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Warum Schwarz-Weiß-Rot nicht zur Demokratie passt

Bei Corona-Protesten und unter Extremisten ist die alte Reichsflagge wieder populär. Aber so harmlos, wie ihre Träger behaupten, ist sie nicht.

Auch bei den Protesten entlang der B 96 zwischen Zittau und Oppach in der Oberlausitz schwenken Menschen die schwarz-weiß-rote Flagge.
Auch bei den Protesten entlang der B 96 zwischen Zittau und Oppach in der Oberlausitz schwenken Menschen die schwarz-weiß-rote Flagge. © Matthias Weber

Von André Postert*

Neuerdings erlebt sie eine Renaissance und wird immer wieder in der Öffentlichkeit gezeigt, bei Pegida, auf Anti-Corona-Demos, an der B 96 in Sachsen und vor dem Reichstag: die schwarz-weiß-rote Flagge des deutschen Kaiserreichs. Sie hat zwar eine lange Geschichte, die am Ende aber zeigt: als politisches Symbol hat das Schwarz-Weiß-Rot für Demokraten längst ausgedient.

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Nach der Niederlage im Ersten Weltkrieg, der Revolution und dem Untergang der Monarchie 1918 warben nicht nur Radikale mit der alten Flagge. Man konnte sie auch bei bürgerlichen Parteien antreffen, die trotz Skepsis die neue Demokratie stützten. Reichskanzler und Außenminister Gustav Stresemann war ein Garant der Stabilität in den krisenhaften 1920er-Jahren. Mit kluger Außenpolitik half er seinem Land aus der Isolation heraus. Dennoch, auch Stresemann zeigte sich als Freund der alten Farben: „Würdeloses Verlassen alles Großen in unserer Geschichte“, hatte er 1919 geklagt, sei mit der „Aufgabe der alten Reichsfarben“ einhergegangen. Als Stresemann zehn Jahre später beerdigt wurde, hatte man zwar die schwarz-rot-goldene Nationalflagge auf den Sarg gebettet. Einige Schleifen der Kränze zeigten aber Farben des alten Reichs.

Ein Streit um die Systeme

Wer bis Ende der 1920er-Jahre dem Schwarz-Weiß-Rot zuneigte, war nicht zwangsläufig ein finsterer Antidemokrat. Für weite Teile des Bürgertums symbolisierte die alte Flagge nicht in erster Linie einen überwundenen, säbelrasselnden Obrigkeitsstaat, sondern wirtschaftliche Blüte, technischen Fortschritt, nationale Größe. Im unergiebigen Weimarer Flaggenstreit offenbarte sich die politisch-soziale Spaltung, die aus der Bismarck-Ära und dem Wilhelminismus herrührte. Nach 1918 hatte sie sich nur noch weiter vertieft: Sozialdemokraten und Liberale standen auf der einen Seite, das konservative und rechtsliberale Bürgertum auf der anderen.

Wäre der Flaggenstreit nicht derart erbittert geführt worden, wäre es denkbar und sogar gut möglich gewesen, dass neben dem Schwarz-Rot-Gold der Revolution 1848 auch das Schweiß-Weiß-Rot von 1871 einen Platz in der deutschen Demokratiegeschichte gefunden hätte. Es wäre ein Zeichen der inneren Befriedung gewesen. Es kam anders.

Warum also ist das Schwarz-Weiß-Rot heute für Demokraten politisch verbrannt? Der erste Teil der Antwort liegt in der Radikalisierung des Konservatismus in der Endphase der Weimarer Republik. Die „Deutschnationale Volkspartei“, die größte Sammelpartei der Rechten, hatte 1920 ein „Kaiserreich der Zukunft unter den alten Reichsfarben“ als ihr Ziel ausgegeben. An drei Regierungskoalitionen war sie zunächst aber konstruktiv beteiligt. Nach 1927 drifteten die Deutschnationalen zusehends in giftigste Opposition ab. Zum Ende des Jahrzehnts spitzte sich der Streit um die beiden Trikoloren endgültig zu einem Streit um die Systeme zu: hier Parlamentarismus, dort alles, aber in Hauptsache etwas anderes – ob Monarchie, autoritäre Präsidialherrschaft oder irgendein anderer Kurs der harten Hand. Vorher war Schwarz-Weiß-Rot ein Bekenntnis zur nationalen Kontinuität, gegen die Revolution, die Sozialdemokratie und die progressive Linke. Spätestens jetzt wehten die Fahnen jedoch gegen die Weimarer Republik als solche.

