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Warum es so viele Staus auf Sachsens Autobahnen gibt

Mitten in der Urlaubszeit wird auf der Autobahn 4 viel und folgenschwer gebaut. "Warum gerade jetzt?", fragen viele. Was die Autobahn GmbH des Bundes dazu sagt.

"Hinterm Horizont geht's weiter", singt Udo Lindenberg im Autoradio. Und die Ausgebremsten am Dreieck Nossen hoffen, dass er recht hat.
"Hinterm Horizont geht's weiter", singt Udo Lindenberg im Autoradio. Und die Ausgebremsten am Dreieck Nossen hoffen, dass er recht hat. © © by Matthias Rietschel

Autobahn 4, Frankfurt Richtung Dresden: Zwischen Siebenlehn und Wilsdruff zwölf Kilometer Stau an einer Baustelle, eine Stunde mehr einplanen! Rückstau auf die A14 bis Nossen-Nord.“ So ähnlich tönt fast täglich der Verkehrsfunk. dann singt Udo Lindenberg „Hinterm Horizont geht’s weiter“ – und nicht nur genervte Urlauber hoffen, dass er recht hat.

Die neue Autobahn GmbH des Bundes nennt die Bauarbeiten „dringend notwendig und im Grunde alternativlos“. Würden die Fahrbahnen nicht erneuert, müssten die Autobahnen bald wegen Schäden und Sicherheitsbedenken gesperrt oder der Verkehr eingeschränkt werden.

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Die Arbeiten basierten zum Großteil auf Planungen des sächsischen Landesamts für Straßenbau und Verkehr und wären ohnehin durchgeführt worden, heißt es auf Anfrage der SZ. Wegen des langen Winters habe sich weiterer unvorhersehbarer Baubedarf ergeben.

© SZ Grafik

Aber wieso gerade im Ferienverkehr? Warum sind kaum Arbeiter und Fahrzeuge zu sehen? Weshalb wird nicht nachts gearbeitet? Die Autobahn GmbH kennt die Fragen der Ausgebremsten. Bei geplanten Maßnahmen, die längere Abschnitte betreffen, müsse die frostfreie Zeit effektiv genutzt werden, heißt es von der Niederlassung Ost. Brückenarbeiten, Fahrbahnerneuerung, neue Sicherheitseinrichtungen benötigten oft das Zeitfenster vom Frühjahr bis zum Herbst. Zuvor würden Verkehrsführung und -sicherung abgestimmt.

Keiner will nachts arbeiten

„Wir tun alles, damit unsere Bauprojekte so schnell und so sicher wie möglich realisiert werden“, versichert Niederlassungschef Klaus Kummer. Die Baustellen liefen bei fließendem Verkehr, um die Belastung für das nachgeordnete Netz nicht unnötig zu erhöhen. Auch unsichtbare Arbeiten würden erledigt: an Brücken, Entwässerungsanlagen, Böschungen. Um Material für den Bau von zehn Kilometern Autobahn zu bewegen, seien bis zu 10.000 Lkw-Fahrten nötig – ausdrücklich nicht bei hohem Verkehrsaufkommen. Wenn kein Material bewegt werde, seien auch weniger Arbeiten zu beobachten, erklärt Kummer. Trocknungszeit von frischen Fahrbahnen und Qualitätskontrollen sorgten ebenso dafür, dass manchmal nicht viel zu sehen sei.

Warum gibt es kaum Nachtbaustellen? Nachts sei das Unfallrisiko höher, argumentiert das Unternehmen. Produktivität und Qualität würden leiden, auch ruhegestörte Anwohner und Tiere. Nicht zuletzt seien solche Baustellen teurer und würden so nur eingerichtet, um eine Vollsperrung so kurz wie möglich zu halten, heißt es. Der Verkehrsclub ADAC verweist auch auf die Personalnot der Firmen. Arbeiter seien kaum noch bereit, nachts zu arbeiten.

