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Schmerz lass nach

Was bei chronischen Leiden hilft, erklären zwei Spezialistinnen vom Freitaler Klinikum. In der SZ und in einem Vortrag.

© Karl-Ludwig Oberthür

Von Annett Heyse

Freital. Das Kellergeschoss des Freitaler Klinikums ist eine eigene kleine Welt. Schön ruhig geht es hier zu. Bei dezentem Licht und in Wohlfühlatmosphäre arbeiten im Untergeschoss Physiotherapeuten, Psychologen und Ergotherapeuten, um die Patienten wieder fit zu bekommen. Doch es gibt eine Gruppe, deren Leiden nicht so leicht greifbar ist: chronische Schmerzpatienten. Dafür gibt es im Helios Weißeritztal-Klinikum ein spezielles Team, das sich intensiv um diese Menschen kümmert. Diplompsychologin Jana Hänsel sowie Physiotherapeutin und Osteopathin Annett Wirthgen gehören dazu und berichten von den teilweise schon langen Leidenswegen der Betroffenen.

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•Rückenleiden gehören zu den häufigsten Problemen. 17 Prozent der Bevölkerung haben chronische Schmerzen. Sie haben neben körperlichen oft psychosoziale Ursachen.
•Rückenleiden gehören zu den häufigsten Problemen. 17 Prozent der Bevölkerung haben chronische Schmerzen. Sie haben neben körperlichen oft psychosoziale Ursachen. © dpa

Wann sprechen Mediziner von chronischen Schmerzen?
Schmerztherapeuten unterscheiden zwischen akuten und chronischen Schmerzen. Akute Schmerzen treten in Zusammenhang mit Erkrankungen oder Verletzungen auf. Sind diese verheilt, verschwinden die Schmerzen, wenn auch mitunter zeitversetzt. Hänsel: „Bis zu sechs Monate Nachwirkungen sind in der Regel noch okay.“ Halten Schmerzen weiter an, sprechen Mediziner von chronischen Leiden. Etwa 17 Prozent der Bevölkerung sind davon betroffen. „Die meisten, die zu uns kommen, haben Schmerzen im Nacken oder im Rücken“, sagt Annett Wirthgen. Auch immer wiederkehrende oder lang anhaltende Kopfschmerzen und Migräne, Muskelschmerzen und Schmerzen an Gelenken gehören zu den häufigsten Problemen.

Wie entstehen chronische Schmerzen, welche Ursachen haben sie?
Chronische Schmerzen können durch Erkrankungen oder Verletzungen entstehen. Häufig ist die Ursache allerdings wesentlich komplexer. „In vielen Fällen spielt die Psyche eine Rolle“, sagt Hänsel. Falsche körperliche Belastungen, Stress, Beziehungskrisen, Druck im Berufsleben, finanzielle Probleme – all diese Faktoren können Veränderungen im Körper bewirken, die sich in chronischen Schmerzen bemerkbar machen. Spezialisten sprechen von der psychosozialen Komponente. „Es heiß ja im Volksmund nicht umsonst: Die Angst sitzt mir im Nacken“, sagt Osteopathin Wirthgen. Der Nacken sei ein wunderbares Beispiel, wie solche chronischen Probleme entstehen. Oft entstehen dort Schmerzen durch körperliche Ursachen wie falsche Sitzhaltung vorm Computer und am Schreibtisch. Wirthgen: „Eigentlich kann man da sehr gut gegensteuern, zum Beispiel mit besserer Sitzhaltung, anderem Bürostuhl, Gymnastik und Entspannung.“ Doch eben diese Schmerzen können dann durch die psychosozialen Faktoren verstärkt und chronisch werden. Hänsel: „Aufgrund der stressbedingten Einflüsse verspannt und verkrampft die Nackenmuskulatur regelrecht. Das ist ein Teufelskreis.“

Wie kann man die Ursachen von chronischen Schmerzen erkennen?
Viele Patienten, die zur Schmerztherapie ans Helios Weißeritztal-Klinikum in Freital kommen, haben oft schon eine Menge ausprobiert, um ihre Probleme auszukurieren. Wirthgen: „Das Problem ist, dass sich die allermeisten auf körperliche Ursachen und Diagnostik konzentrieren und die psychosoziale Komponente vernachlässigen.“ Deshalb werden die Patienten am Freitaler Krankenhaus von mehreren Therapeuten aus verschiedenen Fachrichtungen, wie zum Beispiel Psychologen und Physiotherapeuten in Einzelsitzungen gründlich untersucht. Alltagsleben, Unfälle, sportliche Betätigungen, Probleme im Familienleben, Belastungen im Beruf – alles wird auf den Prüfstand gestellt. Hänsel: „Schmerzpatienten haben oft mehrere Baustellen. Diese herauszufinden, ist ein erster wichtiger Schritt für eine erfolgreiche Therapie.“

Wie ist eine Therapie aufgebaut und wie erreicht man einen Erfolg?
Je nach Ursachen wird für jeden Schmerzpatienten ein individuelles Konzept aufgestellt. Es besteht in der Regel aus mehreren Komponenten wie Physiotherapie, Gymnastik, Yoga, Sport, Entspannungsübungen zur Schmerzbewältigung, Psychologie. Es finden sowohl Gruppen- als auch Einzeltherapien statt. Wirthgen: „Es geht darum, seinen Körper besser kennenzulernen und wahrzunehmen.“ So können Defizite erkannt und angepackt werden – das betrifft ausdrücklich auch seelische Probleme und Belastungen. So eine Therapie dauert in der Regel drei Wochen und wird tagesklinisch oder stationär durchgeführt. Währenddessen sind Arbeitnehmer krankgeschrieben.

Wie erfolgreich sind solche komplexen Schmerztherapien?
Wichtig zu wissen sei, dass die Schmerzen in den seltensten Fällen auf Anhieb weggehen, sagt Jana Hänsel. „Es geht vielen Patienten zunächst um eine Schmerzlinderung.“ Mit der Therapie werden den Patienten vor allem auch Strategien zum Umgang mit den Schmerzen vermittelt, um dadurch eine Steigerung der Lebensqualität zu erreichen. Für einen Erfolg müssen Patienten mitunter ihr Leben umkrempeln. „Das kann den beruflichen sowie den privaten Bereich betreffen“, schildert Jana Hänsel. Bei psychischen Ursachen tut den Betroffenen auch anschließende ambulante Psychotherapie gut. Nur wer nach der Schmerztherapie dranbleibt und damit arbeitet, kann chronische Schmerzen in den Griff bekommen.

„Ich hab es doch nicht im Kopf, ich hab Schmerzen“, heißt ein Vortrag von Jana Hänsel und Annett Wirthgen am 5. Juni im Freitaler Klinikum. Los geht es 17 Uhr im Foyer. Erläutert werden Ursachen und Behandlungsmethoden.