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Ein blühendes Gürteltier im Wehlgrund

Der Rohbau des Funktionsgebäudes auf der Felsenbühne Rathen ist fertig. Die Architektur ist alles andere als gewöhnlich.

Ein Blick von oben auf die Baustelle der Felsenbühne Rathen. Im Ausguck: Architekt Lür Meyer-Bassin (l.), Birgit Schüler, Referentin der Intendanz der Landesbühnen für Immobilien und Ausstattungsleiter Stefan Wiel.
Ein Blick von oben auf die Baustelle der Felsenbühne Rathen. Im Ausguck: Architekt Lür Meyer-Bassin (l.), Birgit Schüler, Referentin der Intendanz der Landesbühnen für Immobilien und Ausstattungsleiter Stefan Wiel. © Thomas Morgenroth

Rathen. „Hier hatte ich mein Büro“, sagt Andreas Gärtner und lugt interessiert in den dunklen Raum, in dem ein Arbeiter gerade die Wände verputzt. Gärtner lässt seinen rechten Zeigefinger kreisen: „Da war die Tür, und dort ist noch ein Stück von der alten Außenwand.“ Für den Veranstaltungsmanager der Landesbühnen Sachsen hat die Besichtigung der Baustelle im Wehlgrund eine besondere nostalgische Komponente. Dreißig Sommer lang befand sich in einem Zweckbau aus den Sechzigerjahren Gärtners Schaltzentrale für die Felsenbühne Rathen, auf der jährlich fast 100 Veranstaltungen stattfinden – wenn nicht gerade gebaut wird, wie seit Oktober 2019.

Von den alten Gebäuden stehen nur noch ein paar Mauern, darunter eine Wand, auf der sich vielleicht vierzig Menschen nach der letzten Vorstellung vor dem Umbau am 1. September 2019 mit ihrer Unterschrift verewigten. Alles andere wurde abgerissen. Auch die Eisentreppe ist verschwunden, die zu Gärtners elf Quadratmeter großem Büro im Obergeschoss führte, und die bei Feuchtigkeit spiegelglatt werden konnte. Diesen Parcours meisterte der Rathener, ohne je Schaden zu nehmen. Dafür rutschte er vor zehn Jahren auf der Treppe an der Kantine auf einem Frosch aus und zog sich beim Sturz einen komplizierten Bruch des rechten Unterarms zu – eine seiner wenigen schmerzlichen Erinnerungen an seine Dienstzeit.

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14 Millionen Euro werden investiert

Nun wird alles neu und sicherer. Die Landesbühnen Sachsen lassen mit Mitteln des Freistaates für 14 Millionen Euro ein neues Funktionsgebäude bauen, die Bühne unterkellern und die Technik modernisieren. Es ist die bisher größte Investition in Europas schönstes Naturtheater seit seiner Eröffnung vor 85 Jahren und eine der bedeutendsten in der Geschichte der Gemeinde. Ein deutlicheres Bekenntnis zum Fortbestand der Spielstätte im Nationalpark Sächsische Schweiz kann es kaum geben.

Der Weg dahin war freilich steinig – und lang. Schon in den Fünfzigerjahren gab es die Idee für eine burgähnliche Bebauung, die nicht umgesetzt wurde. Nach den Brandanschlägen auf der Felsenbühne Anfang der Neunzigerjahre wurde das Gelände für eine Komplettsanierung überplant. In einem ersten Bauabschnitt entstand ein neues Magazin für Dekorationen hinter dem Zuschauerbereich und ein Pavillon am Eingang, der als Infopunkt gedacht war, schließlich aber mangels Alternativen zu einem Imbissstand wurde. Der nächste Bauabschnitt wurde nämlich nicht mehr realisiert, da hatte die Sanierung und Erweiterung des Stammhauses der Landesbühnen in Radebeul Vorrang.

Preisgekröntes Architekturbüro

Das 2005 mit dem Radebeuler Bauherrenpreis und 2004 mit einer Anerkennung beim Erlwein-Preis Dresden bedachte Projekt lag in den Händen des Dresdner Architekturbüros Meyer-Bassin und Partner. Und da schließt sich der Kreis zur Felsenbühne: Auch für diesen Theaterbau bekam das Büro den Zuschlag. Es hatte zwar beim 2008 ausgelobten Wettbewerb für den Neubau des Funktionsgebäudes nicht die Nase vorn, letztlich aber doch das bessere Konzept, als die Landesbühnen 2011 aus staatlicher Obhut in eine privatwirtschaftliche GmbH entlassen wurden. Dadurch war plötzlich mehr möglich. Bis zum ersten Spatenstich dauerte es weitere acht Jahre.

