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"Die Klima-Debatte wurde vergiftet!"

Alexander Hilse ist 20 Jahre alt, lebt in Görlitz und studiert Kultur sowie Management. Seine Forderung: "Nehmt unsere Forderungen ernst!"

Alexander Hilse hat die Gruppe "Fridays for Future" in Zittau und Görlitz gegründet. Nun startet er auch mit den "Students for Future" auf Klimaproteste.
Alexander Hilse hat die Gruppe "Fridays for Future" in Zittau und Görlitz gegründet. Nun startet er auch mit den "Students for Future" auf Klimaproteste. © Nikolai Schmidt

Weshalb ist es dir wichtig, dich für die Umwelt einzusetzen?

Meine Motivation beginnt bereits bei dem Wort Umwelt. Warum bezeichnen wir Ökosysteme, die uns überhaupt erst eine Existenzgrundlage bieten als Umwelt? Sie sind ja nicht nur um uns herum, wir leben in ihnen. Wir sind darauf angewiesen, dass sie intakt sind, funktionieren. Würden sich die Leute empören, wenn eine Änderung im Duden aus unseren Mitmenschen plötzlich „Ummenschen“ machen würde? Mit Sicherheit!

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Wir sehen uns zu oft nicht als Teil der Natur und das ist fatal. Unser Klima hat sich im globalen Schnitt bereits um einen Grad erwärmt, überall auf der Welt brennen jährlich unzählige Hektar Wald, die Biodiversität ist massiv bedroht, aber das sind für viele Menschen nur Schlagzeilen. Jede Umweltkatastrophe müssen wir als Alarmsignal begreifen.

Wenn wir jetzt den Kurs nicht grundlegend ändern, steuern wir auf einen ökologischen Kollaps zu. Bereits die nächsten zehn Jahre entscheiden darüber. Besser gesagt entscheiden wir selbst darüber, indem wir effektiven Klimaschutz im Alltag betreiben und Druck auf die Politik ausüben. Beides ist notwendig, wenn wir die Erderwärmung noch aufhalten wollen.

Welche Aktionen hast du bereits begleitet beziehungsweise wie bist du in diesem Zusammenhang aktiv? Seit wann bist du aktiv?

Die Umweltbewegung habe ich erst durch Fridays for Future wirklich kennengelernt. Im Sommer 2019 bin ich zur Ortsgruppe in Zittau dazugestoßen und konnte mich für die Ideen und Forderungen von FFF schnell begeistern. Zu Demonstrationen unserer Gruppe war ich als Veranstalter und Mitorganisator vor Ort, so zum Beispiel zu den Global Strikes im September und November 2019. Wenn keine Streiks im Kalender standen, habe ich auch gerne mal eigene Projekte darin ergänzt und zu unseren Treffen angesprochen.

Was ich damals gelernt habe: Aktivismus funktioniert nur gemeinsam. Hinter jeder Aktion steckt die Arbeit von vielen Möglichmacherinnen und Möglichmacher, die dasselbe Ziel verfolgen. So lernte ich zahlreiche Akteure rund um die Klimabewegung in der Oberlausitz kennen.

Über die Komfortzone hinaus, hatte ich die Möglichkeit, unsere Gruppe auf der Bundesebene der Bewegung zu vertreten und bin dort auch immer noch aktiv und gut vernetzt. Inzwischen engagiere ich mich bei Fridays for Future Görlitz und habe zuletzt die Gruppe der Students for Future an der Hochschule Zittau/Görlitz ins Leben gerufen.

Von Zittau nach Görlitz: Protest-Radtour von Fridays for Future Zittau.
Von Zittau nach Görlitz: Protest-Radtour von Fridays for Future Zittau. © Archiv/Rafael Sampedro

Was ärgert dich an der derzeitigen (Umwelt-)Situation am meisten?

Das wohl größte Ärgernis besteht für mich in der Diskussionskultur zum Thema „Klima“. In den vergangenen zwei Jahren wurde die Debatte wortwörtlich vergiftet. Dabei ist Diskussion unglaublich wichtig, verschiedene Meinungen müssen natürlich eingeholt werden, die Menschen dürfen angesichts der notwendigen politischen Maßnahmen nicht fallen gelassen werden.

Es spricht gar nichts dagegen, Unmut zu äußern, Ängste zu benennen, lasst uns damit offen umgehen. Aber bitte in einer Art und Weise, die unserem Status als Global Player in Sachen Bildung, Wirtschaft und Forschung gerecht wird! Was ich beobachte: Es werden Gesichter der Klimabewegung romantisiert, aber auch zur Zielscheibe gemacht. In sozialen Netzwerken werden Hetzkampagnen gegen Aktivistinnen und Aktivisten losgetreten.

Die Frage „Ja aber was machst du denn privat für’s Klima?“ dominiert das öffentliche Interesse, obwohl die Antwort darauf mit den angeprangerten politischen Umständen nichts zu tun hat.

Wir stecken uns beim persönlichen Engagement gegenseitig in moralische Kategorien und fühlen uns als Person überlegen, wenn wir mal eine vegetarische Woche einlegen. Anstelle dieses vermeintlichen Wettbewerbs sollten wir doch alle gemeinsam eine Politik fordern, die uns ein nachhaltiges Leben überhaupt erst bezahlbar und attraktiv macht.

Was ist dein Wunsch für die Zukunft? Was wünschst du dir von der Politik beziehungsweise der Gesellschaft?

Ich wünsche mir eine Politik, die Haltung zeigt. Die nicht nur leere Versprechungen macht, sondern auch zielgerichtet Maßnahmen umsetzt. Von den Ambitionen, mit denen die deutsche Bundesregierung 2015 das Pariser Klimaabkommen unterzeichnete, scheint heute nichts mehr übrig zu sein.

Würden alle Länder die halbherzigen Klimaziele der Bundesregierung übernehmen, hätten wir in 80 Jahren eine drei bis vier Grad wärmere Welt! Das kann niemand wollen. Anstelle der Regierung waren es schließlich Schülerinnen und Schüler, die im Namen der Fridays for Future Bewegung eine Machbarkeitsstudie zur Einhaltung der 1,5 Grad-Grenze aufgegeben haben.

Der Jugendrat der Generationenstiftung veröffentlichte im vergangenen Jahr einen Forderungskatalog an die Politik. Er umfasst 100 Handlungsmöglichkeiten zur Gestaltung einer klimafreundlichen und sozial gerechten Zukunft. Es gibt so viele gute und kreative Lösungsansätze für die Krisen unserer Zeit. Liebe Politikerinnen und Politiker: Nehmt unsere Forderungen ernst.

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Arbeitet mit und nicht gegen uns. Von der Gesellschaft wünsche ich mir mehr Zusammenhalt. Zu oft höre ich „Die Jugend macht das toll! Die könnten das bei uns öfter machen!“. Dabei sind wir alle von der Klimakrise betroffen, nicht nur die Jugend. Fridays for Future ist seit seinen Anfängen zu einer gesamtgesellschaftlichen Bewegung gewachsen, an der jede und jeder teilhaben kann.

Gerade in Sachsen, wo die Klimajugend ohnehin weniger Anhängerinnen und Anhänger findet und Aktivistinnen und Aktivisten von rechtsextremen Gruppierungen angefeindet und sogar bedroht werden, brauchen wir einen gesellschaftlichen Rückhalt.

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