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Bienchen, summ’ mal wieder!

Auf Sachsens Wiesen flattert und brummt es nicht mehr viel. Schuld ist der Mensch. Doch jeder kann etwas für Bienen, Käfer und Falter tun. Auch im Herbst.

Lohn für die Mühe: Die Pelzbiene stärkt sich für den Pollentransport mit Herbstasternektar.
Lohn für die Mühe: Die Pelzbiene stärkt sich für den Pollentransport mit Herbstasternektar. © Kristian Hahn

Gleich hinterm Schwarzwasser steht ein Herbstasterbusch. Er lockt mit Hunderten Blüten. Weiß und rein und zart duftend wie Maiglöckchen wiegen sie sich in der Oktoberbrise. Schwebfliegen tummeln sich darauf, Wildbienen und Hummeln. Ein Tagpfauenauge schwebt ein, peilt eine Blüte an, rollt den Rüssel aus: Mittagessen. „Viele Schmetterlinge sind es jetzt nicht mehr“, sagt Heike Rossa. „Wir hatten schon Frost, danach haben sich die meisten zurückgezogen.“ Heike Rossa leitet den Landschaftspflegeverband Zschopau-/Flöhatal e.V.. Oben im Gebirge gab es schon Ende September die ersten kalten Nächte. Im Hinteren Grund Amtsseite in Pobershau haben Rossa und ihre Mitarbeiter vor 20 Jahren mit Spendengeldern einen Natur- und Lehrgarten angelegt.

Ein Kaisermantel taumelt über den Zaun. Im Nachbargarten blüht die Herbstaster lila. Ein Admiralfalter hat sich schon darauf niedergelassen. „Dukatenfalter, Bläulinge, Schachbrettfalter, Großes Ochsenauge, Brauner Waldvogel.“ Rossa zählt auf, welche Schmetterlinge im Sommer auf den blühenden Beeten und der Wiese der Naturschutzstation zu Besuch waren. „Und unheimlich viele Kohlweißlinge.“ Diese Vielfalt ist in Sachsen selten geworden. Von den ehemals 125 heimischen Arten sind bereits 14 Prozent für immer verloren, noch einmal so viele sind vom Aussterben bedroht. Bei den übrigen Arten ging die Population in den letzten Jahrzehnten durchschnittlich um ein Drittel zurück, informiert Matthias Nuß vom Senckenberg Museum für Tierkunde in Dresden. Ähnlich übel ergeht es den anderen Insekten, den Käfern und Wildbienen.

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Wer einen insektenfreundlichen Garten möchte, braucht laut Yvonne Scholz Mut zur Unordnung.
Wer einen insektenfreundlichen Garten möchte, braucht laut Yvonne Scholz Mut zur Unordnung. © Kristian Hahn

In Rossas Lehrgarten summt und zirpt es, es brummt und raschelt. Es klingt förmlich in der Luft, was man hier lernen kann: naturnah zu gärtnern, um Lebensinseln für Insekten zu schaffen. Der Landschaftspflegeverband hat ein ganzes Projekt danach benannt. Yvonne Scholz, studierte Landwirtin, Kräuterpädagogin, Naturschutzberaterin, arbeitet an den Lebensinseln mit. „Die Leute mähen zu viel, düngen zu oft, setzen Herbizide und Pestizide ein, wenn ihnen ein Kraut oder ein Tier nicht passt“, sagt sie. Hans-Jürgen Walter wird noch deutlicher. „Die Gründe für das Massensterben beziehungsweise die Ausrottung sind neben wirtschaftlichem Egoismus auch Dummheit, unreflektierte Angst und pervertierte Ordnungsliebe“, kippt der passionierte Wildbienenhobbyforscher seinen Frust auf seiner Website wildbiene.de aus.