Jetzt liegt ein gigantisches „Gürteltier“, wie Andreas Gärtner den Neubau bezeichnet, im Wehlgrund. Das seltsame Wesen ist vielleicht fünfzig Meter lang und breit wie eine dreispurige Autobahn – und auf seinem Buckel blüht eine grün-gelbe Sommerwiese. Ein atemberaubender Anblick, den die Besucher freilich nur auf den hinteren Plätzen werden genießen können. Die besten Aussichten auf das Wunder ergeben sich von den oberen Ebenen der Bühne.

Gäste kommen dort nur ausnahmsweise hin. Wie am Dienstag, als Architekt Lür Meyer-Bassin mit einer Abordnung der Chefetage der Landesbühnen die Baustelle besichtigte und die Männer und Frauen im strömenden Regen zu seinem liebsten Ausguck führte. „Hier bin ich jede Woche mindestens einmal und mache Fotos“, sagt er. Der Rundgang war eine Art verspätetes Richtfest, das wegen der Restriktionen im Zuge der Corona-Pandemie Anfang Dezember ersatzlos ausfallen musste. Inzwischen ist der Rohbau fertig, die Dimensionen des Gebäudes sind sichtbar, und die funktionale Aufteilung erfreute am Dienstag die fachkundigen Besucher.

Nutzfläche verdoppelt sich

Mit 1.000 Quadratmetern steht dem Theater auf der Felsenbühne künftig fast doppelt so viel Nutzfläche zur Verfügung wie bisher. Das Gebäude nimmt indes nicht mehr Platz ein, es orientiert sich an den Grundrissen der bisherigen Bebauung, das war eine der Bedingungen für die Baugenehmigung. Dafür ist es jetzt durchgehend zweistöckig, was für den Besucher, der es anders kennt, zunächst ein gewöhnungsbedürftiger Anblick ist.

Zwölf bis zu sieben Meter hohe Holzsäulen gliedern den unregelmäßigen Baukörper. Die Wände sind komplett mit Lärchenholz aus dem Tharandter Wald verkleidet, überhaupt ist Holz ein wesentlicher Baustoff. Das entspricht den Wünschen nach einer Anpassung an die natürliche Umgebung und nach einer nachhaltigen Bauweise. „Das wird auch regelmäßig kontrolliert“, sagt Lür Meyer-Bassin.

Die Bedingungen für die Mitarbeiter der Landesbühnen verbessern sich entscheidend. Es wird große und vor allem ausreichend beheizte Garderoben geben, eine lässt sich durch Wegnahme trennender Vorhänge in einen 120 Quadratmeter großen Raum verwandeln. Dort könnten Proben stattfinden, wenn „Mistwetter ist“, sagt Gärtner, oder auch Veranstaltungen. Erste Ideen kamen bereits am Dienstag auf. Alle Wege sind optimiert, es gibt erstmals einen Aufzug für Menschen und Lasten, dort, wo die Treppe zu Gärtners Büro war. Im Erdgeschoss finden Kantine und Küche Platz, von dort aus werden auch die Zuschauer verpflegt. Der Imbisswagen, der derzeit am Theaterzelt steht, kehrt nicht wieder auf die Felsenbühne zurück.

Kein Orchestergraben mehr

„Die Logistik war ein großes Thema“, sagt Meyer-Bassin, und meint damit sowohl die Planung als auch die Umsetzung. Wegen der schmalen Zufahrtswege muss sämtliches Material in Waltersdorf je nach Transportrichtung auf kleinere oder größere Fahrzeuge umgeladen werden. Der Neubau sei also in vielerlei Hinsicht ein „sehr anspruchsvolles Projekt“.

