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Wenn sich der Sachse gägsch fühlt

Die Wahl zum Sächsischen Wort des Jahres zeigte: Der Dialekt beschreibt präzise unseren Gemütszustand.

Ihm ist unwohl – also gägsch
Ihm ist unwohl – also gägsch © Getty Images

Pirna. Wenn Sachsen gefragt werden, wie es ihnen geht, so antworten sie in ihrer unnachahmlichen Höflichkeit gern mit: „läudf“, „gehd so“ oder „muss doch“. Etwas ausführlicher fallen Antworten aus wie: „frache ni“, „gesdrn gings noch“, „nu, wie solls dänne gehn“ oder „beschissn wär gebrahld“.

Oft schweigen Sachsen auch einfach nach der Wie-geht-es-Frage, denn sie empfinden die als überflüssig, ähnlich wie den Smalltalk, also das lockerflockige Gespräch, das daraufhin folgen soll. Interessiert den Gegenüber wirklich, dass zu Hause der Partner nicht will, die Kinder nicht können, die Miete steigt, die Waschmaschine streikt, die Schwiegereltern zu Besuch kommen und die Katze das Futter verweigert? Nein, um den Gemütszustand einer Sächsin oder eines Sachsen zu charakterisieren braucht es mehr Zeit, als zwischen Tür und Angel oder im Fahrstuhl eilig einen Gemeinplatz auszufüllen.

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Um wirklich zu erfahren, wie die Hiesigen fühlen, forderte die Sächsische Zeitung gemeinsam mit MDR-Sachsen Leserinnen und Leser, Hörerinnen und Hörer auf, nicht nur bedrohte, schöne und beliebte Vokabeln für die Wahl zum Sächsischen Wort des Jahres einzusenden, sondern auch Begriffe, die den persönlichen Zustand beschreiben. Denn in diesem Virus-Jahr ist ja vieles nicht gesund. Hunderte von Ausdrücken landeten bei der Jury. Schnell wurde dem Gremium klar, dass die Gemütsschwankungen groß sind und dass die mundartlich sehr unterschiedlich definiert werden.

Verspüren Menschen eine gewisse Enttäuschung oder können nicht mehr, dann fühlen sie sich irgendwie komisch. Sie haben „Bamml“, „die Faxen dicke“, „keene Mauke mehr“, „dor Ofn is aus“, ihnen „wächsd alles übrn Kobb“, sie „ham es sadd“, werden „ganz migränsch“, „merkn nischd mehr“, fühlen sich „budzsch“ und „bubsch“ oder kommen „miesebedrig“ daher. Das Wort meint zum einen, dass jemand leidet, sich kränklich fühlt. Er oder sie kann aber auch einfach nur schlecht gelaunt sein. Steigt dagegen der Blutdruck, sind Menschen „off Hundrdachdsch“, hat sie „ne Darandl geschdochn“, ihr „Gedulfsfadn reißd“ , sie werden „rubbsch“, „fuchdsch“ oder „rammln rum“. Deutet sich ein leichtes Unwohlsein an, wird Leuten „blümerand“, etwas schwindlig zumute, „malad“, fiebrig oder sie werden ganz „labbsch“.

Das Spektrum der Befindlichkeitsdarlegungen ist enorm. Es zeigt die Vielfalt der Gefühle von zu Tode betrübt bis zu himmelhoch jauchzend. Wobei vor allem der Hang zum Leiden oder bemitleiden deutlich mehr Vokabeln hervorgebracht hat als das Glücklichsein. Sächsinnen und Sachsen besitzen die Fähigkeit zur Melancholie, sie können ganz offensichtlich traurig, schwermütig sowie nachdenklich sein. Genau genommen ist es der offene Umgang mit Emotionen, was temperamentvolle Menschen allerdings verletzlich werden lässt und zu Missverständnissen führen kann. Schnell bekamen Sachsen den Titel „Jammerossi“ aufgedrückt, was diskriminierend ist. Denn es sagt doch vor allem, dass sie das Herz auf der Zunge tragen.

Ein Wermutstropfen darf das Leben ruhig trüben

Achtung; jetzt folgt die steilste These der Woche: Mit ihrer Schwermut sind die Sachsen ganz international, ihre Sentimentalität verbindet sie mit den Portugiesen samt Fado, der russischen Lagerfeuerabende inklusive wodkageschwängertem Gesang und dem Blues, der in New Orleans gespielt wird. Ja, es muss erlaubt sein, auch mal seine schlechte Laune auszuleben, die Niedergeschlagenheit zu pflegen oder einfach zu heulen, denn das befreit vom inneren Gefühlsstau. Allerdings haben Menschen heute vor allem zu funktionieren, auch wenn sie innerlich noch so viel bewegt, die Sehnsüchte am Herzen zerren oder die sozialen Missstände den Optimismus trüben. Ein Wehmutstropfen darf das Leben ruhig trüben.

Die Jury zur Wahl des Sächsischen Wortes hatte bei den Gemütswörtern eine Auswahl aus über 300 Vokabeln. Nach heftiger Diskussion gewann: „gägsch“. Schon der Ton beim Aussprechen lässt erahnen, was damit gemeint sein könnte. Es handelt sich um Unwohlsein. Der Betroffene sieht blass und bleich aus, er guckt kränklich aus der Wäsche. Ihm wird möglicherweise das Gäken nicht erspart bleiben. Kurz, er muss reiern, so wie dieser Vogel. Es handelt sich darum, dass sich das Innere nach außen kehrt, wiewohl an dieser Stelle auf eine ausführliche Beschreibung des Vorgangs verzichtet wird, denn der allgemeine Krankenstand muss nicht noch verbal erhöht werden.

„Gägsch“ äußert sich mit Symptomen wie Kopfschmerzen, es brummt der Nischel, die Rübe tut weh, oft schmerzt der Bauch, es kommt zu unerträglich wildem „Wansdrammeln“. Dem Patienten ist „ni hiebsch“. Besonders Männer trifft es hart, sie glauben in dem Augenblick, sie müssten im nächsten Moment abtreten. Doch meist ist das Ganze harmlos, nur eine Erschöpfung, ein Schnupfen oder eine Verstimmung des Magens. Traditionell hilft dagegen eine Hühnersuppe. Großmütter servieren die ihren Enkeln gern mit einem Spruch, um die Situation aufzuheitern: „In diesem Dobbe schimmd ä Huhn, das gesdrn dad noch hubbn dun.“ Im Grund wollen sie damit nur sagen, dass auch schlimme Zeiten wieder vorbeigehen und sich keiner einfach so gehen lassen sollte.

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Das ist im Übrigen bei aller Wehmut die zweite Grundhaltung der Sächsinnen und Sachsen. Sie geben nicht auf, auch ein Virus wird sie nicht aufhalten. So schrieb schon die Leipziger Mundartdichterin Lene Voigt: „Die Sachsen sin von echdem Schlaach, die sin nich dod zu griechn. Driffd die ooch Gummer Daach fier Daach, ihr froher Mud wärd siechn.“

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