Gegen die Bebauung und Versiegelung von Brachflächen, das Ausbauen von Straßen und die wirtschaftliche Nutzung großer Felder und Nutzwälder kann der Einzelne aber wenig tun. Trotzdem gibt es für jeden einen Spielraum für die Artenvielfalt. Und der beginnt am Balkonkasten. „Nicht alles, was schön blüht, bringt auch den Insekten etwas“, sagt Yvonne Scholz. Geranien zum Beispiel. Oder gefüllt blühende Blumensorten. Sie bieten weder Nektar noch Blütenstaub, ganz im Gegensatz zu Küchenkräutern wie Minze, Salbei, Thymian, Kapuzinerkresse oder Oregano. Wer es in seinem Balkonkasten üppig blühen lassen möchte, kann zum Beispiel Löwenmäulchen, Vergissmeinnicht, Fuchsien, Vanilleblumen, Wandelröschen oder Stiefmütterchen anpflanzen. Jetzt im Herbst bieten sich Heidekraut und Chrysanthemen wie die Herbstaster an. Auch die Frühjahrsbepflanzung lässt sich bereits planen: Zu den zeitigsten Insektenweiden gehören Leberblümchen, Schlüsselblumen oder Zwiebelpflanzen wie Schneeglöckchen, Blaustern und Traubenhyazinthe. Eine Auswahl davon findet im kleinsten Kasten Platz. Je reichhaltiger und sortenreicher das Nahrungsangebot, desto besser. Insekten lieben vor allem heimische Pflanzen. Manche Wildbiene ist so auf eine Wirtspflanze spezialisiert, dass sie nicht überlebt, gibt es die Pflanze nicht mehr. „Das sind nur winzige Schritte, aber wenn viele Leute an vielen Orten solche kleinen Schritte tun, dann können wir etwas bewirken“, sagt Heike Rossa.

Natur- und Lehrgarten an der Naturschutzstation in Pobershau - am Rand des Gartens wurde ein sogenannter Käferkeller angelegt.
Natur- und Lehrgarten an der Naturschutzstation in Pobershau - am Rand des Gartens wurde ein sogenannter Käferkeller angelegt. © Kristian Hahn

Das Schwarzwasser gluckst und rauscht. Moore haben das Wasser der Pockau dunkel gefärbt und dem unverbauten Wildbach seinen zweiten Namen gegeben. Herbstmüde lassen die Weiden ihre Blätter hängen. Den Erlen ist nicht lustiger zumute. Dunkel und feucht ist diese Ecke des Gartens. „Genauso haben es viele der heimischen Käfer gern“, sagt Yvonne Scholz. Sie hat einen Käferkeller angelegt und eine Mulde mit Mulmholz aus dem Wald gefüllt, die sie mit einer Rindenschicht abgedeckt hat – eine Kinderstube für Sechsbeiner. Im Dunkeln schlüpfen aus den Eiern die Larven, verpuppen sich, bis die neue Käfergeneration tageslichttauglich ist. Der Haufen bietet außerdem Tausendfüßlern, Asseln und Spinnen Unterschlupf und ist eine Heimstatt für den nahenden Winter. Auch im Steinhaufen, den die Naturschützer am oberen, sonnenbeschienenen Ende des Hanggartens angelegt haben, tummelt sich das Leben. Eidechsen, Kröten, Molche und wärmeliebende Insekten haben ihn besiedelt, versichert Heike Rossa. Blicken lässt sich jetzt allerdings keiner.

Ähnlich ruhig liegt das Sandarium. „Daran experimentieren wir noch und müssen herausfinden, was die Tiere mögen“, sagt Yvonne Scholz. Was so hochtrabend klingt, ist eine sandgefüllte Kuhle, ein Nistangebot für Wildbienen. Sie leiden darunter, dass es immer weniger Rohböden gibt, Flächen versiegelt werden oder Gärtner Unkrautfliese in die Erde einarbeiten. 73 Prozent aller Wildbienenarten siedeln im Boden. 570 Arten gibt es in Deutschland, unvermutet groß ist die Vielfalt: Schlürfbiene, Sägehornbiene, Seidenbiene, Schmuckbiene, Scherenbiene, Steinbiene, Sandbiene – das ist nur eine kleine Auswahl derer, die mit einem „S“ beginnen. Sind die vielen Insektenhotels also sinnlos? „Sie sind zwar eine schöne Sache, aber manchmal haben sie wohl eher eine Alibifunktion“, sagt Scholz. „Das schönste Hotel hilft nichts, wenn ein Rasenroboter die Wiese kurz hält und die Insekten nichts zu fressen finden“, ergänzt Heike Rossa. Wer es sich von der Wiesenfläche her leisten kann, sollte einen Teil lieber nur zwei-, maximal dreimal im Jahr mähen. „Und nie die ganze Fläche zur gleichen Zeit! “ Kahlschlagmahd lässt Insekten verhungern.

