merken
Freischalten

Pirna

Sanftmut im Supermarkt

Sächsische.de-Reporter Thomas Möckel schildert täglich den Alltag zwischen Homeoffice und Kinderbetreuung.

Sächsische.de-Reporter Thomas Möckel: Arbeiten im Wohnzimmer.
Sächsische.de-Reporter Thomas Möckel: Arbeiten im Wohnzimmer. © Daniel Schäfer

Sonnabend, 4. April: Wie so oft in den vergangenen Tagen fühle ich mich zuweilen an meine Jugendzeit erinnert. Ich musste früher immer donnerstags zum Fleischer gehen, da gab es frische Wurst und frisches Fleisch. Die Wochenration wollte geholt werden.

Die Liste der tierischen Endprodukte, die mitzubringen waren, war mir von elterlicher Handschrift vorgegeben. Mit dem Fahrrad fuhr ich also zum Wurstfachgeschäft unseres Vertrauens.

Wohnen Sie noch oder bauen Sie schon?

Hier finden Sie alles, was Sie fürs Sanieren, Renovieren oder Bauen Ihrer eigenen vier Wände brauchen.

Ich war stets mindestens eine Stunde vor Ladenöffnung am Nachmittag dort, und stets war es das gleiche Bild: Ich reihte mich in eine lange Schlange ein. Die Wartenden waren irgendwie ein soziales Phänomen, sozusagen eine Schicksalsgemeinschaft, die das gleiche Ziel einte: Im Zweifel Wiener im Naturdarm.

Alle warteten so vor sich hin, man schwatzte, scherzte, lachte. Niemand beklagte sich, das Warten gehörte einfach dazu. 

Gleiches erlebe ich nun wieder. Als ich heute zum Konsumtempel strebte, stand davor eine lange Schlange, jeder hielt sich an die im Zweimeter-Abstand aufgemalten weißen Linien. Statt Hektik gab es Sanftmut, man schwatzte, lachte, stand geduldig, bis der vorherige Kunde unter Aufsicht des Wachmannes seinen Einkaufswagen freigab.

Auch im Markt war es auffallend ruhig, niemand war in Eile. Und die Kassiererinnen schwangen in diesem Gleichklang mit, sie lächelten, nahmen sich Zeit für einen kurzen Plausch. Dankeschön dafür.

Und falls jetzt jemand fragt: Nein, ich wünsche mir die Zeiten, in denen man für alles anstehen musste, nicht zurück.

Aber ich vermisse gerade nicht all jene militanten Einkäufer, die sonst schubsend und drängelnd in übertriebener Hektik durch den Supermarkt marodieren, als gäbe es kein Morgen mehr.

Tränen im Kinderzimmer

Freitag, 3. April: Das verordnete heimische Dasein und die damit einhergehenden eingeschränkten Kontakte zu Freunden haben heute bei Kind zwei kurzzeitig zu einer Tragödie geführt.

Kind eins hatte sich mit seiner Freundin verabredet, ich habe dieses Treffen gestattet, damit den Kindern nicht die Decke auf den Kopf fällt. Und sie spielen ja nur zu zweit, zudem ausschließlich draußen. So ließ ich Kind eins ziehen, die Schularbeiten waren ja brav erledigt worden.

Kind zwei wollte unbedingt mit, allerdings wollten die Freundinnen heute mal unter sich bleiben. Kind zwei durfte nicht dabei sein. Ja, Kinder können untereinander zuweilen hart sein.

Kind zwei brach daraufhin in Tränen aus, ich musste es eine Weile trösten. Ich erklärte ihm die Situation und auch, dass ich wegen meiner vielen Arbeit gerade wenig Zeit habe, etwas zu spielen. Schön ist das nicht, und ich ziehe symbolisch vor allen den Hut, die gerade ebenso Arbeit und Kinderbetreuung in Einklang bringen müssen, vielleicht noch unter viel widrigeren Umständen. Ich habe aber Kind zwei versprochen, dass wir am Wochenende im Garten Fußball spielen. Die Tränen trockneten derweil.

Und am Nachmittag kam dann doch noch ein erlösender Anruf: Der beste Freund von Kind zwei wollte vorbeikommen, dann haben die beiden eine ganze Weile im Garten gekickt. 

Und abends gab es, wie jeden Freitag, Nudeln zum Abendbrot, mit meiner Tomatensoße, die die Kinder so lieben. Da war die Welt wieder in Ordnung. Vorerst.

Haarmonie in Gefahr

Donnerstag, 2. April: Vor einigen Wochen, das Leben verlief noch weitgehend normal, erinnerte mich Kind eins an eine wichtige Angelegenheit: es müsse mal wieder zum Friseur.

