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Schatz der Porzelline soll geborgen werden

© Karl-Ludwig Oberthür

Nach dem Einsturz des Formenlagers schaltet sich nun das Landesamt für Denkmalpflege ein. Mit einer klaren Forderung.

Von Tobias Winzer

Freital. Das ist kein schöner Anblick. Zwischen allerlei Ziegelsteinen ist der Schatz der Porzellan-Manufaktur deutlich zu erkennen. Tausende Gipsformen liegen nach dem teilweisen Einsturz des Lagers am Montag ungeschützt in den morschen Holzregalen oder gar in dem Flüsschen Wiederitz. Die Sächsische Zeitung beantwortet die wichtigsten Fragen zur Zukunft der Formensammlung.

Wie geht es mit der Porzelline weiter?

Was ist nach dem Einsturz des Lagers bislang passiert?

Noch nicht viel. Am Montagmorgen, gegen 8.30 Uhr, war die Außenwand entlang der Wiederitz in sich zusammengefallen. Ziegelsteine und einzelne Formen fielen in das Flüsschen. Weil auch weitere Außenwände des Formenlagers einsturzgefährdet sind, wurde die Umgehungsstraße, die direkt an dem Eingeschosser vorbeiführt, halbseitig gesperrt. Die Bergungsarbeiten haben noch nicht begonnen. Die Porzellan-Manufaktur sucht nach einer Firma, die die Arbeiten übernehmen kann. Weiterhin unklar ist der Umfang des Schadens.

Was genau ist in dem Lager eigentlich untergebracht?

Bei den rund 12000 eingelagerten Modellen handelt sich um sogenannte Urformen von Porzellanobjekten, von denen immer wieder Arbeitsformen abgenommen werden konnten und können, die sich im Produktionsprozess abnutzen. Die Formen aus Gips stammen aus dem Zeitraum 1872 bis etwa 1960. Seit Anfang des 20. Jahrhunderts sind sie in dem Eingeschosser direkt gegenüber dem Hauptgebäude der Porzelline untergebracht.

Wie hoch ist der Wert der Formensammlung einzuschätzen?

Beziffern lässt sich das nicht. Aber das Landesamt für Denkmalpflege schätzt den kulturellen Wert immer hin so hoch ein, dass sie die Sammlung im Jahr 2012 unter Denkmalschutz stellte. „Es handelt sich sozusagen um das produktive Gedächtnis der Porzellanfabrik von 1872 bis in die 1960er-Jahre“, sagt ein Sprecher der Behörde. „Da die Fabrik insbesondere im ausgehenden 19. und frühen 20. Jahrhundert äußerst erfolgreich im europäischen Markt agiert und jedes Jahr unzählige Objekte entworfen hat, leisten die Formen über die Bedeutung für die Fabrikation und Freital hinaus auch einen wichtigen Beitrag zur allgemeinen Designgeschichte dieser Zeit.“ Der seltene Bestand sei höchst bedeutend.

Warum ließ die Porzellan-Manufaktur das Lager verfallen?

Aus finanziellen Gründen. Der Porzellan-Branche geht es insgesamt schlecht. Außerdem gab es in den vergangenen Jahren immer wieder wechselnde Besitzer des Unternehmens, weswegen das Lager wohl zeitweise aus dem Blickfeld geriet. Armenak Agababyan, der seit 2008 die Geschäfte führt, kündigte zwar 2014 an, auch das Formenlager im Rahmen eines mehr als eine Million Euro schweren Investitionspaketes sanieren zu wollen. Seither tat sich jedoch nichts.

Konnte man den Eigentümer nicht zwingen, etwas zu tun?

Da die Formensammlung unter Denkmalschutz steht, kann das Landesamt sogenannte Sicherungsmaßnahmen per Gesetz anordnen. „Permanente hoffnungsvolle Verhandlungen mit dem Eigentümer zur Sicherung und möglichen Eigentumsübernahme durch die Stadt haben die Denkmalbehörden bisher davon abgehalten“, teilt der Sprecher des Landesamtes mit. Wie es aus dem Freitaler Rathaus heißt, habe man Agababyan schon mehrfach Räume zur Unterbringung der Formen angeboten. Ein Umzug in diese Räume scheiterte aber offenbar am Geld. Für den Transport, die Sichtung und die Aufbereitung der Formen wäre sicherlich eine sechsstellige Summe aufzubringen. Auch der Porzellankunst-Verein um den Freitaler Künstler und Ex-Porzelline-Chefmodelleur Olaf Stoy setzte sich jahrelang für die Formensammlung ein. Eine Kooperation mit dem Chemnitzer Industriemuseum war im Gespräch. Zwischen der Porzellanstadt Selb in Franken, Chemnitz und Freital sollte eine Art Porzellanachse entstehen, die Freitaler Modelle ins Technologiezentrum überführt und dort ausgestellt werden. Laut Stoy scheiterte das Vorhaben aber an der verbindlichen Zusage von Agababyan. Zuletzt sollte ein kleines Pilotprojekt mit Zuschüssen vom Freistaat gestartet werden. Stoy wollte damit exemplarisch zeigen, wie die Formen gerettet werden könnten.

Wie geht es nun nach dem Einsturz des Lagers weiter?

Fest steht: Die Bergung der Formen und der Abriss des Lagers, das wohl nicht mehr zu retten ist, wird mindestens eine sechsstellige Summe kosten. Und: An der finanziellen Situation der Porzellan-Manufaktur hat sich nichts geändert. „Die aktuelle Situation lässt jedoch keinen Spielraum mehr und zwingt zum Handeln“, teilt das Denkmalamt mit. „Über die bisherigen Schäden durch einzelne zusammenbrechende Regale hinaus ist nun durch den Einsturz von Teilen des Schuppens eine Totalgefährdung entstanden.“ Deswegen soll die Stadt Freital im Rahmen einer sogenannten Ersatzvornahme tätig werden. Weil Gefahr im Verzug ist, kann die Stadt Arbeiten in dem Privateigentum in Auftrag geben und sich die Kosten von der Porzellan-Manufaktur später zurückholen. Fraglich ist allerdings, ob die Stadt das Geld jemals bekommt. „Wir prüfen das“, teilte die Stadt am Mittwoch mit. Allerdings habe der Eigentümer signalisiert, dass er die Sicherung des Lagers und die Bergung selbst übernehmen wolle. In der Porzelline war niemand für eine Stellungnahme zu erreichen.

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