Ein Sandarium dient als Nistplatz für Wildbienen und ist schnell angelegt.
Ein Sandarium dient als Nistplatz für Wildbienen und ist schnell angelegt. © Kristian Hahn

Nun möchte nicht jeder einen Haufen in seinem Garten haben. Man kennt das seit dem Herricht-und-Preil-Sketch „Der Gartenfreund“. Rolf Herricht lehnte Hans-Joachim Preils Aussage „Jeder gute Gärtner macht in seinen Garten einen Haufen“ darin brüsk ab mit „Ich nicht! Mein Garten bleibt sauber!“ Ein bisschen Unordnung sollte den Insekten aber gegönnt sein. Abgeblühte Stengel zum Beispiel sind für sie überlebenswichtige Winterquartiere, vor allem, wenn sie markhaltig sind wie die der Nachtkerze. Kleine Käfer und Wildbienen verkriechen sich darin. „Wir dürfen im Herbst nicht alles wegmachen“, sagt Scholz. Nur abzuschneiden, was krank ist oder sich nicht versamen soll und auch das alte Laub liegen zu lassen, bietet viele Vorteile. Die Samenstände von Disteln, Kletten, Flocken- oder Studentenblumen werden im Winter von Singvögeln wie Stieglitzen und Meisen abgeerntet. Auch für den Boden und die Pflanzen selbst bieten die alten Blätter eine Schutzschicht gegen den Frost, sagt Gartenspezialistin Katrin Keiner.

Yvonne Scholz spielt mit dem geschlossenen Samenstand einer Wilden Möhre. Wie ein winziges Vogelnest liegt die verblühte Dolde in ihrer Hand. Die verdorrten Stengel anderer Wiesenpflanzen reichen ihr bis zur Brust. Aufgeräumt sieht das nicht aus. Das soll es auch nicht. „Wir müssen wieder lernen, die Natur zu ertragen“, sagt sie.

So schaffen Sie Insekten ein Zuhause:

Flugsandfelder, Totholz, verwilderte Wiesen: Wo es solche Lebensinseln gibt, bleiben Falter, Käfer, Bienen, Hummeln und Schwebfliegen nicht aus. Es gehört nicht viel dazu, diese Lebensräume zu schaffen.

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  • Es reicht schon, wenn man einen Teil der Wiese sich selbst überlässt und maximal dreimal pro Jahr mäht. Vor dem Winter sollten die alten Gräser und Stengel ganz stehen bleiben, rät Yvonne Scholz.

  • Wer ein Sandarium als Nistplatz für Wildbienen anlegen möchte, hebt eine 30 Zentimeter tiefe Mulde aus und füllt sie mit grobem Sand. Ist er zu fein, sind die Brutröhren nicht stabil. Nach Süden ausrichten und regengeschützt anlegen. Mit alten Holzstämmen, hier zum Beispiel Kirsche, lässt sich das Sandarium aufwerten. Wer nebenan Zitronenthymian, Johanniskraut oder Teppichsedum anpflanzt, deckt seinen Gästen gleich noch den Tisch.

  • Totholz dient als Nahrung, Baumaterial, Versteck. Für einen Käferkeller hebt man ein mindestens 30 Zentimeter tiefes und einen Quadratmeter großes Loch aus und füllt die Mulde mit naturbelassenem Holzmaterial wie Ästen, Rinde oder Holzhäcksel. Durch die Feuchtigkeit im Erdreich zersetzen Pilze das Holz. Bei Mulmholz aus dem Wald ist dieser Prozess schon im Gange. Der Mulm liefert vielen Käfern und Asseln Nahrung und dient als Winterquartier.

Tipps und Forum

Haben Sie Fragen, wie sie Ihren Garten zum Saisonabschluss winterfest machen? Antworten erhalten Sie am Dienstag, den 13. Oktober, von 14 bis 16 Uhr beim Telefonforum. Am Hörer sitzen Gartenspezialistin Katrin Keiner (Tel. 0351/48642805) und der ehemalige Gartenmeister im Schloss Pillnitz, Wolfgang Friebel (Tel. 0351/48642806).

Sie können uns Ihre Fragen auch bis Dienstag, 13 Uhr, per Mail schicken: [email protected]

Auf Sachsens Wiesen sollen wieder mehr Schmetterlinge fliegen. Eine Mitmachaktion der Sächsischen Landesstiftung Natur und Umwelt, das Senckenberg Museums, des NABU und anderer suchen dafür „Puppenstuben“:

www.schmetterlingswiesen.de

Informationen zu bienenfreundlichen Balkon-, Kletter-, und Gemüsepflanzen sowie Gehölzen bieten viele Internetseiten, etwa die des Netzwerkes Blühende Landschaft, der Stiftung für Mensch und Umwelt, der Bayerischen Landesanstalt für Wein- und Gartenbau:

www.lwg.bayern.de

www.bluehende-landschaft.de

www.deutschland-summt.de

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