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In aller Leidenschaft

Kämpferisch und selbstbestimmt bis zum Schluss: Die große Schauspielerin Ursula Karusseit ist tot.

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Ursula Karusseit
Ursula Karusseit © Britta Pedersen/dpa

Sie war eine Ikone des Theaters, nicht nur in der DDR. Vor und nach der Wiedervereinigung spielte sie in München, Köln und Heidelberg, in Dessau, Dresden und Zürich, in Berlin am Schiller-Theater und am Berliner Ensemble. Doch ihre größte Popularität erlangte sie spät in der MDR-Fernsehserie „In aller Freundschaft“: Seit 1998 leitete sie als Charlotte Gauss die Cafeteria der „Sachsenklinik“. Bis ihr eine Krankheit das Drehen unmöglich machte. Am Freitag ist Ursula Karusseit im Alter von 79 Jahren gestorben.

Wie nur wenige große Schauspielerinnen vereinte sie das Spröde und das Sanfte, das Herausfordernde und das Sehnsuchtsvolle in sich und fügte es zu einem ungeheuer starken und wandlungsfähigen Charakter. Aufs Unvergesslichste ließ sie ihn schillern als Magd Gertrud Habersaat, deren Lebensgeschichte zwischen den Jahren 1939 bis 1953 der TV-Mehrteiler „Wege übers Land“ von 1968 erzählt. Dass die Serie ein Straßenfeger wurde, war nicht zuletzt Ursula Karusseit zu danken. Seither blieb sie ein Liebling in Fernseh- sowie einigen – viel zu wenigen – Defa-Filmen.

Flucht aus Ostpreußen

Geboren 1939 in Elbing, muss sie als Sechsjährige fliehen. Später zieht sie von Mecklenburg nach Gera, wo ihr Vater als Lehrer arbeitet. Nach Schule und Ausbildung ist Ursula Karusseit zunächst Sachbearbeiterin und Sekretärin, findet aber in der Betriebstheatergruppe ihre große Leidenschaft, die Schauspielerei. 1960 wird sie an der Staatlichen Schauspielschule in Berlin-Schöneweide angenommen und fällt bald auf: Schon 1961 holt sie die Berliner Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz als Anna für „Biedermann und die Brandstifter“. Zwei Jahre später ist sie dort fest im Ensemble. Doch kann man das junge Talent auch auf anderen Bühnen sehen, am Gorki, am Deutschen Theater, am Theater im Palast (TiP). Sie fällt auf, besonders als Rote Rosa in „Moritz Tasso“ von Peter Hacks, und nicht nur dem Publikum: Karusseit und der Schweizer Regisseur Benno Besson verlieben sich und heiraten.

Parallel zur Bühnenkarriere wächst sie im Fernsehen der DDR zu einer anerkannten und beliebten Schauspielerin heran. Gerne spielt sie Frauen voller derber Sinnlichkeit, die selbstbestimmt ihren Anspruch ans Leben formulieren. Auf der Kinoleinwand ist Ursula Karusseit in vielen Neben-, aber weniger in Hauptrollen präsent. Doch auch aus „kleineren“ Figuren macht sie Großes. 1971 spielt sie in „KLK AN PTX“ über die NS-Widerstandsgruppe „Die Rote Kapelle“. Unter der Ägide von Konrad Wolf steht sie drei Jahre später an der Seite von Kurt Böwe in „Der nackte Mann auf dem Sportplatz“ vor der Kamera.

Ihre komödiantische Seite ist zunächst wenig gefragt. Doch auch die darf Ursula Karusseit in den Achtzigern ausspielen: in Defa-Kinderfilmen wie „Die vertauschte Königin“ und, ebenfalls in einer amüsanten Doppelrolle, als Gräfin Hornborstel und beste Gänsezüchterin der Gegend in „Die Gänse von Bützow“.

Kein Karriereknick nach der Wiedervereinigung

Anders als viele Kollegen kann sie sich nach 1989 im wiedervereinten Deutschland problemlos behaupten. Dort kennt man sie schon seit Mitte der Achtziger aus Gastspielen und von freien Rollenverträgen, etwa am Schauspiel Köln, am Berliner Schillertheater, an den Münchner Kammerspielen. Außerdem entdeckt Ursula Karusseit das Regieführen für sich und inszeniert selber Dramen, auch in Zittau und Dresden. Immer wieder steht sie an der Elbe auf der Bühne. Zuletzt bis vor wenigen Jahren an der Comödie Dresden in „Kalender Girls“. 

Nicht mal im etwas reiferen Alter droht ein Ende als „altes Eisen“. Neben Filmeinsätzen wie in Andreas Dresens „Nachtgestalten“ wird Ursula Karusseit in ihren Fünfzigern sogar zum veritablen Serienstar. Sie gehört zu den Ensembles von „Für alle Fälle Stefanie“, „Liebling Kreuzberg“, „Im Namen des Gesetzes“, „Praxis Bülowbogen“, „Happy Birthday“. Nicht zu vergessen: „In aller Freundschaft“. Auch privat ist ihr neues Glück beschieden: Lange nach der Trennung von Benno Besson heiratet Ursula Karusseit 1998 ihren langjährigen Lebenspartner Johannes Wegner.

Mit ihm zusammen kämpfte sie seit drei Jahren gegen den Krebs. Am Freitag hat sie die Kraft dafür verlassen. (SZ)