Gesagt, getan, doch nun ist der Termin erst einmal in weite Ferne gerückt, der Salon ist geschlossen, sehr zum Leidwesen von Kind eins. Es versteckt jetzt seine Haarpracht gern mal unter einer Mütze.

Aber auch ich leide unter dem fortwährend weiterwuchernden Kopfschmuck. Der Versuch, den Haaren wegen der Corona-Pandemie einen Wachstumsstopp aufzuerlegen, schlug fehl.

Inzwischen sinniere ich nach Möglichkeiten, mich selbst der Sache anzunehmen. Ich bin handwerklich jetzt nicht so ganz talentfrei, aber gelingt mir auch ein professioneller Haarschnitt?

Favorisiert war zunächst die einfache Lösung, den Kindern einen Topf auf den Kopf zu setzen und dann mit einer Schere sauber am Rand entlangzuschneiden. Aber wie näht man bei diesem Vorgang abgetrennte Ohren wieder an? Beide Kinder lehnten diese Variante entrüstet ab.

Vielleicht gehen wir auch zu einem einheitlichen Familien-Look über, indem ich die Schermaschine auf drei Millimeter einstelle und sie dann kreisen lassen. Aber auch hier wenig Zuspruch. Was dann? Den Kopf in einen Eimer Enthaarungscremé stecken?

Wir lassen stattdessen einfach die 1970er-Jahre wieder aufleben und das Haar weiter wuchern, damals waren zottelige Langhaar-Mähnen schließlich in. Derweil hoffen wir inständig, dass der Friseur bald wieder öffnet. Sonst ist es hier bald vorbei mit der Haarmonie ...

Der Timur in uns

Mittwoch, 1. April: Unerwarteter Besuch klingelte heute an der Haustür. Und siehe da: ich wurde erneut beschenkt - mit rarem Gut. Ganz liebe Menschen brachten mir eine Rolle Küchenpapier. Sie erinnern sich, das ist jenes aufgewickelte weiße Zellstoffzeugs, das es früher einmal in jedem Supermarkt gab.

Ich freute mich riesig, denn unsere Vorräte sind aufgebraucht, aber gerade in einem Haushalt mit Kindern kann man diese gut saugenden Helferlein gut gebrauchen.

Es sind diese kleinen, so liebevollen Gesten, die das Leben ungemein bereichern. Trotz entrückter Sozialkontakte bringt diese Zeit, wie so oft in Krisen, etwas Wunderbares hervor: Solidarität. Viele entdecken in Zeiten gemeinsamen Leidens die Nächstenliebe wieder. Täglich erlebe ich das: Menschen gehen für Nachbarn einkaufen, helfen bei der Kinderbetreuung, bringen Hilfsbedürftigen dringend benötige Medizin.

Ich erinnere mich, dass wir diesen Gemeinsinn schon als Kinder und Jugendliche lebten. Wir nannten es damals Timurhilfe, benannt nach dem Roman "Timur und sein Trupp" von Arkadi Gaidar. Mehrfach in der Woche stellten wir uns vor die Kaufhalle in unserem Wohngebiet und halfen älteren Menschen, ihre Taschen nach Hause zu tragen. Einfach so, ganz ohne Gegenleistung.

Nun ist Timur, der Roman stammt von 1940, wieder ganz modern. Das ist schön. Hoffentlich geht der Timur in uns nach überstandener Krise nicht wieder flöten.

Wir haben jetzt einen Mufuti

Dienstag, 31. März: Als wir seinerzeit ein kleines Möbelstück kauften, ahnte wohl keiner, dass es einmal groß rauskommen würde. Wir erwarben es in einem bekannten schwedischen Möbelhaus, und ja, die Verschraubung ist bis heute stabil.

Es handelt sich um einen Couchtisch, 90 mal 90 Zentimeter groß, unten gibt es noch ein Fach Krimskrams. Bislang verrichtete der Tisch eher geringe Dienste. Normalerweise lungern nur einige Fernbedienungen auf ihm herum, ab und an landet ein Notizzettel von mir dort, oder eine Programmzeitschrift verirrt sich aufs nordische Weichholz.

Doch nun, in Zeiten von Heimarbeit und Dauer-Kinderbetreuung, haben wir etwas ganz Besonderes: einen Mufuti - einen Multifunktionstisch. Da ich, muss ich gestehen, durch raumgreifende Arbeitsweise mit meinem Zeug den gesamten Esstisch belagere, spielt sich unser allgemeines Leben nun ganz oft am Mufuti ab.

