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Start der Dresdner Reden vor leerem Haus

Im Schauspielhaus spricht Schriftstellerin Jenny Erpenbeck über Ostler, Grenzerfahrungen und tote Winkel der Gesellschaft.

Wer sind wir, dass wir aufgrund von Auslese auf Kosten anderer glücklich sein dürften?“, fragt Jenny Erpenbeck in ihrem engagierten Appell für mehr Gleichberechtigung aller.
Wer sind wir, dass wir aufgrund von Auslese auf Kosten anderer glücklich sein dürften?“, fragt Jenny Erpenbeck in ihrem engagierten Appell für mehr Gleichberechtigung aller. © J. Loesel, loesel-photographie.d

Vielleicht würde mancher abwinken, wenn Jenny Erpenbeck an bittere Erfahrungen der Nachwendezeit erinnert. Wie Fabriken geschlossen wurden. Wie die Elite ausgetauscht wurde. Wie Wohnungen in den Warenkreislauf zurückgeführt wurden und sich die sogenannten neuen Bundesländer in einen riesigen Markt verwandelten, auf dem nicht nur Bananen hervorragend abgesetzt werden konnten. Schnee von gestern. Aber mancher würde sich vielleicht bestätigt fühlen und Beifall klatschen. Doch da ist niemand. Das Publikum fehlt. Die Reihen sind leer. Wo sonst im Dresdner Schauspielhaus beim Inszenieren das Regiepult steht, wurden Monitore und Kamera installiert. Der Saal liegt im Halbdunkel. Noch elf Sekunden, sagt einer.

Bis Montag 11 Uhr als Stream

Die Dresdner Reden sind seit über 25 Jahren eine Institution. Sie werden gemeinsam vom Staatsschauspiel Dresden und der Sächsischen Zeitung veranstaltet. Sie haben viele Höhen und wenige Tiefen erlebt, ein Intermezzo in der Semperoper während der Renovierung des Schauspielhauses, aber nie einen Ausfall. Wie in jedem Jahr waren auch für diesen Februar vier Gäste an vier Sonntagen eingeplant. Coronabedingt war der Auftritt nicht möglich. Er wurde aufs Frühjahr verschoben. Und obwohl die Türen der Kultur noch immer verschlossen bleiben, werden die Reden vor Ort gehalten. Sie sind nun jeweils für 24 Stunden bis Montag 11 Uhr auf der Internetplattform „dringeblieben“ zu verfolgen und bei saechsische.de/DresdnerReden.

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Die Schriftstellerin Jenny Erpenbeck spricht über das Ende der DDR vor allem deshalb, weil es entscheidend war für ihr Schreiben. Ohne die Erfahrung des Übergangs von einer Welt in eine andere hätte sie wohl nie damit begonnen, sagt sie. Plötzlich sei die erste Hälfte ihres Lebens museumsreif geworden. Zusammengeschrumpft auf Spitzelei und lächerliche Spruchbänder. „Mit offenen Armen sind viele Ostler damals dem unbekannten Neuen in die Arme gelaufen. Mit offenen Armen der Zeit entgegengelaufen, in der sie auf Lebenszeit die Fehlerhaften sein würden.“

Mit dem Schreiben begann auch das Nachdenken darüber, „wie man sich im Laufe eines Lebens freiwillig oder unfreiwillig verwandelt, was Identität ist und wie viel man verlieren kann, ohne sich selbst zu verlieren“. Die Autorin zählt sich zu den Privilegierten des Umbruchs und stellt beim Abwägen zwischen Gewinn und Verlust fest: Bei allen Annehmlichkeiten bleibt doch ein Rest an Trauer, der sich nicht ausgleichen lässt. „Können Sie sich vorstellen, dass man in einem Land, das kaum mehr ohne den Zusatz ,Unrechtsregime` erwähnt wird, dass man in solchem Land eine glückliche Kindheit haben konnte?“

Mit ihren Fragen dringt die 54-Jährige am Rednerpult in verminte politische Konfliktfelder vor. Ihr geht es um die toten Winkel, die außerhalb der öffentlichen Wahrnehmung liegen. Muss einer, dem es gut geht, überhaupt wissen wollen, was dort los ist? Verbirgt sich in einem solchen Winkel nicht Schuld und eigenes Unvermögen, also etwas Angstmachendes? Wie weit muss man zurückgehen in der Geschichte, um zu verstehen, was dort vor sich hin wuchert?

