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Warum Tom Pauls fürs Schwitzbad dreckig war

Tom Pauls erzählt in seinem neuen Buch vom Leben auf und hinter der Bühne. Teil 3: Warum der 11.11. ein enorm wichtiges Datum ist.

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Am 11.11.2011 eröffnete Tom Pauls sein Theater im Pirnaer Baumeisterhaus. Das Datum war für ihn gesetzt.
Am 11.11.2011 eröffnete Tom Pauls sein Theater im Pirnaer Baumeisterhaus. Das Datum war für ihn gesetzt. © Thomas Lehmann

Von Tom Pauls

Gemeinsam mit Peter Kube erarbeitete ich Ende 1981 am Schauspiel Dresden mein erstes Projekt: Wladimir Majakowskis „Das Schwitzbad“. Darin baut der sowjetische Erfinder Tschudakow eine Zeitmaschine. Aber Genosse Popedonossikow und sein Sekretär Optimistenko sabotieren die Erfindung. Sie sind die Herrscher über den großen sozialistischen Warteraum, in dem alle Bittsteller vergeblich Schlange stehen.

Am Ende des satirischen Spektakels steigt eine Abgesandte aus der kommunistischen Zukunft auf den Plan und entmachtet alle Apparatschiks. Nach der Moskauer Uraufführung im Jahre 1930 geriet der Dichter bei den Sowjetgewaltigen so sehr in Misskredit, dass er bald danach den Tod wählte. Er erschoss sich. Der Stoff begeisterte uns.

Peter Kube ist inzwischen Schauspieldirektor der Landesbühnen Sachsen, 1981 stand er erstmals mit Tom, Pauls zusammen in Dresden auf der Bühne.
Peter Kube ist inzwischen Schauspieldirektor der Landesbühnen Sachsen, 1981 stand er erstmals mit Tom, Pauls zusammen in Dresden auf der Bühne. © Agentur

Schauspieldirektor Horst Schönemann ließ auf der Bühne ein riesiges Gemälde aufbauen. Seine Idee war es, das Gemälde während der Aufführung durch das Proletariat symbolisch zerfetzen zu lassen. Wir sollten dann beim Sprechen unserer Texte hinter dem Gemälde hochspringen und durch die entstandenen Löcher rufen. Um bis zu den Öffnungen zu gelangen, reichte aber unsere Sprungkraft nicht, weshalb Schönemann Trampoline als Unterstützung organisierte.

Ein Übungsleiter animierte uns zu artistischen Luftsprüngen. Er flog hoch, landete, schleuderte sich wieder nach oben, drehte sich um die eigene Achse. Wir wollten schon applaudieren, da knallte er mit dem Rücken auf den Rand des Trampolins, blieb kurz dort liegen und klatschte dann auf das Parkett. Wir sahen uns erschrocken an. Einer rannte zum Telefon, wählte den Notruf der SMH, der Schnellen Medizinischen Hilfe. Kurz bevor diese eintraf und ihn rettete, erklärte Schönemann den Regieeinfall für gescheitert.

Mit Lisa Eckart war Tom Pauls zuletzt am 3. Oktober gemeinsam bei der Gala zum Sächsisches Wort des Jahres in der Dresdner Staatsoperette im Einsatz.
Mit Lisa Eckart war Tom Pauls zuletzt am 3. Oktober gemeinsam bei der Gala zum Sächsisches Wort des Jahres in der Dresdner Staatsoperette im Einsatz. © www.loesel-photographie.de

Die Premiere fand ohne den Sprungeffekt statt. Stattdessen bekamen wir orangefarbene Overalls sowie eine außergewöhnliche Bemalung. Über meinem Mund, auf Nase, Wangen und Stirn wurde ein brauner Schatten aufgetragen, sodass es aussah, als hätte mir jemand auf einer Baustelle mit einer Schaufel eine volle Ladung Erde ins Gesicht geschmissen.

