merken
PLUS Dippoldiswalde

Wo gibt es denn schon Pilze?

Zugeparkte Waldwege zeugen vom Beginn der Pilzsaison in der Sächsischen Schweiz und im Osterzgebirge. Welche Arten wachsen in diesem Jahr besonders gut?

Pilzberater Gunter Redwanz vor seinem Schaukasten in Dippoldiswalde.
Pilzberater Gunter Redwanz vor seinem Schaukasten in Dippoldiswalde. © Andreas Weihs

Maronen, Lärchenröhrlinge und Pfifferlinge finden sich in Gunter Redwanz' Korb. Insgesamt sind es 20 Pilze. Dabei ist er erst seit einer Viertelstunde im Wald an der Hochwaldstraße bei Oberfrauendorf unterwegs. Als Pilzberater in Dippoldiswalde hat er allerdings auch ein besonders gutes Auge für diese eigenwilligen Lebewesen, die weder zum Pflanzen- noch zum Tierreich gehören.  Und er hat eine kleine Mission: Seine heutigen Fundstücke landen nicht in der Pfanne, sondern in dem fliegenpilzförmigen Schaukasten vor seinem Haus: "Da können die Leute ran treten und schauen, wie die Pilze heißen und ob sie essbar sind", sagt er. 

Als Mitglied der Deutschen Gesellschaft für Mykologie fühlt er sich der Aufklärung über Pilze verpflichtet. Dafür bietet er geführte Pilzwanderungen an, begutachtet nach telefonischer Absprache die Ausbeute unsicherer Sammler und bestückt Ende September zusammen mit anderen Pilzberatern eine große Ausstellung zum Ulberndorfer Herbstmarkt: "Letztes Jahr gab es Anfang, Mitte September so wenig Pilze, dass wir Zweifel hatten, ob wir genügend zusammenkriegen. Es sind dann doch 250 Arten geworden", erzählt er. 

Anzeige
Biathlon-Weihnachtsfeier - jetzt buchen!
Biathlon-Weihnachtsfeier - jetzt buchen!

Kondition, Koordination und Konzentration: die unvergessliche Weihnachtsfeier mit der Sie und Ihre Kollegen ins Schwarze treffen.

Gunter Redwanz zeigt eine Graukappe: Schmeckt sauer, ist giftig, verursacht Magen-Darm-Beschwerden.
Gunter Redwanz zeigt eine Graukappe: Schmeckt sauer, ist giftig, verursacht Magen-Darm-Beschwerden. © Frank Baldauf
Pfifferlinge mögen sandige Böden, warme Temperaturen und natürlich Feuchtigkeit.
Pfifferlinge mögen sandige Böden, warme Temperaturen und natürlich Feuchtigkeit. © Brühl
Wo Fichtenreizker
stehen, stehen auch Fichten. Der Lamellenpilz ist essbar, wenn auch leicht bitter und scharf.
Wo Fichtenreizker stehen, stehen auch Fichten. Der Lamellenpilz ist essbar, wenn auch leicht bitter und scharf. © Frank Baldauf
Unter dem noch angewachsenen Ring hat der Lärchenröhrling Röhren. Er ist essbar und gilt als schmackhafter Speisepilz. 
Unter dem noch angewachsenen Ring hat der Lärchenröhrling Röhren. Er ist essbar und gilt als schmackhafter Speisepilz.  © Frank Baldauf
Der Gelbe Knollenblätterpilz ist genauso giftig wie seine grünen und weißen Verwandten. Sein Gift lässt die Leberzellen sterben und wirkt tödlich. Fatalerweise dauert es einige Stunden, bis das Gift wirkt. 
Der Gelbe Knollenblätterpilz ist genauso giftig wie seine grünen und weißen Verwandten. Sein Gift lässt die Leberzellen sterben und wirkt tödlich. Fatalerweise dauert es einige Stunden, bis das Gift wirkt.  © Frank Baldauf
Gunter Redwanz' seltenster Fund: Ein ungewöhnlich großer Orangebecherling. Auch dieser Pilz ist essbar.
Gunter Redwanz' seltenster Fund: Ein ungewöhnlich großer Orangebecherling. Auch dieser Pilz ist essbar. © Gunter Redwanz

Bei Trockenheit, das weiß jeder Pilzsammler, wachsen keine Pilze. "Deshalb verschiebt sich die Saison seit ein paar Jahren immer mehr vom Sommer in den Spätsommer und Herbst", sagt Pilzberater Reiner Helwig, der auch die verblüffend echt anmutenden Pilzmodelle für das Pilzmuseum in Reinhardtsgrimma baut: "Inzwischen zähle ich auch den November zu den Sammelmonaten."

Redwanz beurteilt die aktuelle Lage für das Osterzgebirge als durchwachsen: "Die oberen Gebirgslagen haben mehr Regen abbekommen, während man in der Dippser Heide lange wandern kann, ohne auch nur einen Pilz zu sehen." Dort sei der Boden sehr trocken: "Schlechte Voraussetzungen für ein üppiges Pilzwachstum." 