Das Ergebnis aber lohnt die Mühe, das ist jetzt schon zu erahnen. Funktionalität paart sich mit Großzügigkeit und interessanten architektonischen Lösungen. Am markantesten ist die bis zu sieben Meter hohe abstrahierte Konzertmuschel am linken Bühnenrand (vom Zuschauer aus gesehen), in der künftig die Musiker sitzen und spielen werden. Der akustisch und klimatisch ungünstige Orchestergraben wurde aufgegeben, die Bühne, die wieder einen dicken Sandbelag bekommt, ist nun bis zur Kante hin voll belastbar, auch mit Pferden und Kutschen. Die kommen dann zudem besser um die Kurve, deren Radius optimiert wurde. Der alte Tunnel aus Beton, durch den unter anderem der Samiel im „Freischütz“ zur Wolfsschlucht gelangt, ist so stabil, dass er erhalten bleibt.

Ausstattungsleiter Stefan Wiel bestaunt die Höhe des neuen Gebäudes, das nun durchgehend zweistöckig ist.
Ausstattungsleiter Stefan Wiel bestaunt die Höhe des neuen Gebäudes, das nun durchgehend zweistöckig ist. © Thomas Morgenroth
Die Fassade des neuen Funktionsgebäudes auf der Felsenbühne Rathen ist mit Lärchenholz aus dem Tharandter Wald verkleidet.
Die Fassade des neuen Funktionsgebäudes auf der Felsenbühne Rathen ist mit Lärchenholz aus dem Tharandter Wald verkleidet. © Thomas Morgenroth
Architekt Lür Meyer-Bassin führte eine Abordnung der Chefetage der Landesbühnen über die Baustelle der Felsenbühne Rathen.
Architekt Lür Meyer-Bassin führte eine Abordnung der Chefetage der Landesbühnen über die Baustelle der Felsenbühne Rathen. © Thomas Morgenroth
Veranstaltungsmanager Andreas Gärtner (rechts) steht mit Chefdisponent Matthias Mücksch in seinem künftigen Büro, das auch Besprechungsraum wird.
Veranstaltungsmanager Andreas Gärtner (rechts) steht mit Chefdisponent Matthias Mücksch in seinem künftigen Büro, das auch Besprechungsraum wird. © Thomas Morgenroth
Ausstattungsleiter Stefan Wiel (links) und Adina Fahr, Assistentin des Intendanten, besichtigen die große Garderobe, die auch Proberaum sein kann.
Ausstattungsleiter Stefan Wiel (links) und Adina Fahr, Assistentin des Intendanten, besichtigen die große Garderobe, die auch Proberaum sein kann. © Thomas Morgenroth
Klaus Pletl (links) und Sebastian Kerscher sortieren und bündeln die Kabel in der künftigen Zentrale der Veranstaltungstechnik.
Klaus Pletl (links) und Sebastian Kerscher sortieren und bündeln die Kabel in der künftigen Zentrale der Veranstaltungstechnik. © Thomas Morgenroth
Der Blick zur Bühne hat wegen der Konzertmuschel künftig eine andere Anmutung als bisher.
Der Blick zur Bühne hat wegen der Konzertmuschel künftig eine andere Anmutung als bisher. © Thomas Morgenroth

Trockenraum unter der Bühne

Unter der Bühne, die nach der ersten Spielzeit noch mit Hubtechnik ausgestattet werden soll, befindet sich unter anderem ein großer Trockenraum für Kostüme. Im Wehlgrund ist es abends oft feucht, ganz abgesehen von Regenschauern. „Da ist schon eine Menge verdorben“, sagt Ausstattungsleiter Stefan Wiel. „Wir haben kistenweise verschimmelte Schuhe entsorgen müssen.“ Er konnte bei der Planung seine Wünsche äußern, der Trockenraum war einer seiner wichtigsten.

Ja, und Andreas Gärtner, der interimsweise bei der Lebenshilfe im Lindenhof residiert, bekommt ein Büro ohne rutschige Außentreppe, das doppelt so groß ist wie sein bisheriges und auch als Besprechungsraum dient. Eines hat der 60-Jährige dann in seiner Schaltzentrale aber nicht mehr: Ein Fenster, vom dem aus er den Himmel sehen kann. Den Blick aber braucht er, um die entscheidenden Lücken in den Schlechtwetterfronten auszumachen – den kann das Internet nicht ersetzen. „Da muss ich eben mal vor die Tür gehen“, sagt Gärtner, lacht – und freut sich auf die Wiedereröffnung der Felsenbühne im Frühjahr des nächsten Jahres.

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