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Unterwegs in einem der letzten Hochmoore Sachsens

Die ausgedehnten Moore des Erzgebirges trocknen aus und geben CO2 frei. In der Mothäuser Heide lässt sich nachvollziehen, wie aufwendig ihre Wiederbelebung ist.

Torfmoos hat noch nicht mal Wurzeln, kann aber das Klima retten. Anke Haupt zeigt in der Stengelhaide bei Reitzenhain, wie die Pflanze aufgebaut ist.
Torfmoos hat noch nicht mal Wurzeln, kann aber das Klima retten. Anke Haupt zeigt in der Stengelhaide bei Reitzenhain, wie die Pflanze aufgebaut ist. ©  Ronald Bonss

Eine Szenerie wie im russischen Märchen: Grauweiße Birkenstämme ragen aus saftig grünen Wiesen. Sonnenstrahlen tasten sich über Teppiche aus Blaubeerbüschen. Fliegenpilze, Mückengesumm. Fehlt nur, dass Mascha, Dascha und der Bär hinter den Stämmen hervorlugen. Stattdessen steht Anke Haupt da, 56 Jahre, wacher Blick. Mitten in der Stengelhaide, einem Teil des Moorkomplexes Mothäuser Heide zwischen Reitzenhain und Marienberg. Sie deutet auf eine Insel im braunen Wasser, ein ovales Fleckchen von besonders einladendem Grün. „Darauf sollten Sie tunlichst nicht treten. Wer dort durchbricht, ist verloren“, sagt sie. Seit 1995 ist sie im Naturpark „Erzgebirge/ Vogtland“ die Fachfrau für Moore. Sie weiß, wohin man hier die Füße setzen sollte. Und wohin lieber nicht.

Im Mittelalter war ein Fünftel der Fläche Sachsens mit Mooren bedeckt. Inzwischen ist es nur noch ein halbes Prozent. Generationen von Menschen haben mit großer Kraft versucht, die Flächen landwirtschaftlich nutzbar zu machen. Sie haben sie entwässert, den Torf abgebaut, getrocknet und als Brennmaterial oder für den Gartenbau verwendet. Aus Mooren wurden Wälder und Felder.

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„Aus ihrer Sicht war das eine große Leistung. Heute sehen wir das kritisch“, sagt Andreas Ihl. Als Referent für besondere Schutzgebiete und Schutzgüter am Landesamt für Umwelt, Landwirtschaft und Geologie ist er auch für die 347 Flora-Fauna-Habitate (FFH) zuständig, die es in Sachsen gibt. Die SZ widmet ihnen diese Sommerserie. „Heute wissen wir, dass Moore einen höheren Beitrag zum Klimaschutz als jedes andere Ökosystem in Deutschland leisten.“

Die Mothäuser Heide ist eines der sechs Hochmoore in Sachsen, in denen noch kleine Flächen lebender Moore vorkommen.
Die Mothäuser Heide ist eines der sechs Hochmoore in Sachsen, in denen noch kleine Flächen lebender Moore vorkommen. © Ronald Bonß

Im FFH-Gebiet E7, der Mothäuser Heide, zeigt Anke Haupt auf den Stamm einer abgestorbenen Kiefer. Ein Wasserrand hat sich in etwa 15 Zentimetern Höhe abgesetzt. Trockene Jahre wie die letzten drei machen sich sehr schnell sehr deutlich bemerkbar – vor allem in Hochmooren, die nur von Niederschlägen gespeist werden. Zusätzlich setzen den Ökosystemen die alten Entwässerungsgräben zu. Allein im Erzgebirge wird ihre Länge auf 4.000 bis 6.000 Kilometer geschätzt. Sie sind oft mit Torfmoos überwachsen. Man kann sie kaum erkennen, daher die ungenaue Schätzung. „Aber sie sind durchlässig, das Wasser fließt durch sie immer noch aus dem Moor. Die Gräben zu verschließen, ist kaum zu leisten“, erklärt Ihl das Dilemma.

Die Mothäuser Heide ist eines der sechs Hochmoore in Sachsen, in denen noch kleine Flächen lebender Moore vorkommen. Sie sind zwischen 400 Quadratmeter und 3,5 Hektar groß und befinden sich fast alle im mittleren und westlichen Erzgebirge. Dazu kommen 588 Flächen mit Übergangsmooren, etwa das Presseler Heidewald- und Moorgebiet in Nordsachsen oder das Dubringer Moor bei Wittichenau. Besonders gefährdet sind die Hochmoore. „Sie leben, aber ihr Zustand ist schlecht“, sagt Ihl. „Momentan haben wir damit zu tun, dass er nicht noch schlechter wird“, sagt Forstwissenschaftlerin Anke Haupt. „Der Torf ist zerstört. Den bekommt man nicht zurück.“

Um ein Moor zu revitalisieren, braucht es Wasser. Und Zeit. Anke Haupt bückt sich und holt ein Büschel Torfmoos aus einem Wasserloch. Es hat keine Wurzeln, sondern wächst einfach nach oben weiter, bis zu 20 Zentimeter im Jahr. Was unter die Wasseroberfläche gerät, wird zusammengedrückt und stirbt ab, ohne von Mikroorganismen zersetzt zu werden. Das in den Pflanzen enthaltene CO2 wird dabei eingeschlossen und gespeichert. So entsteht der Torf.