Wir essen dort gemeinsam, spielen, basteln, lesen, ab und an erledigen die Kinder dort auch ihre Schularbeiten, weil ihre Schreibtische aussehen wie... Ach, lassen wir das.

In der Oberfläche des Tischchens spiegelt sich dieses Leben wider, im Weichholz finden sich Abdrücke von Stiften ebenso wie von Lego-Bausteinen, auch einige Schrammen zieren das Möbelstück. Aber irgendwie ist es auch schön, wenn alle für alles an diesem kleinen Platz zusammenkommen.

Ich erwäge jetzt, dem schwedischen Möbelhersteller passende Namensvorschläge für den Tisch zu senden, natürlich mit skandinavischer Note, beispielsweise "Märzweckik" oder "Vilseitik".

Die Hausaufgaben sind geschafft

Montag, 30. März: Vor zwei Wochen sah ich mich mit einer schier unlösbaren Aufgabe konfrontiert: Wie sollte es gelingen, angesichts von Homeoffice und reichlich Arbeit auch noch die Kinder daheim zu unterrichten? An Aufgaben von der Schule mangelte es nicht, die Lehrer hatten alles sorgsam aufbereitet, die Kinder waren reichlich eingedeckt worden.

Aber ich hatte Zweifel daran, ob sich das alles schaffen lässt, ob die Kinder durchhalten. Noch mehr Zweifel hatte ich daran, ob ich es schaffe, ihnen den Stoff so zu vermitteln wie ein Lehrer.

Doch nun kann ich sagen: Wir haben es geschafft, alle gemeinsam. Trotz der manchmal angesagten Zähmung der Widerspenstigen ist es uns gelungen, die Schulaufgaben der ersten 14 Tage restlos abzuarbeiten. 

Trotzdem muss ich gestehen: Es hätte längst nicht alles so reibungslos geklappt, hätten nicht die Kinder zeitweise ganz selbstständig gearbeitet, obwohl doch Spielzeug und Freunde riefen: Komm doch lieber zu mir! Ich bin sehr stolz auf meine Kinder, und sie sind erleichtert, dass der Aufgabenzettel nun abgehakt ist.

Allerdings setzte heute schon wieder das große Stöhnen ein. Die Lehrer haben für die nächsten zwei Wochen neue Aufgaben angekündigt, schließlich soll ja keiner aus dem Unterrichtsrhythmus kommen - so schwer das derzeit auch fällt.

Einen kleinen Trost gibt es immerhin: Nach Ostern sind erst einmal Ferien.

Sieh, das Gute liegt so nah

Sonntag, 29. März: Gestern, als ich seit über zwei Wochen per Fahrrad mal wieder der Bewegung frönte, war ein herrlicher Tag. Die Sonne schien, nur wenig Gewölk trieb am Himmel.

Ich sog die frische Luft tief ein, es tat gut, in den letzten Tagen war ich selten länger draußen. Ich radelte durch Wald und Flur, die Natur lag vor mir wie eine Palette reinster, unvermischter Farben. Wie sehr hatte ich das alles vermisst!

Und ich merkte: Die uns auferlegte Isolation schärft ungemein den Blick fürs Wesentliche. Ein frischer Luftzug, Vogelgesang, sich öffnende Blüten - es sind vor allem die kleinen Dinge, die unser Leben ausmachen und die wir im Alltag oft kaum beachten. So muss gleich ein Klassikers her: Sieh, das Gute liegt so nah!

Die wichtigsten Farbtupfer fehlten jedoch auf meiner Tour: die Menschen. Kaum einer war unterwegs. Das wiederum verleitete mich dazu, mich eines anderen Klassikers der Literatur anzunehmen:

Von Menschen befreit sind Straßen und Wege / durch des Coronas üblen Trick / jeder zieht sich in heimische Gefilde zurück / keiner kommt sich ins Gehege / doch es kehrt wieder, das Glück.

Wider die Trägheit

Sonnabend, 28. März: Ich habe mich heute notgedrungen erneut mit Naturwissenschaften beschäftigt. Ausgerechnet auch noch mit Physik. Physik ist noch weniger meins als Mathe. Ich glaube, mein Physiklehrer hat mich früher im Unterricht lediglich geduldet. Viel beizutragen hatte ich nicht wirklich.

Nun kramte ich in verschüttetem Wissen. Diesmal ging es aber gar nicht um die Schulaufgaben der Kinder. Sondern es ging um mich. Ich setzte mich also mit der Trägheit auseinander. Sie wissen, Trägheit ist die Eigenschaft einer Masse, ihren bewegungslosen Zustand beizubehalten, solange keine Kraft einwirkt, die diesen Zustand ändert.