Deutschnationale, Militärs und rechte Bürokraten hoben Hitler Ende Januar 1933 in den Sattel, da sie annahmen, dass er als Kanzler ins Leere laufen würde. Die Ereignisse 1933 sind der zweite Teil der Antwort, warum Schwarz-Weiß-Rot zur Demokratie nicht passen kann. Für die Reichstagswahl im März 1933 schlossen sich die Konservativen im Wahlbündnis „Kampffront Schwarz-Weiß-Rot“ zusammen. Mit acht Prozent der Stimmen konnten sie sich nicht gegen die NSDAP behaupten. Aber sie legitimierten mit dem „Kabinett der nationalen Konzentration“ die Nazis.

Hitler wusste Symbole zu nutzen, um seine Übergangspartner in falscher Sicherheit zu wiegen. Die ikonische Verbeugung vor Reichspräsident Hindenburg am Tag von Potsdam am 21. März 1933 gehört hinzu. Genauso das Hissen der alten Fahne. Am 12. März verfügte Hindenburg per Erlass, dass „die schwarz-weiß-rote Fahne und die Hakenkreuzfahne gemeinsam zu hissen“ seien. Die alte Flagge und der Nazi-Wimpel wehten Seite an Seite. Nicht jedoch vor dem Reichstag, der in der Nacht auf den 28. Februar in Flammen aufgegangen war. Das Regime hatte den Brand gewieft zur Ausschaltung der Opposition genutzt. Das Rumpf-Parlament wich in die Kroll-Oper aus. Zum ersten Mal seit der Revolution 1918 wehte nun vor dem Sitz des deutschen Parlaments die Kaiserreich-Fahne – als Symbol des Sieges über die verhasste Republik. Mit dem Hitler-Staat ist sie seitdem untrennbar verbunden.

Ein Zurück zur alten Ordnung kam für die Nazis allerdings nie infrage. Schritt für Schritt wurden die konservativen Partner nach 1933 kaltgestellt. Vizekanzler Franz von Papen sah sich im Sommer 1934 aus der Regierung geworfen. Kurz darauf starb Reichspräsident Hindenburg. Mit dem Flaggengesetz vom 15. September erhoben die Nazis nun ihre eigene Parteifahne zur National- und Handelsflagge. Die schwarz-weiß-rote Trikolore verschwand aus dem öffentlichen Leben. Die Achtung vor dem Reich, so Hermann Göring, gebiete es, dass die alte Fahne nicht als „Siegeszeichen der Reaktion“, nicht als „Parteiwimpel“ dienen dürfe. Die Nazis, nun da ihre Herrschaft gefestigt war, duldeten keine Alternative, also auch keine andere Flagge.

In der Bundesrepublik war eine Rückkehr zum Schwarz-Weiß-Rot schnell undenkbar: für die politische Linke sowieso, die sich auf die Tradition von 1848 berief, aber auch für Konservative, wenn sie eine Zukunft im neuen Deutschland haben wollten. In der CDU diskutierte man zwar kurz eine Flaggenvariante, die sich von jener der Weimarer Republik unterschieden hätte. Diese sogenannte Wirmer-Flagge, benannt nach Josef Wirmer, einem Widerständler des 20. Juli 1944, wäre aber ebenfalls schwarz-rot-gold gewesen. Auf rechten Kundgebungen weht bizarrerweise auch diese Fahne aktuell wieder.

Zeichen der Extremisten

Randparteien, manche eher deutschnational, andere von Nazis dominiert, hielten die Kaiserreich-Fahne anfangs weiter beharrlich hoch. Darunter die rechtsextreme „Sozialistische Reichspartei“, die 1949 gegründet und drei Jahre später verboten wurde. Die konservative „Deutsche Partei“, deren Logo die alte Fahne enthielt, schaffte sogar den Sprung in den Bundestag. Zu drei Adenauer-Koalitionen steuerte sie Minister bei. Einer ihrer Landesvorsitzenden gelangte Mitte der 1950er-Jahre zu der Erkenntnis: „das Benutzen (…) der Farben schwarz-weiß-rot (…) sollten wir uns abgewöhnen. Es schadet mehr als es nützt.“ In den folgenden Jahrzehnten haben sich die meisten Parteien, die sich rechts der CDU zu etablieren versuchten, mit den republikanischen Farben arrangiert. Schwarz-Weiß-Rot wurde zum Zeichen der Extremisten.

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Was will derjenige sagen, der diese Fahne als politisches Symbol heute noch auf die Straßen oder vor den Reichstag trägt? Zu sagen, man schwenke bloß die Fahne des Kaiserreichs, hilft nicht. Im besten Falle ist derjenige geschichtsvergessen oder hoffnungslos naiv, ansonsten aber ein erklärter Feind der Bundesrepublik. Unter wirklichen Demokraten, auch rechts der Mitte, hat sie längst ausgedient.

Unser Autor André Postert ist Historiker am Hannah-Arendt-Institut für Totalitarismusforschung.

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