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Die Herrin der Wunderwelt

Barbara Ditsch kennt im Botanischen Garten Dresden jeden Busch mit Vor- und Zunamen. Eine Weltreise dauert hier einen Nachmittag lang.

Es grünt so grün: Als wissenschaftliche Leiterin im Botanischen Garten hütet Barbara Ditsch mit 15 Gärtnern rund 10.000 Pflanzenarten.
Es grünt so grün: Als wissenschaftliche Leiterin im Botanischen Garten hütet Barbara Ditsch mit 15 Gärtnern rund 10.000 Pflanzenarten. © kairospress

Agavengewächse und Pampasgras machen optisch was her. Doch Schönheit ist kein Kriterium. Die Chefin kann sich wie verrückt über zwei grüne Schnipsel freuen. Vorige Woche schoben sie sich aus dem Beet. Jetzt zeigt sich zwischen ihnen ein gefiedertes Blättchen. Da ist es! Toll! Eine Sensation! Man muss nur warten können. Als Barbara Ditsch 1995 im Botanischen Garten von Dresden anfing, war das, sagt sie, wie ein Sechser im Lotto. „Und das ist es geblieben – ein Traumjob, den ich gegen keinen anderen tauschen möchte.“

Als wissenschaftliche Leiterin hütet sie mit 15 Gärtnern rund 10.000 Pflanzenarten. Jeden Busch kennt sie mit Vor- und Zunamen. Besondere Lieblinge? Hat sie nicht. Hier wird alles Grünzeug geliebt. Im Vorbeigehen lobt sie den Ananasginster. „Das ist die perfekte Streichelpflanze.“ Oh ja. Die Blätter fühlen sich an wie Samt. Der Strauch mag den Klimawandel. Er hat sich ans Freie gewöhnt. Andere Gewächse ziehen nun ins Winterquartier. Heftige Drängelei hinter Glas.

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Die 59-Jährige mit dem imposanten grauen Wuschelhaar regiert eine Wunderwelt, die zur Technischen Universität Dresden gehört und immer für eine Überraschung gut ist. Wenn das gefiederte Blättchen im Beet so weitermacht, wird es ein Sommer-Adonisröschen. Blutauge, sagt der Volksmund dazu. Das ist nicht nett von ihm. Adonisröschen wirken zart und verspielt – falls man sie findet. Sie drohen auszusterben wie die anderen 16 Wildpflanzen aus Sachsen, die ein Artenschutzprojekt im Botanischen Garten erforscht. Was fehlt der Welt, wenn das Kahle Ferkelkraut auf Nimmerwiedersehen verschwindet?

Je größer die Vielfalt, desto besser fürs Ökosystem

Forschen ist erlaubt. Besuchen nicht. Barbara Ditsch kommentiert die Zwangsschließung mit schmerzlichem Lächeln. Im Frühjahr wollten sie den 200. Geburtstag des Gartens feiern. Das Fest fiel weg, die Felsenbirne blühte unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Jetzt im November ist sowieso nicht viel los. Nur Blätter. Gelappt, gesägt, gebuchtet. Das leuchtende Gelb stammt von zwei Ginkgos, den ältesten Bewohnern der Anlage. Es sind männliche Bäume. Sonst würden sie stinken. Weibliche Ginkgos bilden im Herbst mirabellenähnliche Früchte. Ihre Schale enthält Buttersäure. Daher der unangenehme Geruch. Barbara Ditsch beherrscht eine Kunst, die Wissenschaftlern oft fremd ist: Sie kann Zusammenhänge verständlich erklären. Wer sonntags mal eine Führung mit ihr erlebte, sieht sogar Gras mit anderen Augen.

