merken
PLUS Feuilleton

Das Wandern ist des Musikers Lust

Vom Bach-Garten zum Wagner-Hain: Der Leipziger Notenweg führt durch die Parks und Gärten der Musikstadt.

Hinter dem Bach-Museum in Leipzig liegt eine kleine Oase, damals der Lustgarten von Bachs Nachbarn. Hier beginnt die musikalische Reise durch Parks und Gärten der Musikstadt: der Leipziger Notenweg.
Hinter dem Bach-Museum in Leipzig liegt eine kleine Oase, damals der Lustgarten von Bachs Nachbarn. Hier beginnt die musikalische Reise durch Parks und Gärten der Musikstadt: der Leipziger Notenweg. © Anja Jungnickel

Von Hannah Küppers

Verkehr, Sirenen, Baustellen – wer in Leipzig am Hauptbahnhof ankommt, bekommt was auf die Ohren. Straßenbahn klingelt, Autofahrer hupen – die modernen Symphonien der Musikstadt Leipzig.

Um allerdings den wohlklingenden Kompositionen der berühmten Musiker Leipzigs auf die Spur zu kommen, muss man sich auf den Weg machen. Durch die Fußgängerzone führt der Weg ins Zentrum, zur Thomaskirche, an deren Seite auch das Bach-Museum liegt. Im Innenhof des Museums, eingeschlossen von umliegenden Wohnhäusern, findet sich ein kleiner Garten. Und plötzlich: Stille mitten in der Großstadt, melodiöses Vogelgezwitscher. Der Museumsgarten ahmt den damaligen Lustgarten der Familie Bose nach. Das waren Nachbarn von Johann Sebastian Bach, die den Garten Anfang des 18. Jahrhunderts anlegen ließen – ein regelrechter Luxus zu damaligen Zeiten. Die Familie Bose vergnügte sich hier zwischen Zierbeeten, Obstbäumen und Springbrunnen. Vielleicht verweilte ja auch Bach hier ab und zu, um die Ruhe zu genießen.

Anzeige
Finde den Weg zu deinem Traumberuf!
Finde den Weg zu deinem Traumberuf!

Ausbilder und Azubis stellen dir auf dem „Aktionstag Bildung“ am 25.09.2021 verschiedenste Berufe vor. Jetzt schnell Plätze sichern!

Mit dieser Vorstellung kann zwischen Rosen und Buchsbaumhecken der Leipziger Notenweg beginnen. Ungefähr acht Kilometer führt er durch Leipzigs Grün, durch Parks und Gärten, am Elsterbecken entlang, vorbei an Musiker-Denkmalen, Musik-Pavillons und Biergärten, in denen sich zu Lebzeiten wohl Dichter und Komponisten trafen. Anders als die bekanntere Leipziger Notenspur, eine lehrreiche Runde durch die Innenstadt, soll der Notenweg ein längerer Spazierweg durchs Grün sein, der die Musikgeschichte der Stadt erlebbar macht.

Denkmal Johann Sebastian Bach vor der Thomaskirche in Leipzig. Der Notenweg der Stadt würdigt auch diesen großen Komponisten.
Denkmal Johann Sebastian Bach vor der Thomaskirche in Leipzig. Der Notenweg der Stadt würdigt auch diesen großen Komponisten. © dpa-Zentralbild

Gutes Equipment zahlt sich aus. Ein häufiger Blick auf die Karte, in der die 14 Stationen des Rundwegs eingezeichnet sind, hilft, um sich auch auf den schmalen Pfaden im Park zurechtzufinden. Stationsbeschreibungen auf der Internetseite der Notenspur-Initiative halten Details zu den einzelnen Stationen bereit.

Auf den Wegen durch die großen Leipziger Parks sind zeitweise nur wenige Menschen unterwegs, das Grün hat eine beruhigende Wirkung. Der Weg ist wohl etwas für Kultur-Urlauber, die auch die Natur in einer Großstadt nicht missen wollen. Um den Notenweg dennoch musikalisch zu gestalten, ist ein wenig Eigeninitiative erforderlich – denn die Verbindung einzelner Stationen zur Musikwelt ist nicht immer ganz schlüssig. Bei Station 8, dem Palmengarten, sind nur große Bäume zu sehen und nach Palmen sucht man vergeblich. Der Gerhardsche Pavillon soll klassizistisch aussehen, ist aber vor allem von oben bis unten mit Graffiti verziert. Aber Kopfhörer und Klassik-Playlist auf dem Handy machen den Spaziergang dann doch zu einem musikalischen Erlebnis. Vorschläge für Komponisten finden sich auf dem Weg zur Genüge.

Mit Stadtlärm zurück ins Heute

Zum Beispiel: Der Richard-Wagner-Hain. Zugegebenermaßen wäre diese Station ohne Tannhäuser-Ouvertüre auf den Ohren wirklich nur eine öde grüne Wiese wie jede andere auch. Doch wenn in den ersten Takten der Ouvertüre die Waldhörner erklingen und die Sonne nach mehreren Regenstunden die Wiese am Elsterbeckenufer in ihr helles Licht taucht – dann liegt die Vorstellung nicht fern, dass Wagner Gefallen an diesem Hain hätte finden können. Bleibt nur zu bezweifeln, ob die anderen Spaziergänger auf der Bank wohl auch wissen, dass sie ihre Pause gerade mit Blick auf eine Richard-Wagner-Wiese verbringen.

„Deutschland – Land der Ideen“, titelt eine Plakette an der nächsten Station des Weges: Das Deutsche Kleingärtnermuseum. Die deutsche Nation hat eben nicht nur musikalische Größen wie Wagner, Bach und Mendelssohn hervorgebracht, an deren ehrwürdigen Gedenkstätten der Weg vorbeiführt. Auch dem schönen Kleingärtnertum ist mit diesem einzigartigen Museum ein Denkmal gesetzt und das spart der Kultur-Spaziergang nicht aus.

Kurz bevor nach bald acht Kilometern Fußmarsch die Füße müde werden, erinnert einen die vier kleinen schwarzen Chorknaben-Statuen am Zöllner-Denkmal an die Lust des Wanderns. Der Gründer des ersten Männergesangsvereins Carl Friedrich Zöllner war es, der im 18. Jahrhundert dem Gedicht „Das Wandern ist des Müllers Lust“ eine volksliedhafte Melodie gab und es auf diesem Wege zu einem Schlager machte, der bis heute gerne von jeglichen Kinderchören und Seniorenvereinen gesungen wird. Auch dem Wanderer auf dem Leipziger Notenweg gibt es den letzten Schwung, bis sich die Runde schließt und ihn die lauten Großstadt-Geräusche wieder in die Gegenwart zurückholen.

Mehr zum Thema Feuilleton