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Bescherung im Schützengraben

Wie viele sächsische Soldaten erlebte auch der Mann der Leipziger Mundartdichterin Lene Voigt den Heiligen Abend 1914 an der Front.

In Dresden gab es bis 1945 Tymians Thalia Theater in der Görlitzer Straße. Dort wurde im Ersten Weltkrieg „Weihnachten im Schützeengraben“ inszeniert und davon sogar eine Postkarte gedruckt.
In Dresden gab es bis 1945 Tymians Thalia Theater in der Görlitzer Straße. Dort wurde im Ersten Weltkrieg „Weihnachten im Schützeengraben“ inszeniert und davon sogar eine Postkarte gedruckt. © Sammlung Holger Naumann

Am 19. September 1914 gingen die damals 23-jährige Leipziger Mundartdichterin Helene Wagner und ihr Freund Otto Voigt zum Standesamt. Keine Eltern, keine Freunde, keine Kollegen waren dabei. Nicht mal ein Foto ließen sie machen. Mittags wurden sie getraut, abends ging der Bräutigam zum Bahnhof. Es war eine Kriegshochzeit. Von fünf Millionen Sachsen wurden im Ersten Weltkrieg 750.000 Männer als Soldaten an die Front geschickt.

Anfang September 1914 hatte der Leipziger den Einberufungsbefehl der Königlich Sächsischen Armee erhalten. Das erzählte die Schriftstellerin Jahre später zum einen ihrem Arzt, der sie wegen psychischer Probleme behandelte. Zum anderen verarbeitete sie die Ereignisse in verschiedenen Geschichten und Gedichten. Otto Voigt habe sich über die Mobilmachung gefreut: „Endlich ist es soweit. Ich kann im Krieg dabei sein. Der Sieg ist unser.“ Er umarmte seine Frau und sagte: „Lieb´ Vaterland magst ruhig sein, wir hauen alles kurz und klein. Ich bin bald zurück. Dann feiern wir Flitterwochen und Weihnachten. Ich schreibe dir.“ Als die Truppen Richtung Belgien ausrückten, versprach der deutsche Kaiser Wilhelm II. den Soldaten: „Ihr werdet wieder zu Hause sein, ehe noch das Laub von den Bäumen fällt.“ Die deutsche Führung glaubte an einen schnellen Sieg.

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Die Feinde summten "Stille Nacht" mit

Lene Voigt wartete. Ihr Mann kam nicht zurück. Weihnachten schickte sie ihm ein Päckchen mit einem selbst gestrickten Pullover. Der Kaiser, so las sie in den Zeitungen, sendete Zigaretten der Marke „Manoli“ mit schwarz-weiß-roter Banderole an die Soldaten. Viele von ihnen erhielten zu Weihnachten 1914 aus öffentlichen Mitteln gestiftete Geschenksendungen ihrer Heimatgemeinden, daneben Pakete ihrer Familien mit warmer Bekleidung, Essen, Alkohol, Zigaretten und Briefen. Zudem hatte die Oberste Heeresleitung Zehntausende Miniaturweihnachtsbäume an die Frontlinien versandt, die am Heiligen Abend erleuchtet werden sollten. In einem Wäldchen an der belgisch-französischen Grenze verlief eine der Fronten. Im Dezember 1914 lagen dort in den Schützengräben auf deutscher Seite Einheiten aus Sachsen. Mit dabei Otto Voigt. Gegenüber lagerten Engländer. Bekannt war unter den Soldaten die Botschaft des neuen Papstes Benedikt XV., der um einen Waffenstillstand gebeten hatte. Dieser Wunsch wurde von den kriegführenden Parteien abgelehnt.

Helene Voigt wartete auf eine Nachricht von Otto, aber es kam keine. Ihre Nachbarin hatte im Januar 1915 Feldpost von ihrem Mann bekommen. Er schrieb, die Soldaten säßen in Schützengräben, die Füße verquollen von Feuchtigkeit. Schlamm in den Stiefeln. Aufgeweichte Front. Es sei kein Vorwärtskommen, schrieb er. Vorhof zur Hölle. Der größte Feind das gottvernässte Wetter. Am Weihnachtsabend habe einer aus Dresden, ein ehemaliger Kruzianer, „Stille Nacht, heilige Nacht“ angestimmt und Kerzen an einem kleinen Tannenbaum angezündet. Alle sangen mit. Die Feinde summten plötzlich die Melodie. Keiner schoss. Keiner. Mit dem leuchtenden Baum seien sie zu den Feinden rüber. Sie saßen zusammen, sangen, aßen Brot, tranken Bier, rauchten, erzählten sich mit Händen und Füßen von ihren Söhnen, Töchtern und Frauen daheim. Drei Tage später sei der Befehl gekommen, die Kampfhandlung wieder aufzunehmen. Wer überlaufe, bekomme standrechtlich die Kugel, schrieb er. Er habe auf die Männer gezielt, mit denen er Weihnachten gefeiert habe. 1917 kam Otto Voigt verletzt nach Leipzig zurück.

Franzosen und Deutsche an einem Tisch

Noch immer kämpften sächsische Soldaten an der Front. Christel Hahmann aus Boxdorf machte erst vor wenigen Tagen einen ungewöhnlichen Fund. Beim Aufräumen ihres Kellers entdeckte sie mehrere Schriftstücke. „Die stammen vom Onkel meines Mannes, Richard Hahmann. Er lebte bis 1981 in Dresden.“ Er habe in der 1930er-Jahren seine Fronterinnerungen an Weihnachten 1917 an der französisch-belgischen Grenze aufgeschrieben. „Mir sind die Tränen gekommen, als ich las, was er an jenem Heiligen Abend im Krieg erlebte“, gesteht die Boxdorferin.

Der Onkel berichtete auf fünf mit Schreibmaschine getippten Seiten von seinen Quartiereltern Monsieur und Madam Verlaine, die vermutlich in der Nähe von Mont-Saint-Martin lebten im Dreiländereck von Luxemburg, Belgien und Frankreich. Der sächsische Soldat habe den französischen Hausbesitzern erzählt, dass er Weihnachten nicht in die Heimat fahren dürfe. Er schrieb: „Dann sollte ich wenigstens am Heiligabend im Hause bleiben und mit Verlaines Weihnacht bei Kaffee und Kuchen feiern, es sei doch dieser Abend für uns Deutsche ein so grosses Fest. (…) Vor allem solle ich ihr helfen, auch etwas Deutsches zu backen, aber es müsse so sein, wie in meiner Heimat.“ Richard Hamann hatte Heringe besorgt und einen Salat daraus zubereitet, außerdem Pfannkuchen gebacken. Madame Verlaine, so berichtete er, hatte eine Marmelade auf den Tisch gestellt. Eine Stunde musste er zwischendurch weg, sei dann mit einem Kameraden wieder gekommen. Inzwischen sei von den Verlaines in der Stube ein Tannenbaum mit Lichtern aufgestellt worden. Auch aus der Nachbarschaft sei eine Freundin gekommen, Marguerite, mit ihrem Brüderchen Pierre. Hahmann notierte: „Da lag nichts Trennendes mehr zwischen uns, den Deutschen und den Franzosen, wir waren hier Menschen, die sich an diesem Tische gegenseitig Freude geben wollten. Also stand zwischen uns kein Krieg, nicht in diesen vier Wänden, mochte er draußen vor den Fenstern auch lasten. Hier entfaltete der Lichterbaum seine gebende Kraft.“

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Dieser Artikel ist der zweite Teil unserer Serie "Weihnachts-Geschichten. Das Fest im Wandel der Zeiten".

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