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Erinnerungen an den Fels-Visionär und Kindskopf

Fürs Bergsteigen hinterlässt Kurt Albert mehr als die Rotpunkt-Markierungen. Es sind bleibende Werte, die auch mit seinen Erlebnissen am Elbsandstein zu tun haben.

Kurt Albert saugt sich beim Klettern an die Wand.
Kurt Albert saugt sich beim Klettern an die Wand. © Thomas Ballenberger

Die Sächsische Schweiz ist auf Sand gebaut. Der hält nicht für die Ewigkeit. Und doch entstand Bleibendes. So trugen sächsische Kletterer ihren Stil des fairen Kletterns in die Welt. Die Felsen im Elbtal inspirierten immer wieder auch Gäste wie Kurt Albert, den Erfinder des Rotpunkts, der zum globalen Symbol wurde. Der Franke stimmte oft ein Loblied auf die Sächsische Schweiz an.

1973 war er nach dem Abi-Abschluss mit Freunden erstmals ins Elbsandsteingebirge gereist. Da hatte der Hobbykletterer im Frankenjura schon schwere Routen gemeistert. In Sachsen entdeckte er neue Herausforderungen. „Das war eine prägende Zeit für ihn“, sagt Tom Dauer, der nun zum zehnten Todestag des Kletterpioniers das Buch „Kurt Albert – frei denken, frei klettern, frei sein“ geschrieben hat.

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Die Kletterei im Elbsandstein öffnete den Westdeutschen neue Horizonte. „Das Technoklettern und Hakenziehen in der Fränkischen Schweiz war ihnen zu langweilig geworden. Da entdeckten sie das Abenteuer-Klettern im Elbsandstein“, sagt der Autor im Gespräch mit der Sächsischen Zeitung, und er stellt fest: „Für die jungen, testosterongesteuerten Abenteuer-Typen war es das Paradies. Das hat Kurt Albert enorm geprägt.“

Der Publizist meint, dass es alpinhistorisch bislang längst nicht überall gebührend gewürdigt wurde, was Anfang des vergangenen Jahrhunderts sowie in den 1960er- und 1970er-Jahren an Sachsens Felsen geleistet wurde. Dieser Freikletter-Stil fand seinen Weg westwärts – auch durch Albert. Er war eine besondere Persönlichkeit: Visionär und Kindskopf.

Beim Klettern achtet er auf alles

Dauer arbeitete ein Jahr am Buch, sprach mit mehr als 50 Freunden und Wegbegleitern, näherte sich Albert von vielen Seiten und fand mannigfache Facetten. „Er stand in der Öffentlichkeit, aber hinter der öffentlichen Person verbargen sich viele Seiten“, sagt der Autor und dass „die nicht so offensichtlich waren“.

Beim Versuch, ein Gesamtbild zu schaffen, gab es immer wieder Widersprüchliches zu hören. „Beim Klettern war Kurt sehr exakt, immer ein Teamplayer. Im Gegensatz dazu lebte er einen chaotischen Alltag. Diesen Kontrast, diese zwei Seiten haben seine Freunde und Gefährten immer wieder betont“, erzählt Dauer. Wenn Albert seinen Gurt anhatte, achtete er akribisch auf alles. „Dann wirkte er fast beamtisch korrekt. Da war er extrem auf Sicherheit bedacht für sich und die Begleiter“, sagt Dauer.

Das Vorbild: die sächsische Kletterlegende Bernd Arnold, von dem sich Albert viel abgeschaut habe.

Bei der Expedition 1988 zum Nameless Tower in Pakistan war dem Hohnsteiner Arnold auf abenteuerlichen Wegen die Mitreise gelungen. Er konnte die DDR-Behörden austricksen. Albert hatte in sein Tagebuch notiert, dass Arnold ihm ernsthaft geraten hätte, „sein Zeug gescheit zu ordnen, damit alles Hand und Fuß hat“. Der Rat wurde angenommen, zumindest am Berg.

Ein ewiges Kind

Konsequent verweigerte sich Albert einem bürgerlichen Leben. Er hätte es haben können nach dem abgeschlossenen Lehramtsstudium von Mathematik und Physik. Eine Stelle als Lehrer wartete auf ihn. Er ließ die Frist zur Einstellung verstreichen. „Ich glaube ihm, dass das keine schlichte Verweigerungshaltung war“, sagt Dauer und vermutet stattdessen bei Albert einen gewissen Fatalismus als Charakterzug.

Die Entscheidungsfreude beim Klettern passte so gar nicht dazu, wie er den Alltag passieren ließ, beispielsweise Briefe nicht öffnete. Dinge, die er nicht ändern konnte, die ließ er einfach laufen, erzählten Dauers Interviewpartner in Variationen. „Das waren bemerkenswerte Gegensätze, diese Widersprüche in der Persönlichkeit. Aber das macht ihn ja so interessant, weil er nicht stromlinienförmig daherkam“, sagt Dauer.

Albert war verspielt und überraschend in seinen Späßen. Freunde beschrieben ihn als „ewiges Kind“. Andererseits spürte Dauer in den Interviews immer auch eine gewisse Melancholie. Persönlich hatte er ihn nie intensiv erlebt.

