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„Gewalt in der Pflege findet in Sachsen täglich statt“

Eine Studie hat unter Pflegenden und Pflegebedürftigen Ausmaß und Ursachen untersucht – mit ersten Folgen.

Gewalt muss nicht immer körperlich sein.
Gewalt muss nicht immer körperlich sein. © 123rf

Anschreien, beschimpfen, einschließen oder vernachlässigen: Immer wieder kommt es in Pflegeheimen – auch in Sachsen – zu Gewalt. Was sind die Gründe dafür, wie entsteht Gewalt und wie lässt sie sich in Zukunft verhindern? Diese Fragen untersuchten die AWO Sachsen und die Knappschaft Chemnitz in einer zweijährigen Studie. Einrichtungsleiter, Mitarbeiter und Bewohner wurden nach ihren Erfahrungen als Opfer von Gewalt, Zeuge und Täter befragt. Über die Ergebnisse sprach die SZ mit Studienleiter Klaus-Peter Buchmann, der bei der AWO Sachsen im Bereich Senioren, Pflege, Innovation tätig ist.

Herr Buchmann, wie präsent ist das Thema Gewalt in Sachsens Heimen?

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Gewalt in der Pflege ist noch immer ein Tabuthema, gewinnt aber an Bedeutung. Natürlich wurde auch in der Vergangenheit in Heimen darüber gesprochen, allerdings fehlte eine Verständigung darüber, was mit Gewalt gemeint war. Unsere Studie hat zudem gezeigt: Gewalt geschieht nicht nur als Einbahnstraße zwischen Pflegepersonal und Bewohner, sondern ebenso andersherum. Am häufigsten tritt Gewalt zwischen den Bewohnern selbst auf. Das war auch für uns Beteiligte eine Überraschung.

Bei Gewalt denken die meisten an körperliche Gewalt. Doch was heißt das in der Pflege?

Wir orientieren uns an der Definition der Weltgesundheitsorganisation. Es geht also um eine Handlung, die Menschen schadet oder ihnen Leid zufügt beziehungsweise um das Unterlassen einer angemessenen Reaktion. Das klingt sehr abstrakt, macht aber deutlich, wie viele Facetten von Gewalt es gibt.

Neben der verbalen Gewalt ist auch psychische und physische gemeint: Anschreien oder herabwürdigen, Wünsche ignorieren, Bewohner derb anfassen, Mahlzeiten zu schnell verabreichen. Sexuelle Gewalt spielte bei unseren Befragungen eine untergeordnete Rolle. Das liegt meines Erachtens daran, dass nicht darüber gesprochen wird, weil sexuelle Gewalt mit einem doppelten Tabu belegt ist.

Gewalt bedeutet also auch, wenn ich etwas nicht tue?

Ja, Unterlassung kann ebenfalls als Gewalt verstanden werden, etwa die Vernachlässigung rund um die Hygiene. Andere Formen sind Verletzungen von Schamgefühl oder der Intimsphäre. Auch finanzielles Ausnutzen ist eine Form von Gewalt, ebenso wie pflegebedürftigen Menschen die Freiheit zu entziehen, indem sie eingeschlossen oder fixiert werden.

Wie entsteht die Gewalt?

Oft ist sie die Summe verschiedener Faktoren. Von den Mitarbeitern, die reflektierten, dass sie sich schon einmal problematisch verhalten haben, nannten 92 Prozent Zeitdruck als gewaltfördernden Faktor, 80 Prozent eine hohe Belastung und 63 Prozent ungünstige Arbeitsbedingungen. Dabei drängt sich natürlich die Frage auf: Liegt das tatsächlich in der Persönlichkeit des Mitarbeiters begründet oder ist es eher ein strukturelles Problem? Aber auch aggressives Verhalten der Bewohner, persönliche Unzufriedenheit oder eine Suchterkrankung führten laut Umfrage zu gewalttätigem Verhalten.

Und bei den Bewohnern?

Hier sind wir hauptsächlich auf drei Gründe gestoßen. Zum einen ist es die ohnehin hohe Vulnerabilität, also Verwundbarkeit. Das enttäuschte Vertrauen in die Versorgung wird zu negativen Emotionen. Die Menschen fühlen sich ausgeliefert, wertlos und als Belastung. Zum anderen nannten viele Ältere ungewollte Brüche in ihrer Biografie. Nicht einer hat angegeben, gern und freiwillig im Pflegeheim zu leben.