Lauter unbeschriebene Blätter rascheln unter den Füßen. Weit oben krächzt ein Eichelhäher. Die Eiche verliert schmale Weidenblätter und der Ahorn rotgelbes Hainbuchenlaub. Normal ist das nicht. Doch für solche Raritäten wurden Botanische Gärten erfunden. Knapp hundert gibt es in Deutschland. Anfangs drehte sich alles um Heilpflanzen. Ludwig Reichenbach, der 1820 die Anlage noch am Hasenberg bei der Brühlschen Terrasse gründete, war Arzt und ein vielseitig engagierter Naturwissenschaftler. Sein Interesse galt den Pflanzen ebenso wie den Tieren. Barbara Ditsch kann das verstehen. Sie begann ihr Studium in Bonn, um Zoologin zu werden. „Aber ich hatte immer nur mit toten Tieren zu tun.“ Deshalb wechselte sie zur Botanik. Letztlich gehört sowieso eines zum anderen. Je größer die biologische Vielfalt, desto besser fürs Ökosystem und die Welt. Wer weiß denn genau, welcher Falter versessen ist auf Ferkelkraut und was passiert, wenn mit dem Kraut auch der Falter verschwindet? „Jede Art ist das Ergebnis einer unendlich langen biologischen Entwicklungsreihe. Deshalb gehört sie geschützt. Das gilt auch für die unscheinbaren Arten. Ihr Verlust ist dramatisch. Aber es merkt kaum jemand.“

Die zarten weißen Blüten gehören zu einem bislang unbekannten Springkraut, das Barbara Ditsch in Angola entdeckte.
Die zarten weißen Blüten gehören zu einem bislang unbekannten Springkraut, das Barbara Ditsch in Angola entdeckte. © Thomas Kretschel

Zoologen zitieren deshalb lieber Eisbär, Nashorn und Orang-Utan, um die Dramatik zu veranschaulichen. Barbara Ditsch nimmt die Arnika. Die Arnika ist der Eisbär unter den Pflanzen: als Sympathieträger hinreichend attraktiv und bekannt. Arnikatinktur findet sich in vielen Hausapotheken. Aber so wenig wie die Schönheit ist Nützlichkeit ein Kriterium, damit eine Pflanze in den Botanischen Garten kommt. „Sie hat dann eine Chance“, sagt die Chefin, „wenn sie für Lehre und Forschung an der Technischen Universität gebraucht wird, wenn sie in anderen Gärten selten vorkommt oder wenn sie zur gefährdeten Flora gehört. Im Idealfall treffen alle drei Bedingungen zu.“

Das dürfte dem Froschkraut gefallen. Barbara Ditsch begleitet eine Studentin hinter die Kulissen des Gartens. In einem Gewächshaus stehen an die Hundert Töpfchen mit ovalen Blättern. Manche stehen tiefer im Wasser als andere, manche stehen wärmer, auch das Substrat ist verschieden. Die Studentin Weronika will herausfinden, unter welchen Bedingungen Froschkraut die kräftigsten Wurzeln entwickelt – damit später das Auswildern an geeigneten Standorten klappt. Das ist ein Ziel des Artenschutzprojekts für die ausgewählten sächsischen Wildpflanzen. Es läuft bis Mai 2023 und gewissermaßen in Familie. Der Biologe Friedrich Ditsch betreut das Projekt an der Universität.

Die Leidenschaft fürs Botanische nimmt das Paar mit nach Hause. Sie hegen Wintergarten, Wildgarten und Streuobstwiese. Die Wiese wird stückweise gemäht, damit Insekten und Schmetterlinge immer Futter finden. „Wir können die Welt nur verbessern, wenn jeder mit dem anfängt, was er tun kann.“ Barbara Ditsch erzählt, dass sie schon als Kind ein eigenes Beet am Haus der Eltern besaß. Auch dort durfte wachsen, was wollte. „Aber wild heißt nicht ungepflegt! Man muss die stärkeren Pflanzen regulieren. Sonst wäre bald alles von Brombeeren überwuchert.“

Die beiden Ginkgos im Botanischen Garten Dresden sind lebende Fossile. Sie wurden mit der Eröffnung der Anlage am Großen Garten 1893 gepflanzt.
Die beiden Ginkgos im Botanischen Garten Dresden sind lebende Fossile. Sie wurden mit der Eröffnung der Anlage am Großen Garten 1893 gepflanzt. © Thomas Kretschel

