sagte, nach den vier Jahren müsse die Regierung erneut über eine Schulpflicht für die über 18-Jährigen nachdenken.