In den 1980er-Jahren waren sie sich in der Fränkischen Schweiz beim Klettern über den Weg gelaufen. In Patagonien gab es nach der Wende weitere Begegnungen. Da hauste Dauer im Basiscamp in der Nachbarhütte, als Albert mit Arnold und Begleitern schlechte Wettertage aussaß. Aber was Freunde wie Arnold erzählten, das ließ erahnen, dass Albert hinter der Clownfassade sein Innerstes versteckte.

Die Patagonien-Tour wurde verewigt in einer zehnteiligen Artikelfolge in der Sächsischen Zeitung. Auch diese Beiträge von Dezember 1990 bis Februar 1991 fanden sich in Alberts Archiv, das der Bruder aufbewahrte und für das Buch freigab. Horst Albert gewährte zudem private Einblicke, wie Kurt im Alltag seiner letzten Jahre mitunter antriebslos gewesen sei, von Kopfschmerzen und Migräne geplagt – möglicherweise ein Preis für eine rastlose Zeit mit unzähligen Touren in aller Welt. Jahrelang war Albert nicht zu Hause.

In der Welt zu Hause

Eine gewisse Traurigkeit vermittelt das Privatleben – ohne feste Beziehung, ohne Kinder. Wenn die Bergfreunde nach Expeditionen abgeholt wurden, wirkte Albert, als ob er gleich weiterfliegen könnte. Auf ihn wartete niemand. „Kurt wirkte diesbezüglich auf mich fast wie heimatlos, entwurzelt. Er war in der Welt zu Hause, hatte aber kein wirkliches Zuhause. Dabei lebten sie in den wilden Jahren in einer Kletterer-WG, in der die Größen der Szene aus aller Welt im wahrsten Wortsinn ein- und ausgingen“, sagt Dauer.

Bleibendes hinterließ Albert mit dem Rotpunkt: Damit markierte er – auf der Suche nach einem fairen Kletterstil und inspiriert vom Klettern im Elbsandstein – eine freie Durchsteigung einer Route im Vorstieg. Dabei sind Sicherungen gestattet, die aber beim Klettern nicht belastet werden dürfen – eine Regel, die sich weltweit durchgesetzt hat. Albert übertrug den Stil später auf seine Expeditionen.

„Aber das Tolle am Kurt war, dass er nicht der Sklave seiner eigenen Idee war“, fand Dauer heraus. „Wenn Rotpunkt möglich und eine Route frei zu klettern ging, dann war das wunderbar. Wenn in einer 1.000-Meter-Wand mal drei Meter technisch geklettert werden mussten, störte ihn das auch nicht. Es gibt viel dogmatischere Leute. Kurt verfolgte keine Ideologie mit seinem Freiheitsdrang und seiner Art zu klettern. Er hatte einen inneren Drang, der ihn leitete, den er aber mit einem gewissen Pragmatismus umsetzte. Er wollte möglichst wenig eingeschränkt sein. Dabei half ihm seine Art, weil ihn fast jeder sympathisch fand. Er führte ein konsequentes Leben ohne missionarischen Impuls.“

Der Tod passt nicht ins Bild von ihm

Dauer kann nachvollziehen, wie leidenschaftliche Kletterer leben. Er war selbst ambitioniert in Bergen unterwegs, allein sechsmal in Patagonien. In den Anden und im Himalaya meisterte er Erstbesteigungen. Inzwischen seien die „wildesten Jahre“ vorbei, doch Klettern blieb seine Passion. Er weiß also, wie Bergsteiger ticken. Dennoch staunte Dauer, wie sich bei seinen Nachforschungen und Interviews das Gesamtbild über Albert veränderte.

„Da gab es die vielen wilden Anekdoten. Doch er hatte auch stille und nachdenkliche Seiten“, sagt Dauer. Albert besaß vielfältige Begabungen mit den Interessen für Naturwissenschaften, der Vorliebe für Rätsel oder Denk-Aufgaben. „Und es gab eine musische Seite. Er brachte sich das Klavierspielen bei, sprach Spanisch und war in Spanien fast bekannter als in Deutschland. Sein Aktionsradius hatte Platz für mehrere Leben. Es wäre interessant gewesen zu erleben, wie er alt geworden wäre“, so Dauer.

Das sollte nicht sein. Als Tourführer war Albert am 26. September 2010 auf dem Höhenglücksteig im heimischen Frankenjura unterwegs. Den Klettersteig hatte er als 14-Jähriger schon geschafft – ohne Klettersteigset. Danach war er den Steig unzählige Male gegangen. Bei einer Pause geschah die Tragödie. Offenbar hatte sich eine Sicherung an der Ausrüstung gelöst. Er stürzte 18 Meter tief. Zwei Tage später starb Albert im Alter von 56 Jahren. Ein „Handhabungsfehler“ habe den Todessturz ausgelöst, so lautet das Fazit der Untersuchung zur Unfallursache.

Der Tod passt nicht ins Bild von Albert, der sonst so pedantisch gewissenhaft beim Klettern agiert hatte. Ein durchweg ungewöhnlicher Mensch bekommt jetzt jedoch durch Dauers Buch ganz starke Konturen. Es wirkt wie ein Plädoyer für ein freies Leben mit allen Konsequenzen.

Tom Dauer: „Kurt Albert – frei denken, frei klettern, frei sein“ Tyrolia-Verlag Innsbruck Wien, 336 S., 143 Fotos, 29,95 Euro

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