Wenn eine Pflanze eine andere verdrängt, bemerkt das die Chefin auch beim Weg durch den Botanischen Garten. Die Walliser Kammschmiele müsste mal freigeschnitten werden. Die Schweiz grenzt an Nordamerika, und der Kaukasus liegt nicht weit weg. Reichenbachs Nachfolger Oscar Drude gliederte die Anlage geografisch. Das war ein revolutionäres Konzept. Wenn Barbara Ditsch auf Weltreise geht, schafft sie das an einem Nachmittag. Von einer richtigen Exkursion nach Angola brachte sie Samen mit – amtlich geregelt natürlich. Es kann auch im Botanischen Garten nicht jeder was abknapsen. Am Bachlauf unterhalb eines Bergrückens hatte sie eine bisher unbekannte Art von Springkraut entdeckt. So was sind Sternstunden. Das Springkraut blüht gerade jetzt hübsch weiß. Hat sie ihm gut zugeredet? Überhaupt: Spricht sie mit ihren Pflanzen? „Nein“, sagt Barbara Ditsch. „Aber natürlich gucke ich genau, wie es ihnen geht. Die tägliche Aufmerksamkeit ist wichtig.“ Könnte sie der Entdeckung ihren Namen geben, so wie Dahlie, Fuchsie, Forsythie oder Gerbera nach berühmten Botanikern heißen? Sie lacht. „So was brauche ich nicht. Wir haben den Bergrücken in den Namen einbezogen.“ Nun wird der Serra do Pingano weltberühmt.

Manchmal gibt es auch nichts zu sehen. Wo sonst die Einjährigen um die Wette leuchten, liegen die Beete umgegraben. Die Samen sind in Tüten verstaut. Im nächsten Jahr blühen hier wieder bis zu 800 Pflanzen. Das macht Arbeit. Deshalb werfen viele Botanische Gärten die Einjährigen als Erstes raus, wenn sie sparen müssen. „Wir sammeln, was andere nicht haben. Hier stecken gut 100 Jahre Erfahrung und Sammlertätigkeit drin, das haben Generationen vor uns begonnen, das gibt man nicht einfach auf!“ Lieber denkt Barbara Ditsch über die Erweiterung der Anlage nach. Die Wiese zum Großen Garten hin soll bebaut werden. Studenten der Landschaftsarchitektur können dann lernen, was wie zusammenpasst. Sogar eine modische Edeldistel wäre ausnahmsweise erlaubt. Ein anderes Areal soll demonstrieren, wie sich Vegetation mit der Zeit verändert. „Nach der Eiszeit“, sagt Barbara Ditsch, „gab es in Deutschland Tundra. Dann entwickelten sich nach und nach Rotbuchenwälder. Heute zwingen Klimaänderungen die Pflanzenwelt erneut zu reagieren.“

Beim Artensterben gibt es nur eine Abwärtsspirale

Eine Gärtnerin kommt mit einem Fundstück gelaufen. So was, sagt sie, hat sie in den fünf Jahren, die sie hier arbeitet, noch nicht gesehen. Die babyfaustgroße Eichel stammt von einer Libanon-Eiche und wird gebührend bewundert. „Gleich einsetzen!“, rät die Chefin. Sie wünscht sich auch neue Gewächshäuser für die Wiese. Die alten müssen ersetzt werden, je schneller, desto besser. An ein Kassenhäuschen denkt sie nicht. „Wir sind eine Bildungseinrichtung, und Bildung auf breiter Front tut not. Niemand soll aus Kostengründen davon ausgeschlossen werden.“ Irgendwann wird der Besuch ja wieder erlaubt sein.

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Der letzte Blick gilt dem Sommer-Adonisröschen. „Es bedrückt mich, dass Generationen heranwachsen, ohne viele Tiere und Pflanzen zu erleben, die mir als Kind noch begegnet sind. So weit ich zurückdenken kann, gibt es beim Artensterben nur eine Abwärtsspirale. Und kein Rezept, um die Entwicklung aufzuhalten.“ Auf dem Beet nebenan wurden etwa 200 Samenkörner handverlesen eingesetzt. Davon sind exakt vier gekommen. Warum sie und warum die anderen nicht? Adonis, der schöne Gott der Vegetation, gibt Rätsel auf.

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