Im leeren Saal des Dresdner Schauspielhauses sind Monitore und Kamera für die Übertragung der Dresdner Reden aufgebaut.
Im leeren Saal des Dresdner Schauspielhauses sind Monitore und Kamera für die Übertragung der Dresdner Reden aufgebaut. © J. Loesel, loesel-photographie.d

Manche Antworten dürfte sie aus der eigenen Familie kennen. Ihre Vorfahren erlebten die Brüche des 20. Jahrhunderts hautnah, Flucht, Exil und neue Anfänge. Ihre Großmutter Hedda Zinner war Schauspielerin und eine in der DDR hoch geehrte Schriftstellerin, ihr Großvater Fritz Erpenbeck war Journalist, Krimiautor und Funktionär, die Mutter Doris Kilias Arabischübersetzerin und Uni-Angestellte, der Vater John Erpenbeck Physiker und Philosoph. Das Vielseitigkeitstalent hat sich offensichtlich vererbt. Die Schriftstellerin Jenny Erpenbeck, geboren 1967 in Ostberlin, begann ihre Karriere nach dem Studium von Theaterwissenschaft und Musiktheaterregie auf der Bühne. Sie lernte bei Ruth Berghaus, inszenierte in Graz und anderen Städten. Vor einem leeren Saal, sagt sie, hat sie aber noch nie gesprochen.

In ihrer Dresdner Rede spannt sie den Bogen von der eigenen Grenz-Erfahrung zu den Grenzen in Europa. Ihr engagierter Appell zielt nicht nur auf Freiheit. „Auch Gleichberechtigung ist ein schönes Wort.“ Sie fragt, warum bei jedem Jahrestag glückliche Ostdeutsche rittlings auf der Berliner Mauer gezeigt werden, während die Bilder von Menschen, die in Marokko einen Stacheldrahtzaun zur spanischen Enklave Melilla überwinden, nur zu schärferer Abschottung führen. Und warum 1989 die Aufhebung einer Grenze etwas Wunderbares war, während heute neue Grenzen an Europas Rändern gefordert werden.

Echtes Interesse an den Schicksalen

„Was unterscheidet denn die einen Menschen, die sich auf den Weg in ein neues Leben, in die sogenannte Freiheit machen wollen, von den anderen?“ Jenny Erpenbeck gibt die Antwort selbst: nichts. Unterschiedlich sind nur die Schicksale der Menschen. Deren Geschichten versammelt sie in Romanen und Erzählungen, die in mehr als 30 Sprachen übersetzt und mit zahlreichen Preisen bedacht wurden. Gleich mit der ersten Veröffentlichung von 1999, der Novelle „Geschichte vom alten Kind“, fiel sie als eine kraftvolle Erzählerin auf, die geradezu meisterhaft Leben in Literatur verwandelt und dabei aufs Allgemeingültige schaut.

In ihrer Rede gibt sie einige Beispiele. Großartig die Episode, die an einen Adventsabend kurz nach dem Mauerfall erinnert. Jenny Erpenbeck beschreibt einen Westberliner Papierwarenhändler auf einer matschigen Wiese, der von der Ladeklappe seines Lkw Weihnachtspapier an die Ostler verschenkt, damit sie auch einmal etwas Schönes haben sollten. Er steht oben. Er bleibt nur kurz. Er macht Geschenke für die hübsche Fassade. „In der Geste, wie er die Papierrollen herunterreichte, steckte für mich die ganze Misere eines Ungleichgewichts, einer quasi objektiven Arroganz.“ Zugleich erinnert sich die Autorin, wie früher zu Hause das Weihnachtspapier von Jahr zu Jahr wiederverwendet wurde. Wehe, wer Klebeband benutzte.

Ganz anders die Geschichten von afrikanischen Flüchtlingen. Jenny Erpenbeck war ihnen bei Recherchen zum Roman „Gehen, ging, gegangen“ in Berlin begegnet, etwa dem jungen Mann aus dem Volk der Tuareg. In dessen Heimat, so die Autorin, schürft ein französischer Staatskonzern Uran. Die Folgen: radioaktiv verseuchter Boden, sinkender Grundwasserspiegel, Sterben der Kamelherden, damit Verlust der Lebensgrundlage – und da sei noch gar nicht gesprochen von der Zerschlagung jahrtausendealter Strukturen und dem sozialen und moralischen Leerraum danach. Könne man den jungen Mann wirklich als „Armutsflüchtling“ bezeichnen?, fragt die Rednerin. „Oder ist er nicht vielmehr doch ein politischer?“ Im Nachdenken über das Eigene und das Fremde kommt sie zu dem Schluss, dass es einen Unterschied dazwischen nicht geben kann: Der Mensch vor dem Zaun ist kein anderer als der Mensch hinter dem Zaun in seiner existenziellen Not, in Angst, Armut und Tod.

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