Insgesamt beschränke sich die Artenvielfalt derzeit hauptsächlich auf verschiedene Röhrlingsarten wie Steinpilze, Rotkappen oder Hexenpilze. "Weil sich der Hexenpilz tintenblau färbt an den Schnittstellen, werden viele Leute misstrauisch und essen ihn nicht", sagt Berater Helwig: "Das ist aber schade drum. Gut durchgebraten ist das ein guter Speisepilz." 

Unechte Pilzvergiftungen häufiger als echte

Unter den Röhrenpilzen sei ohnehin nur der Satanspilz giftig: "Und der mag kalkige Böden und Wärme", sagt Pilzberater Martin Müller aus Dresden: "Außer einer einzigen Fundstelle bei Chemnitz ließ der sich in Sachsen noch nie nachweisen." Gefährlicher sind die Champignons, auch Egerlinge genannt, die es jetzt auf den Wiesen regelrecht aus dem Boden drücken würde: "Zum einen besteht die Verwechslungsgefahr mit dem giftigen Karbolegerling", sagt Müller, "aber das ist der Einzige, der sich am unteren Stielbereich Chromgelb färbt, wenn man rein ritzt." 

Doch auch die wild wachsenden Champignons, die als essbar gelten, haben es in sich: "In einigen Sorten reichern sich Schwermetalle an, und bei Tierversuchen war der Champignon-Inhaltsstoff Agaritin krebserregend." Mit Supermarkt-Champignons ist man auf der sicheren Seite - sie enthalten kein Agaritin. 

"Viel häufiger als Pilzvergiftungen sind 'unechte' Pilzvergiftungen", sagt Helwig. "Die entstehen dann, wenn Sammler auch die alten Pilze mitnehmen, die schon pappige Stellen haben." Sobald ein Pilz weiße Schimmelstellen aufweist, sollte er im Wald bleiben. "Wegschneiden hilft da nichts mehr", sagt Helwig. Um die gesammelten Pilze so lange wie möglich frisch zu halten, sollten sie luftig in einem Korb oder Eimer lagern, nie in einer fäulnisbegünstigenden Plastiktüte.   

Wie gut ein Pilzjahr verläuft, lässt sich nicht zuletzt an der Zahl der Pilzvergiftungs-Notrufe ablesen, die im Gemeinsamen Giftinformationszentrum Erfurt eingehen - gebündelt aus Sachsen, Sachsen-Anhalt, Thüringen und Mecklenburg-Vorpommern. Im trockenen Jahr 2018 wuchsen kaum Pilze, und die 64 dokumentierten Anrufe aus Sachsen stehen im auffälligen Gegensatz zu den 257 im Jahr 2019. "Da hatten wir Ende September und Oktober einen richtigen Pik", sagt Dagmar Prasa, die kommissarische Leiterin des Erfurter Zentrums. Laut diesem Seismografen müsste auch 2020 das Potential für ein gutes Pilzjahr haben: Bisher wurden schon 63 Pilznotrufe aus Sachsen verzeichnet, dabei geht die Saison gerade erst los.        

Lebensgemeinschaften mit Bäumen

Perlpilze und Hexenpilze sind nach Gunter Redwanz' Erfahrungen sehr tolerant, sowohl mit Boden- als auch mit Witterungsarten. "Die fühlen sich eigentlich überall wohl." Nur zu trocken sollte es eben nicht sein. Andere Pilze gehen mit bestimmten Bäumen Lebensgemeinschaften ein. "Das sagt dann oft schon der Name: Fichtenreizker finden sich neben Fichten, Lärchenröhrlinge bei Lerchen, und Birkenpilze brauchen Birken." Rotkappen werden in Eichen- und Birkenrotkappen unterteilt, Krause Glucken mögen nur Kiefern. "Über ihre Myzel treten die Pilze mit den Baumwurzeln in einen Nährstoffaustausch", sagt Redwanz. "Deshalb ist es auch bei vielen Pilzen so gut wie unmöglich, sie zu züchten."

Damit spricht er auch einen der wenigen Umstände an, die Pilze wirklich zum Absterben bringen: Das Myzel der Pilze übersteht trockene Jahre genauso wie eifrige Sammler. Doch wo die Bäume absterben und verschwinden, fehlt zahlreichen Pilzarten auch die Lebensgrundlage.  

Weiterführende Artikel

Pilzsammler bei Radeberg bestohlen

Pilzsammler bei Radeberg bestohlen

Sie hatten ihre Wagen bei Radeberg am Waldrand abgestellt. Das beobachteten offenbar Diebe. Was die Polizei Pilzsuchern rät.

Pilzsucher parken Rettungswege zu

Pilzsucher parken Rettungswege zu

In der Dresdner Heide stellen Pilzsammler ihre Autos unerlaubt auf Waldwegen ab. Der Sachsenforst spricht von einem echten Sicherheitsproblem.

Pilzberatung Dippoldiswalde: Gunter Redwanz, Tel. 03504 617135; Reiner Helwig: Tel. 0162 8890648; Dresden: Michael Müller, Tel. 0351 4122045; Pirna: Heidrun Wawrok, Tel. 03501 464261

Giftinformationszentrum Erfurt: Tel. 0361 730730

Herbstmarkt mit großer Pilzausstellung: Ulberndorf bei Dippoldiswalde, 27. September

Noch mehr Nachrichten aus Pirna, Freital, Dippoldiswalde und Sebnitz.

Mehr zum Thema Dippoldiswalde