Diese kritische Masse war in diesem Fall ich, die zu allem Übel auch schon recht lange ziemlich bewegungslos verharrte. Homeoffice, Schulaufgaben mit den Kindern und die notwendige Hausarbeit sorgen in der Woche nicht gerade für üppige Bewegungsschübe.

Nun musste also die Physik helfen. Mit viel mentaler Kraft versuchte ich, auf meine fast gänzlich zum Stillstand gekommene Masse einzuwirken. Und siehe da: Nach einer Weile ließ sich mein Körper in einen Zustand der Fortbewegung versetzen, er fuhr sogar eine ganze Stunde Fahrrad. Nach zwei Wochen Homeoffice und sehr begrenztem Bewegungsradius wusste ich gar nicht mehr, wie schön eine Änderung des Bewegungszustandes sein kann. Nun bin ich leidlich erholt und der Rücken schmerzt nicht mehr so sehr.

So einfach also lässt sich Trägheit überlisten. Ich nehme den Punkt Bewegungsänderungen ab sofort in meinen Wochenplan auf. Aber heute Abend, nach der Radtour, möchte mein Körper dann doch lieber wieder recht bewegungslos verharren.

Gilt Klopapier als Bestechung?

Freitag, 27. März: Als ich diese Woche beruflich zum Termin war, verlief zunächst alles normal. Es gab Kaffee, wir plauderten nett. Doch dann geschah etwas Ungewöhnliches.

Der Gastgeber überreichte mir ein Geschenk: eine Rolle Toilettenpapier. Ich war überrascht, offensichtlich verfügte der Schenker über einen Quell des derzeit raren Gutes, der noch nicht versiegt war. Innerlich jubilierte ich.

Andererseits fragte ich mich: Darf ich das überhaupt annehmen? In Zeiten, in denen die Regale leer sind, und jene aufgewickelte Zellulose wohl mehr wert ist als Gold und Aktien - gilt da eine Rolle schon als Bestechung?

Insgeheim überlegte ich mir schon, wofür ich diese Rolle verwenden könnte: Als Anzahlung für ein neues Auto? Als Sicherheit für einen Hauskredit?

Angesicht schrumpfender heimischer Vorräte entschied ich mich dann aber dafür, es für seinen eigentlichen Zweck zu verwenden. Doch wie lange würde diese Rolle reichen? Ich dividierte die Zahl der Blätter durch die Anzahl der durchschnittlichen Wischvorgänge ... Aber lassen wir das. Mathe ist nicht meins, wenn es alle ist, dann ist es eben alle.

Nach diesem kurzen Gehirnfasching nahm ich die Rolle dankend an, das Geschenk war eine nette Geste meines Gesprächspartners. Und das Toilettenpapier bleibt ja doch nichts weiter als weiches Altpapier - das uns stets den Allerwertesten rettet.

Staufrei zum Sonnenstein

Donnerstag, 26. März: Am Morgen hatte ich ein leicht mulmiges Gefühl. Seit reichlich zwei Wochen hatte ich erstmals wieder beruflich einen Termin außer Haus. Ich würde also wieder Menschen treffen, so ganz real, so von Angesicht zu Angesicht.

Aber wusste ich überhaupt noch, wie das funktioniert? In den letzten Tagen hatten sich die Kontakte - zumindest außerfamiliär - auf Telefonate und Mails beschränkt. Ich war also, zugegeben, etwas aus der Übung.

Zum Glück hatte ich vor dem Aufbruch noch den Einfall, dass ich mich jetzt wieder ausgehfein machen musste, um nicht im homeofficeeigenen Schlabberlook durch die Gegend zu schlurfen. Im Auto angekommen, stellte ich erleichtert fest: Ich trug weder Schlafanzug noch Jogginghose.

Trotz anfänglicher Bedenken klappte dann auch die direkte zwischenmenschliche Kommunikation. Was man einmal kann, verlernt man doch nicht so schnell. Ich musste nur beim Abschied darauf achten, nicht aus Versehen "Auf Wiederhören" zu sagen.

Auch meine Zeitsorgen erwiesen sich im Nachhinein als unbegründet. Für die fünf Kilometer lange Fahrt von daheim zum Termin auf dem Sonnenstein hatte ich eine halbe Stunde Fahrzeit eingeplant. Man weiß ja nie, was auf der B 172 so los ist.

