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Der sächsische Missionar und der Massai-Schmuck

Das Naturalienkabinett in Waldenburg erforscht, unter welchen Umständen Objekte aus kolonialem Besitz in seine Sammlung gelangten.

Blick in die Wunderkammer des Naturalienkabinetts, das in seiner ursprünglichen Form erhalten ist; eine Seltenheit.
Blick in die Wunderkammer des Naturalienkabinetts, das in seiner ursprünglichen Form erhalten ist; eine Seltenheit. © Barbara Proschak

Von Andreas Förster

In der kleinen sächsischen Stadt Waldenburg, die eine halbe Autostunde von Zwickau entfernt liegt, befindet sich eines der ältesten Museen seiner Art in Deutschland, das Naturalienkabinett. „Wir sind ein ursprünglich fürstliches Privatmuseum, das 1845 von dem Fürsten Otto Victor I. zu Schönburg-Waldenburg gegründet wurde“, erklärt Museumsleiterin Fanny Stoye. „Im Kern besteht unser Haus aus einer barocken Wunderkammer, die zum Teil einzigartige Naturalien, Kunstwerke und Kuriositäten aus einer im 17. und 18. Jahrhundert angelegten Sammlung einer Leipziger Apothekerfamilie umfasst. Später wurde diese von der Fürstenfamilie noch erweitert, vor allem um Naturalien und Ethnografika.“

Das seit 1948 in städtischem Besitz befindliche Naturalienkabinett ist in seiner wunderbaren Unsortiertheit eine wahre Wunderkammer. In einem langgestreckten Saal im Obergeschoss des 1845/46 errichteten Museumsbaus stehen in einzelnen, durch Zwischenwände separierten Abteilen gläserne Vitrinen mit naturkundlichen, medizinischen, technischen, geologischen und ethnografischen Exponaten. Die ganze wissenschaftliche Welt der Aufklärung in einem Raum sozusagen. Zu sehen sind Mineralien, ausgestopfte Vögel, Fossilien, archäologische Artefakte, Spirituspräparate von Schlangen, Fischen und missgebildeten Föten, eine Schmetterlings- und Käfersammlung sowie wissenschaftliche Instrumente aus dem 16. bis 18. Jahrhundert. Der riesige Kieferknochen eines Wals hängt an der Wand, aber auch Gemälde und präparierte Wildtierköpfe. Sogar eine ägyptische Mumie in ihrem prächtigen Sarg ist ausgestellt.

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Insgesamt 50.000 Objekte enthält die Sammlung, sie ist – ein Wunder – trotz Krieg und Besatzung in ihrem ursprünglichen Bestand und ihrer Präsentation so erhalten geblieben, wie sie die 1945 enteignete Fürstenfamilie hinterlassen hat. Das Naturalienkabinett mitsamt seiner Ausstellung steht daher auch unter Denkmalschutz.

Einige der Sammlungsobjekte sind nun in den Fokus der Museumsleiterin gerutscht. Die aus Leipzig stammende Fanny Stoye war 2018 nach Waldenburg gekommen, nachdem sie sich einige Jahre im Zeppelin-Museum am Bodensee mit Provenienzforschung befasst hatte. „Als im Zusammenhang mit dem Humboldt-Forum in Berlin die Diskussion um Kunstobjekte aus der Kolonialzeit hochkochte, kam mir der Gedanke, doch auch hier einmal die Ethnografika genauer anzuschauen, die nach der Gründung des Deutschen Kaiserreiches 1871 ins Haus gelangt waren“, erzählt sie. „Dabei stieß ich auf einige brenzlige Objekte, insbesondere solche, die von evangelischen Missionen nach Waldenburg kamen.“

Sensible Objekte sicher nicht freiwillig rausgerückt

Rund 150 Ethnografika hat Fanny Stoye bislang identifiziert, die Missionen wie die Herrnhuter Brüdergemeine oder die Rheinische Missionsgesellschaft sich unter ungeklärten Umständen angeeignet und später der Fürstenfamilie übergeben hatten als Gegenleistung für deren finanzielle Unterstützung der Missionsarbeit. „Das sind etwa Skulpturen, rituell genutzte Objekte und Körperschmuck aus Borneo, Südamerika, Indien, Nordeuropa, Neuseeland, aus verschiedenen afrikanischen Ländern, aber auch aus China“, sagt sie.

Im Museum zeigt Fanny Stoye einige dieser Gegenstände. Da ist zum Beispiel eine etwa 30 Zentimeter lange Holzkeule mit kunstvoll geschnitztem Griff, ein sogenannter Patu, Standeszeichen eines neuseeländischen Maori-Häuptlings. „Wir haben schon Kontakt zu einem Museum in Neuseeland aufgenommen, das die Geschichte der Maori erforscht“, sagt sie. „Dabei erfuhren wir, dass sich ein Maori-Häuptling nie von seinem Patu getrennt hätte, es niemandem verschenkt oder verkauft hätte. Wie gelangte also ein christlicher Missionar in den Besitz des Patus, das er dann an den Fürsten weitergab?“