Ein Beispiel: Mehrere befragte Bewohner haben sich bei ihrem Umzug ins Pflegeheim an ihre Flucht im Zweiten Weltkrieg erinnert gefühlt. Damals haben sie alles verloren, das soziale Umfeld, die Familie, ihre Selbstbestimmung. Als Grund dafür, dass es ihnen so schwerfällt ins Heim zu gehen, nennen viele: Ich gebe ja meine Identität beim Pförtner ab. Der dritte wesentliche Faktor sind psychiatrische Erkrankungen. Im Übrigen hatten wir bei der Untersuchung Menschen mit Demenz ausgeschlossen, um die Ergebnisse nicht zu verzerren.

Wie häufig kommt Gewalt vor?

Beim Blick auf die Ergebnisse unserer Untersuchung ist davon auszugehen: Gewalt in der Pflege findet in Sachsen jeden Tag statt. Auch die Kleinigkeiten zählen ja dazu – also versteckte Respektlosigkeit etwa, indem Bewohner ungefragt geduzt werden, oder unangemessene Reaktionen auf das aktuelle Befinden eines Bewohners, fehlende Wertschätzung.

Man kann sich darüber streiten, ob das etwas mit Gewalt zu tun hat. Ich denke schon, da durch das Ausgeliefertsein Situationen entstehen, in denen die Verletzbarkeit der Bewohner vermieden werden könnte. Genaue Zahlen sind nicht bekannt, weil viele Befragte aus Angst oder Scham nicht darüber sprechen wollen, wenn sie Gewalt erfahren.

Welche Folgen hat erlebte Gewalt für die Pflegebedürftigen?

Das sind zunächst einmal Verletzungen, des Körpers oder der Seele. Betroffene ziehen sich zurück, fühlen sich wertlos, haben Angst. Viele verleugnen oder verdrängen auch. Sie sagen: Ja, Gewalt passiert, aber nicht bei mir. Umso wichtiger ist es, in den Einrichtungen über den Gewaltbegriff zu reden. Aber: Je enger man den Begriff definiert, umso mehr schließt man damit auch aus.

Wie meinen Sie das?

Mitarbeiter nehmen manchmal vielleicht gar nicht wahr, was Bewohner als Gewalt empfinden. In dem Fall sehen sie auch keinen Anlass, etwas an ihrem Verhalten zu ändern. Durch Gespräche können sie sensibilisiert werden. Ich war selbst lange in der Pflege tätig. Oft wurde mir erst abends zu Hause oder am nächsten Tag bewusst, dass ich manchmal unangemessen reagiert habe. Dann entschuldigt man sich oder es verläuft im Sand.

Viele Einrichtungsleiter haben in der Befragung gesagt: Gewalt begegnet uns, aber wir haben gar nicht definiert, was wir damit meinen. Darin liegt die Gefahr: Weil jeder etwas anderes darunter versteht, reden alle aneinander vorbei.

Was ist, wenn ich als Angehöriger Gewalt beobachte?

Das Thema offensiv ansprechen. Dass jemand solche Vorgänge direkt beobachtet, ist selten. Aber wenn jemand Anzeichen entdeckt, blaue Flecke etwa oder Verhaltensänderungen, muss es dafür eine Erklärung geben. In der Regel werden die Betroffenen das nicht von sich aus erzählen. Dann muss ich mich als Angehöriger an die Geschäftsführung, die Pflegedienst- oder die Heimleitung wenden.

Tritt dann keine Verbesserung ein, kann Beschwerde bei der Heimaufsicht oder dem Medizinischen Dienst der Krankenkassen eingereicht werden. Daneben gibt es Beschwerdestellen für die Altenpflege sowie Hilfetelefone, an die sich jeder wenden kann.

Welche Empfehlungen lassen sich aus der Untersuchung ableiten?

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Da es nicht DIE Gewalt gibt, gibt es auch keine Universallösung für die Prävention. Wir haben den Einrichtungen die Studiendaten zur Verfügung gestellt und ihnen die Analyse überlassen. Sie haben bereits Maßnahmen, Pläne und Handlungsleitlinien daraus entwickelt. Ein Heim hat zudem eine Art Selbstverpflichtung für seine Mitarbeiter niedergeschrieben: „Ich versuche, bei der Ausübung meines Dienstes, auf Gewalt und Gewaltverhalten zu verzichten und deeskalierend zu wirken, wo sie mir begegnet“. Ganz wichtig ist, dass die Heime den Begriff Gewalt für sich definieren.

Das Gespräch führte Kornelia Noack.

Hilfetelefone: 0800/1110111 und 0800/0117722

Mehr Infos unter www.pflege-gewalt.de

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