Aber außer mir war kaum einer unterwegs. So schnell war ich noch nie auf dem Sonnenstein und wieder zurück. Auf dem Rückweg ertappte ich mich dabei, wie ich extra langsam durch die Serpentinen schlich, vermutlich, um eine stauähnliche Situation zu simulieren. Doch es staute sich keiner mit. Für einen Moment hatte ich den Eindruck, die Pirnaer Südumfahrung sei schon fertig.

Das Geheimnis der Bruchrechnung

Mittwoch, 25. März: Kind eins hatte eine knifflige Aufgabe in Mathe zu lösen. Aufgelistet waren vier Fußballtorhüter. Der Nationaltrainer hatte aus mehreren Spielen jeweils die Schüsse auf ihr Tor sowie die dabei kassierten Treffer notiert. Auszurechnen war nun die Halte-Quote der Torhüter, der mit der besten Quote sollte dem Trainer fürs nächste Länderspiel empfohlen werden. Die Quote sollte in gemeinen und in Dezimalbrüchen angegeben werden.

Kind eins beherrscht die Bruchrechnung, aber gemeine Brüche in Dezimalbrüche umzurechnen, erwies sich doch als etwas schwierig, so ohne Taschenrechner und anderes neumodisches Zeug.

Ich versuchte mich, an meine Schulzeit zu erinnern und fragte mich, ob ich wohl so etwas jemals im Unterricht hatte. Es fiel mir partout nicht mehr ein, vielleicht war ich ja damals gerade Kreide holen, als die Bruchrechnung dran war.

Nach einigen Probeläufen gelang uns dann die Lösung. Ich weiß nun, wie man gemeine Brüche dividiert, um einen Dezimalbruch zu bekommen. Wofür ich das auch immer brauchen werde.

Aber die Erkenntnis daraus: Homeoffice und Schulunterricht für die Kinder in einem Raum fördern ungemein das Allgemeinwissen. Langeweile war gestern.

Später habe ich mit Kind zwei in Sachkunde noch einen Ausflug zu den menschlichen Sinnesorganen gemacht und gelernt, wie ich meinen Namen in Blindenschrift schreibe. Ich überlege gerade, mich für die diesjährigen Abi-Prüfungen anzumelden. Wenn sie denn stattfinden ...

Muss ich wirklich schon aufstehen?

Dienstag, 24. März: Als mein Wecker kurz nach sechs am Morgen klingelte, ertappte ich mich bei dem Gedanken: Muss ich wirklich schon aufstehen? Weil Homeoffice angesagt ist, liegt mein Arbeitsplatz ja nur wenige Schritte von der Schlafstätte entfernt, der Weg auf Arbeit entfällt. Ein halbes Stündchen könnte ich doch noch liegenbleiben, ein Viertelstündchen vielleicht, zehn Minuten wenigstens ...

Dunkel erinnere ich mich an jene Zeit, in der die Tage einem festen Rhythmus folgten. Aufstehen, Frühstück und Pausenbrote für die Kinder machen, zur Arbeit gehen, Beiträge schreiben, Feierabend, Heimweg, mit den Kinder Schulaufgaben erledigen, Abendbrot ... Jetzt, bei der Heimarbeit, ist jedoch vieles anders. Haben Sie sich schon mal bei dem Gedanken erwischt, sich im Homeoffice etwas gehen zu lassen, alles etwas lockerer anzugehen?

Meine Erkenntnis schon nach kurzer Zeit in Heimarbeit: Ich muss die Tage einteilen, getreu  dem Motto "Struktur und Arbeit". Habe mir überlegt, früh einfach eine Viertelstunde spazieren zu gehen, um den Arbeitsweg zu simulieren. Auch lag der Gedanke nahe, frei nach dem  "Dinner for One" die nicht anwesenden Kollegen durch Playmobil-Figuren zu ersetzen. Es erwies sich allerdings als zu zeitaufwendig, stets deren Rollen zu spielen, geschweige denn, deren Arbeit mit zu erledigen.

Aber mal im Ernst: Ich habe mir feste Arbeitszeiten vorgegeben, die ich größtenteils  einhalte, auch wenn es daheim manchmal etwas Mühe macht. 

Eines hat sich allerdings, im Gegensatz zu sonst, im heimischen Büro eingebürgert: Die Jogginghose bleibt an, selbst wenn ich laut Modezar Karl Lagerfeld auf diese Weise die Kontrolle über mein Leben verloren haben sollte.

Frühsport am Esstisch

Montag, 23. März: Als ich am Morgen aufstand, war Kind eins bereits in der Wohnung unterwegs, angezogen, die Zähne geputzt. Offensichtlich funktioniert der übliche Biorhythmus noch, Kind eins verlässt derzeit das Bett kaum später als zu gewöhnlichen Schulzeiten.