In einer Glasvitrine liegen kunstvoll geschmiedete Schmuckringe, die Massai-Frauen aus Ostafrika an den Ohren trugen. „Diese Ohrringe wie auch andere Schmuckobjekte hat der Dresdner Missionar Bruno Gutmann, der am Kilimandscharo bei den Massai tätig war, dem Naturalienkabinett geschenkt“, erklärt die Museumsleiterin. „Wir kennen aber inzwischen historische Schilderungen darüber, wie die Massai unter Zwang und Gewalt solchen Schmuck abgeben mussten, um zum Beispiel getauft zu werden.“ Als „sensibles Objekt“ bezeichnet sie auch die aus Lappland stammende Zaubertrommel eines samischen Schamanen. „Es ist kaum vorstellbar, dass ein solch rituelles Objekt freiwillig an einen christlichen Missionar übergeben worden ist.“

Auch wenn in den Sammlungsakten der Fürstenfamilie immer von einem mildtätigen Werk der Missionen gesprochen werde, lasse sich das heute mit aktuellen wissenschaftlichen Erkenntnissen nicht mehr in Deckung bringen, sagt Fanny Stoye. „In den vergangenen zwei, drei Jahren haben Historiker damit begonnen, den gewalttätigen und kolonialen Kontext der evangelischen Missionsarbeit zu beleuchten.“ Das müsse ihr Museum im Blick haben, wenn es nun in dem vom Deutschen Zentrum für Kulturgutverluste (DZK) geförderten Forschungsprojekt die Umstände untersucht, unter denen die ausgewählten 150 Sammlungsobjekte aus Missionsstationen in das Waldenburger Naturalienkabinett gelangten.

Koloniales Erbe wird immer breiter aufgearbeitet

Das Magdeburger DZK ist sowohl national als auch international der zentrale Ansprechpartner in Deutschland, wenn es um Fragen zu unrechtmäßig entzogenen Kunst- und Kulturobjekten geht. Hatte sich das DZK zunächst insbesondere auf den Kunstraub der Nationalsozialisten konzentriert, so hat sich der Fokus der Einrichtung auch auf Objekte erweitert, die aus früheren Kolonien nach Deutschland gelangt sind. Jahrhundertelang hatten europäische Militärs, Wissenschaftler und Kaufleute Kultur- und Alltagsobjekte, aber auch menschliche Überreste aus den Kolonien mitgebracht. Wie sie in die Depots und Ausstellungsvitrinen von deutschen Museen und Universitäten gelangten, ob sie gekauft, getauscht oder geraubt worden sind, wird immer häufiger kritisch hinterfragt. Die Staatlichen Ethnographischen Sammlungen Sachsen überführten im Rahmen bewegender Zeremonien menschliche Gebeine 2017 nach Hawaii sowie 2018 und 2019 nach Australien zurück.

Seit Anfang 2019 gibt es im DZK den Fachbereich „Kultur- und Sammlungsgut aus kolonialen Kontexten“. Er fördert Forschungsprojekte zur Herkunft solcher kritischen Sammlungsbestände und baut eine Datenbank auf, in die die Projektergebnisse einfließen sollen.

Derzeit unterstützt der Magdeburger Fachbereich 23 Forschungsprojekte. Dafür hat das DZK in den letzten zwei Jahren insgesamt 2,6 Millionen Euro an Museen und Universitäten ausgereicht. „Zuletzt hat die Vielfalt der Antragsteller und der Antragsthemen zugenommen, sie beziehen sich nicht mehr nur auf Sammlungsobjekte aus den ehemaligen deutschen Kolonien in Afrika“, sagt Fachbereichsleiterin Larissa Förster. „Daran lässt sich ablesen, dass das Thema Kolonialismus und koloniales Erbe immer breiter aufgearbeitet wird.“

Hat Fanny Stoye für ihre Recherchen auch die Rückendeckung der Stadt Waldenburg, der das Museum gehört? Frau Stoye wiegt den Kopf. „Als ich in den Stadtrat ging und den Forschungsantrag an das DZK vorstellte, wurde lange hin- und herdiskutiert“, sagt sie. „Eine der Fragen war: Müssen wir jetzt alles zurückgeben? Nein, sagte ich, denn der überwiegende Teil der Sammlung ist unproblematisch. Aber ich sagte den Stadträten auch, dass wir uns bei Objekten, die damals geraubt oder unter Zwang abgenommen wurden, auf eine Position einigen müssen: Wäre es nicht besser, das Original notfalls zurückzugeben und durch eine Replik im Museum zu ersetzen?“

Besorgt gewesen sei der Stadtrat allerdings auch über die mögliche Außenwirkung des Projekts, erzählt die Museumschefin. Wird unsere Stadt jetzt schlecht gemacht in der Öffentlichkeit, weil wir uns so lange nicht um das Thema gekümmert haben, habe man sie gefragt. „Auch da konnte ich beruhigen. Ich sagte den Stadträten, dass wir uns mit dem Projekt als kleines Museum einer kleinen Stadt öffentlich einer Diskussion stellen, der viele andere große Häuser bis heute noch ausweichen“, sagt Fanny Stoye. Sie ist sich sicher: „Das wird richtig großes Kino.“

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