Ich wusste nicht, dass vom Standpunkt der Arbeiterklasse aus einer mit so viel Dreck schmeißen kann. Aber der Regisseur hielt das für sinnfällig. Peter Kube trug dagegen ein fettes rotes Kreuz auf seinem Antlitz. Schon während wir spielten, erwähnte er, dass ihn die Bemalung jucken würde.

Nach der Vorstellung schminkten wir uns ab. Mein brauner Spatenschatten verschwand relativ schnell. Peter Kube mühte sich ab, strich immer mehr Fett auf die Haut, rubbelte und wischte. Irgendwann meinte er, die Farbe wäre jetzt ab.

Aber das rote Kreuz schimmerte wie ein Fanal auf seiner Haut und prägte tagelang seine Physiognomie. Offenbar hatte die Farbe bei ihm eine allergische Reaktion ausgelöst. Nach einer Woche meldete er sich bei einem Hautarzt. Der bestätigte eine allergische Reaktion und schrieb Peter Kube ein Attest. Er besaß ab sofort eine Schminkbefreiung. Bis heute beruft er sich darauf und tritt stets ungeschminkt auf.

Eine Begegnung mit Folgen fürs Leben

In diesen Tagen ging ich eines Morgens zur Probe ins Große Haus. Allerdings war ich etwas zu früh dran und auf der Bühne übte noch das Ballett der Oper. Die Tänzerinnen probten eine neue Choreografie zu dem Stück „Coppelia“ von Léo Delibes. Ich stellte mich an den Rand der Bühne und sah bewundernd zu. Im Corps de Ballet entdeckte ich eine zierliche, anmutige, mädchenhafte Frau. Sie gefiel mir auf Anhieb und ich wollte sie unbedingt kennenlernen.

Wie es der Zufall wollte, lief sie mir im engen Rundgang hinter der Bühne nach der Probe direkt entgegen. Wir kamen nicht aneinander vorbei. Ich sprach sie an, aber sie sagte kein Wort, drehte ihr Gesicht weg, denn sie wurde von Zahnschmerzen geplagt, die ihr eine dicke Wange verpasst hatten. Es war ihr unglaublich peinlich, denn unter dem kleinen Biedermeierhäubchen, das sie zu ihrem Kostüm trug, wirkte ihr leicht fiebrig roter Kopf wie ein sorbisches Osterei. Ich fand das unfassbar bezaubernd und ihre Schüchternheit überwältige mich. Sie huschte an mir vorbei und entschwand auf unglaublich grazile Weise. Noch nie hatte ich eine Frau gesehen, die so grazil entschwindet.

Dann kam der 11. 11. 1981. Diesem Tag sollten elf Jahre wilde Ehe, eine Hochzeit und drei Kinder folgen. In der Kunsthochschule fand der Auftakt für die Faschingssaison statt, eine große Party mit Künstlerinnen und Künstlern aus der Stadt. Zu später Stunde fand ich mich dort ein, lief durch die Gänge, suchte sie. Fand sie nicht. Suchte weiter. Suchte. Da sah ich sie, Sibylle, die schüchterne Tänzerin. Ich redete auf sie ein, nahm sie mit in eine lauschige Ecke. Redete und redete. Sie bekam Durst. Sofort rannte ich los, um ein Getränk zu besorgen. Es gab nur noch Schnaps.

Ich holte eine große Flasche Wodka, die wir nach und nach leerten. Ich redete immer flüssiger, immer mehr und ohne Unterlass. Irgendwann meinte sie, es wäre wohl besser zu gehen. Ich sagte, dem Delirium nah: „Ich bring dich, wohin du willst!“ Der 11. 11. ist nach wie vor für mich einer der wichtigsten Tage. Deshalb eröffnete ich mein Theater in Pirna auch am 11. 11. 2011.

  • Das Buch: „Tom Pauls – Macht Theater. Ein Stück vom Leben.“ Aufbau-Verlag, 244 Seiten, 20 Euro.
  • Teil 4 am Donnerstag: Der gefesselte Hampelmann