Bester Laune und von flotter Musik begleitet, stand das Kind am Esstisch und hielt sich daran fest, während es es sich immer wieder auf die Zehenspitzen stellte. Kurz darauf schleppte es einige schwere Bücher herbei, hielt sie mit ausgestreckten Armen und sang dabei ein Lied. 

Auf meine vielen Fragezeichen in den Augen erklärte mir mein Kind, es mache jetzt Sportunterricht, wie in der Schule, nur eben anders. Damit die Kinder nicht so ganz aus der Übung kommen, hatte die Lehrerin per Handy kleine Trainingseinheiten für zu Hause geschickt - Liegestütze, auf einem Bein springen, Bücher mit den ausgestreckten Armen halten und dabei mindestens zwei Strophen eines Liedes intonieren.

Ich fand das klasse, dass auch an so etwas gedacht wird, denn die körperliche Ertüchtigung kommt zurzeit in der Tat etwas zu kurz. Das sehe ich an mir selbst, meine sportliche Betätigung besteht derzeit weitgehend aus einem beschwerlichen Abstieg aus der ersten Etage zum Briefkasten und einem noch beschwerlicheren Aufstieg zurück. 

Ich nehme mir vor, künftig mit meinem Kind gemeinsam Sportübungen zu machen. Jetzt muss ich aber erst einmal aufhören zu schreiben, der Rücken schmerzt, weil ich wieder wie eine Bogenlampe auf einem zugegebenermaßen nicht gerade bequemen Esszimmer-Stuhl vor dem Rechner gehockt habe.

Überraschung auf der Motorhaube

Sonntag, 22. März: Am Morgen, ich war noch etwas im Halbschlaf, meldete mir mein Mobiltelefon eine Nachricht. Der Absender bat mich, doch mal auf mein Auto im Hof zu schauen, dort wäre etwas für mich deponiert.

Als ich zum Wagen kam, stand eine große Papiertüte auf der Motorhaube, gefüllt mit wunderbarem Inhalt: drei Rollen Toilettenpapier und drei große Schokoladen-Osterhasen für die Kinder und für mich. Was für eine Überraschung, was für eine Geste!

Mit einem Anruf bedankte ich mich später beim Schenker. Ich sagte ihm, wie großartig und hilfreich ich seine Idee und seine Spende fand. Er erzählte mir, er wolle es einfach als kleine Aufmerksamkeit verstanden wissen, kein großes Ding und so.

Und ich merke: es sind gerade diese kleinen Gesten, diese kleinen Akte der Nächstenliebe, so profan sie auch manchmal erscheinen mögen, die unser Leben lebenswert machen. Offensichtlich bedarf es - leider - oft einer großen Krise, um uns das wieder bewusst zu machen. 

So war es beispielsweise bei den beiden zurückliegenden Flutkatastrophen, die die Solidarität unter den Menschen wieder aufflammen ließen. 

Auch, wenn wir nun räumlich auseinander rücken müssen, haben wir die Chance, menschlich wieder näher zusammen zu rücken. Wir sollten jetzt natürlich auf uns achten, aber auch auf unsere Nächsten, die unter Umständen Hilfe benötigen, und wenn es nur ein Kontakt, ein Gespräch sein sollte. Es gibt zum Glück so viele Kanäle, um untereinander zu kommunizieren, zu reden, einander Mut zu machen. Jede große Hilfe fängt im Kleinen an.

Geschirr-Tetris in der Küche

Sonnabend, 21. März: Der Wocheneinkauf hat mich kurzzeitig in meine Kindertage zurückversetzt. Früher, in der HO-Kaufhalle meines Vertrauens, kam es durchaus mal vor, dass es Dinge gab, die es sonst nicht gab. Damit vom raren Gut für jeden etwas abfiel, war an der Ware oft ein Schild befestigt mit dem Hinweis "Bitte nur einmal nehmen".

Jeder hielt sich daran, mehr mitzunehmen, erschien auch sinnlos, weil strenge Verkäuferinnen über die Einhaltung des Gebotes wachten. Solche Zettel begegneten mir heute wieder, vornehmlich am Toilettenpapier-Regal. "Bitte nur einmal nehmen", stand da, ich fragte mich nur: einmal nehmen wovon? Es war nix da, alles leer. Dabei dachte ich, wir hätten die Mangelwirtschaft längst überwunden. Fast scheint es so, als ginge da draußen ein aggressiver Magen-Darm-Infekt rum ...