„Bei guten Bedingungen wächst das Moor etwa einen Millimeter pro Jahr“, sagt Haupt. Die ältesten Moore Sachsens bestehen seit 11.000 Jahren. Das ist viel Zeit zum Wachsen. Neun Meter hoch ist die Torfauflage in der Mothäuser Heide. Aber gerade im Bereich der Stengelhaide sind die Torfkörper seit dem 17. Jahrhundert bis 1990 großflächig bis auf den Grund abgebaut worden. Alte Fotos zeigen das Ausmaß: Braune Wüsten statt grüner Flächen. Nach der Wende gewann der Naturschutz große Bedeutung, Mitglieder von Naturschutzverbänden begannen, sich um die Moorreste zu kümmern. Seit 2008 ist auch der Sachsenforst mit eigenen Projekten dabei. „Im Georgenfelder Hochmoor ist der Landesverein Sächsischer Heimatschutz schon seit fast 100 Jahren aktiv“, weiß Andreas Ihl.

Auf den Lehrpfadbohlen wärmt sich eine Waldeidechse. Auch Kreuzottern, Birkhühner, Libellen wie die Torf-Mosaikjungfer oder Dukaten-, Permutt- und Mohrenkopffalter leben hier.
Auf den Lehrpfadbohlen wärmt sich eine Waldeidechse. Auch Kreuzottern, Birkhühner, Libellen wie die Torf-Mosaikjungfer oder Dukaten-, Permutt- und Mohrenkopffalter leben hier. © Ronald Bonß

Die Sohlen von Anke Haupts Gummistiefeln schmatzen und zutschen nur kurz, dann wird der Boden wieder trocken. Er wippt, läuft man energisch. „An den Blau- beeren sieht man, wie weit die Leute sich ins Moor trauen“, sagt sie.

Eng an eng hängen hier die Früchte, eine jede eine bittersüße Versuchung. Einen Fußbreit neben dem schmalen Trampelpfad steht das Wasser knietief. Mindestens. „Das Einzige, was uns hält, ist das Wurzelwerk der Bäume und Zwergsträucher. Darunter ist nasser Torf“, erklärt sie. Oha. Das klingt nicht sonderlich vertrauenerweckend. Gibt es Moorleichen im Erzgebirge? „Die Moore hier sollte man nicht unterschätzen, aber schlimme Unfälle sind mir nicht bekannt“, beruhigt sie mit dem Standardsatz, den sie auf ihren Führungen über den Lehrpfad oder quer durchs Moor sagt. Ein bisschen Gruselmystik gehört dazu.

Autorauschen in der Ferne. B 174, Grenzverkehr. Ein Kampfjet donnert durch die Schäfchenwolken. Flugzeuge sind weltweit für drei Prozent des Kohlendioxyd-Ausstoßes verantwortlich, zeigen Berechnungen der Internationalen Energieagentur. Entwässerte Moorböden sorgen allein in Deutschland für etwa fünf Prozent der Gesamtemissionen, gibt der NABU an. Das gilt auch für die Stengelhaide. Das trockene Moor wird zum Klimakiller. Denn wenn der Torf trocknet, beginnt er, sich zu zersetzen, und setzt CO2 frei. Nur gesunde Moore speichern Kohlendioxyd – ein Fünftel des gesamten CO2 weltweit. Und das, obwohl sie lediglich drei Prozent der Erdfläche einnehmen. Noch. Auf den Philippinen verschwinden sie für Palmölplantagen, in Irland, Finnland und Schweden werden Kraftwerke mit Torf betrieben, im Baltikum wird er in Größenordnungen für unsere Blumenerde abgebaut.

Das Moor erholt sich: Der Moorlehrpfad Stengelhaide ist auf einem Teil der alten Lorenbahn angelegt worden. Eindrucksvoll lässt sich entdecken, wie das Moor wieder wächst.
Das Moor erholt sich: Der Moorlehrpfad Stengelhaide ist auf einem Teil der alten Lorenbahn angelegt worden. Eindrucksvoll lässt sich entdecken, wie das Moor wieder wächst. © Ronald Bonß

Anke Haupt kann darüber nur den Kopf schütteln. Sie weiß, wie aufwendig es ist, einem Moor dabei zu helfen, sich selbst zu heilen. Sie hat die rund 300 Einzelmaßnahmen betreut, die seit 2005 in der Stengelhaide dafür umgesetzt wurden. Abläufe wurden verschlossen, Dämme gebaut, um die Fließrichtung des Wassers vorzugeben – anfangs meist in schwerer Handarbeit. Staukaskaden wurden errichtet, damit das Wasser in die Breite geht. „Das ist das wichtigste Ziel: Das Wasser so lange wie möglich im Moor zu halten, damit wir den Torfkörper erhalten können“, sagt sie.

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„Die Moore sind über Tausende Jahre gewachsen, der Mensch hat sie innerhalb von 200 Jahren zerstört. Und wir sollen sie innerhalb weniger Jahre revitalisieren. Das klappt nicht.“ Anke Haupt streicht über das flauschige Blatt einer Moorbirke. Wasserläufer sausen über braunes Wasser, eine Waldeidechse sonnt sich auf dem Bohlenpfad. Die Freude über die ersten Erfolge ist ihr dennoch anzusehen.

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