Fast nur große Player aktiv

Der Bauindustrieverband Ost teilt die Darstellung der Autobahn GmbH „in den Grundzügen“. Die Staus hätten mit mehr Bautätigkeit im Sommer zu tun und mit den Ausschreibungen der öffentlichen Hand nach Haushaltsfreigaben. Coronabedingt machten viele mit dem Pkw Urlaub im Inland. Die Bauwirtschaft sträube sich nicht gegen Nachtbaustellen, sagt Verbandschef Robert Momberg. Er sieht aber auch die Gegenargumente. Den Vorwurf, Aufträge gingen an Billigfirmen, die gar nicht die Kapazitäten dafür hätten, bestätigt er nicht. Wegen größerer Lose seien an Autobahnen fast nur große Player aktiv.

Warum sind Absperrungen viel länger als die eigentliche Baustelle? Um Stau zu vermeiden, sei vor der Baustelle eine Synchronisierung des Verkehrs geboten, damit kein Flaschenhals entsteht, heißt es. Es sei sinnvoller, den Verkehr schrittweise zu verlangsamen und zu verengen.

Nachtbaustellen seien zu gefährlich, zu laut, zu uneffektiv, zu teuer, heißt es von den Akteuren. Daher werde tagsüber und bei fließendem Verkehr gebaut.
Nachtbaustellen seien zu gefährlich, zu laut, zu uneffektiv, zu teuer, heißt es von den Akteuren. Daher werde tagsüber und bei fließendem Verkehr gebaut. © © by Matthias Rietschel

Bauindustrie und Autobahn GmbH stünden im regen Austausch, sagt Momberg. Nach deren Start habe es vereinzelt Zahlungsverzögerungen gegeben, begründet in der Übernahme laufender Projekte und durch Nachträge. Auch seien Zuständigkeiten nicht immer klar gewesen.

Das 2018 gegründete Unternehmen kümmert sich seit Januar um die Autobahnen und Fernstraßen. Das Ziel: schneller planen und bauen. Zuvor hatte der Bund als Eigentümer das Geld gegeben, und den Ländern oblagen Planung, Bau und Betrieb.

Die GmbH ist Auftraggeber der Projektmanagementgesellschaft Deges, die mit ihren Leuten weiterarbeitet – auch an der staugeplagten A4. Die Niederlassung Ost mit Sitz in Halle ist eine von bundesweit zehn und kümmert sich um 1.451 Kilometer in Mitteldeutschland. Die Außenstelle Dresden betreut die Meistereien Chemnitz, Döbeln, Dresden-Hellerau und Nickern sowie Leipzig und Weißenberg.

Kritik an Doppelstrukturen

Die über 320 Millionen Euro teure Verwaltungsreform war umstritten. Für das Projekt, das alles effizienter machen sollte, gab es Kritik. Von Doppelstrukturen, offenen Rechtsfragen, horrenden Beraterkosten, Personalnot, IT-Chaos war die Rede.

Stephan Krenz, Vorsitzender der Geschäftsführung der Autobahn GmbH des Bundes, versprach weniger Staus. Gut sieben Monate nach dem Start ist davon an der A4 noch nichts spüren.
Stephan Krenz, Vorsitzender der Geschäftsführung der Autobahn GmbH des Bundes, versprach weniger Staus. Gut sieben Monate nach dem Start ist davon an der A4 noch nichts spüren. © dpa

„Ich will, dass beim Autobahnnutzer von der Reform etwas ankommt“, hatte Stephan Krenz, Vorsitzender der Geschäftsführung, sein Ziel im SZ-Interview formuliert. Er wolle mit Innovationen dafür sorgen, dass es weniger Stillstand gibt, sagte der Manager im Februar und: „Keine Staus verspreche ich nicht, aber Besserung.“

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Immerhin ist zumindest am Dreieck Nossen Entspannung in Sicht. Die Bauarbeiten sind ein paar Tage früher abgeschlossen als geplant. Ab 20. August stehen laut Autobahn GmbH pro Richtung wieder alle drei Fahrspuren zur Verfügung.

Zur Planung einer Autobahnfahrt gibt es eine neue kostenlose App mit strecken- und verkehrsbezogenen Meldungen auch zu Baustellen sowie Infos über Park- und Rastanlagen sowie Verlinkungen zu routenbezogenen Webcams.

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