Immerhin gab es Spülmittel, denn es galt, eine große Errungenschaft dieser Woche zu beseitigen: einen riesigen Stapel schmutzigen Geschirrs, dessen sich bisher niemand erbarmt hatte. Zwischen Homeoffice und Kinderbetreuung hatten sich Teller, Tassen und Besteck in der Küche auf wundersame Weise vermehrt.

Die Kinder hatten dabei offensichtlich ein neues Spiel erfunden: Geschirr-Tetris. Sie hatten versucht, das auf dem hohen Turm übereinander gestapelte Geschirr möglichst in die Form des darunter stehenden zu passen. Dabei schien die Schwerkraft entrückt, eher ein Akt zauberhafter Balance, schwere Teller schwebten scheinbar mühelos über Müslischalen.

Doch der schiefe Turm musste nun weg, zu allem Übel ist aber der Geschirrspüler kaputt. Etwas Gutes hat der manuelle Waschgang zumindest: Man kann im Spülwasser sehr, sehr lange seine Hände desinfizieren.

Das Toilettenpapier geht zur Neige

Freitag, 20. März: Heute Morgen habe ich die Kinder geschockt. Hefte raus, unangekündigte Klassenarbeit, rief ich ins Zimmer, um zumindest den Hauch eines Schulalltages durch die Wohnung wehen zu lassen. Als Reaktion wehte mir ein Sturm maximaler Begeisterung entgegen. Ohr nö, bloß nicht, sagte Kind eins. Damit war die Sache dann auch erledigt. Und ich merke, dass mir doch noch so einiges zur pädagogischen Autoritätsperson fehlt.

Dennoch bin ich stolz auf meine beiden Kinder, dass sie jeden Tag so selbstständig ihre Schularbeiten machen. Neun Stunden und mehr täglich arbeiten und zudem die Kinder betreuen, ist nicht immer ganz einfach. Ich weiß, so wie mir geht es derzeit vielen da draußen, und ich bewundere jeden Einzelnen von euch.

Inzwischen stehen wir aber vor einem ganz anderen existenziellen Problem: Das Toilettenpapier geht zur Neige, eine Rolle ist noch da. Sämtliche Einkaufsbemühungen in dieser Woche schlugen bislang fehl. Was also tun? Essen und Verdauung einstellen, ist sicher nicht die beste Lösung. 

Ich überlege gerade, ein Verfahren zu entwickeln, um gebrauchtes Toilettenpapier zu recyceln. Doch Reinigung und Trocknung dieser sensiblen Zellulose, wie funktioniert das? Wo hänge ich die Blätter auf? Reichen die Klammern? Fragen über Fragen.

Sollte ich mal wieder Rollen ergattern, nehme ich mir vor, einen kleinen Vorrat anzulegen. Der bringt derzeit sicher eine größere Wertsteigerung mit sich als Immobilien oder Gold.

Hurra, ich habe passierte Tomaten!

Donnerstag, 19. März: Neben der Arbeit im Homeoffice und der Kinderbetreuung ist eine weitere Aufgabe dazugekommen: Koch und Küchenkraft. Ich gehöre glücklicherweise zu jener Spezies, die mehr kochen kann als nur Wasser. Doch stellt einen der Aspekt, dass das Mittagessen in Schule und Hort vorerst flach fällt, durchaus vor Herausforderungen.

Kind eins ist in dieser Hinsicht schon sehr selbstständig. Es hat zum Mittag für sich und Kind zwei eigene Spiegeleier gemacht, dazu Toast mit Butter und Salz. Ohne Hilfe. Ich bin stolz. Auch wenn ich noch nicht weiß, wer das wieder aufräumt. Küchenschlacht eben.

Für den Abend sind Nudeln avisiert, es sind noch welche da, wie immer eigentlich. Ich gehöre nicht zu denen, die Unmengen Vorräte anlegen, auch jetzt in Krisenzeiten nicht.  Doch meine Hamster-Verweigerung hätte fast zu einem herben Verlust geführt: Es hätte Nudeln blank gegeben. Als ich letztens einkaufen war, gab es nirgendwo mehr passierte Tomaten. Aber Nudeln ohne Tomatensoße? Undenkbar. 

Ein Blick in den Küchenschrank bescherte dann doch ungeahnte Glücksmomente. Hurra, ich habe noch drei Päckchen passierte Tomaten! Das Abendbrot war gesichert. Aber lange hält der Vorrat nicht mehr. Mal sehen, was der Wochen-Einkauf so bringt.

Wir haben uns überlegt, für die kommenden Tage einen Speiseplan aufzustellen, damit es nicht jeden Tag Nudeln gibt. Ideen hatten wir reichlich. Ich weiß nur noch nicht, wer das alles wann kochen soll.

Lager-Koller nach drei Tagen

Mittwoch, 18. März: Ich habe die Kinder zeitig geweckt. Irgendwie muss man ja den Anschein eines Schultages wahren. Jetzt bloß keinen Schlendrian einziehen lassen, die Versuchung ist da. Dennoch war das Gemaule der beiden groß. 

Hab mich dann durch lange Mails gekämpft, wer jetzt wie seine Schulaufgaben bekommt. Ich konstatiere: das läuft. Trotzdem weigert sich Kind zwei beharrlich, seine Aufgaben zu machen. Aber was muss, das muss. Nach dem Lernen ist Spielzeit, doch schon nach kurzer Zeit dringen beunruhigende Geräusche aus dem Kinderzimmer. Wenig später verweist Kind eins  Kind zwei seines Zimmers. Sonst haben sie nicht so viel Zeit zusammen, aber nun war es gleich mal zu viel. Eine Weile belagert Kind zwei meinen Schreibtisch, doch ich brauche Ruhe, ich muss arbeiten. Entsetzt stelle ich fest: Schon am dritten Tag beginnt der Lager-Koller, wir hängen zu sehr aufeinander rum. 

Die Kinder müssen an die frische Luft. Später waren beide draußen, getrennt voneinander. Sie kehren fröhlich zurück. Die Lehre aus diesem Tag: Wir müssen aufpassen, dass wir uns nicht zu sehr auf die Ketten gehen. 

Zu späterer Stunde erwäge ich - geistig wahrscheinlich nicht mehr ganz auf der Höhe - eine Petition zu starten, um die Schulschließungen wieder aufzuheben. Vielleicht ist ja eine Corona-Welle leichter zu ertragen, als die nächsten fünf Wochen mit den Kindern zu verbringen. Ich weiß, das klingt jetzt sehr nach Rabenvater. Aber es war nicht so ganz ernst gemeint ...

Wie unterrichte ich meine Kinder?

Dienstag, 17. März: Nun haben wir den Salat: Mein Leben pendelt jetzt zwischen Heimarbeit und Kinderbetreuung. Kind eins war am Montag schon eine halbe Stunde nach dem sonst üblichen Schulbeginn wieder daheim, bepackt wie ein Lasten-Esel, da waren die Aufgaben für die nächsten Tage noch nicht dabei. Kind zwei musste aus der Grundschule abgeholt werden, obwohl es nur die Schulsachen holen sollte. Es hatte aber keinen Zettel mit, dass es allein heimgehen darf. Manch Bürokratie kriegt selbst Corona nicht klein.

Doch wie soll es jetzt werden? Mit den Kindern Hausaufgaben erledigen, ist ja okay. Aber jetzt neben der Arbeit unterrichten? Soll ich täglich vier Stunden Schule simulieren? Den Plan, ein Kinderzimmer als Klassenraum einzurichten, habe ich inzwischen wieder verworfen. Auch mit dem Lehrgang an der Volkshochschule "Lehrer werden in drei Tagen" wird es nun nichts, die VHS ist ja dicht.

Wenigstens hat die Schule inzwischen die Aufgaben geschickt. Die Kinder nehmen es derweil gelassen, sie sind irgendwie im Ferienmodus. Und ich merke, dass mir schon nach zwei Tagen die Argumente ausgehen, warum Lernen jetzt wichtiger als Spielen ist. 

Weiterführende Artikel

Symbolbild verwandter Artikel

Arbeiten im Homeoffice – so klappt’s

Viele Sachsen müssen ihren Job jetzt zu Hause erledigen. Ein Arbeitspsychologe erklärt, wie man dabei Konflikte vermeidet.

Symbolbild verwandter Artikel

Wie Sachsens Arbeitgeber reagieren

Seit Mittwoch sind die Kitas zu, viele Eltern sitzen im Homeoffice. Doch was, wenn das nicht möglich ist? Beispiele aus Großbetrieben.

Doch dann die Überraschung: Beide Kinder verkünden stolz, sie hätten schon ihre Aufgaben erledigt. Puh, was für ein Glück. Denn ich muss gestehen: Ich hatte wegen der ganzen Arbeit nicht eine Minute Zeit, mich mit den Kindern hinzusetzen.

Die neuesten Nachrichten zur Corona-Pandemie in Sachsen lesen Sie in unserem täglichen Newsletter.