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Schreckliche Stunden in Leipzig

Dramatisches Ende einer tagelangen Fahndung.

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Von Thomas Schade

Am Turm der Marienkirche zeigen die goldenen Zeiger auf dem blauen Zifferblatt 17.45 Uhr an, als gegenüber ein graues Auto vom städtischen Bestattungswesen den restaurierten Gutshof in Leipzig-Stötteritz verlässt. Der Lyriker und Dramaturg Christoph Felix Weiße lebte hier ab 1796–bekannt geworden durch seinen „Kinderfreund“, den ersten deutschen Kinderalmanach.

An diesem Nachmittag wird das historische Gut von einem ganz und gar kinderunfreundliches Ereignis beherrscht. Der Hof dient als Führungspunkt der Polizei. Denn gleich hinter dem Gut, am sogenannten Ententeich im Stötteritzer Wäldchen, endete wenige Stunden zuvor die dramatische Suche nach der vermissten Michelle. Ein Spaziergänger hatte am Mittag vom Ufer des Weihers aus Teile eines kleinen menschlichen Körpers im Wasser entdeckt.

Erst nach über vier Stunden kriminalistischer Tatortarbeit wird die Leiche aus dem Wasser geborgen. Nachdem Beamte die hellblaue Jeanshose und das gelbe T-Shirt erkannt haben, sagt Polizeipräsident Bernd Merbitz vor Ort, dass es sich „mit hoher Wahrscheinlichkeit“ um die vermisste achtjährige Schülerin handelt. Eine offizielle Bestätigung gibt es erst nach 20 Uhr.

Zu diesem Zeitpunkt haben sich die Eltern des Mädchens bereits in die Obhut der Polizei begeben, die sie an einem unbekannten Ort vor den Medien abschirmt. „Sie werden psychologisch betreut“, sagt Polizeisprecher Andreas de Parade. Familie S. hat um Verständnis gebeten, dass sie für Interviews nicht zur Verfügung steht.

Schwerer Fall für die Soko

Bis in die Abendstunden hinein bleibt unklar, wie das Mädchen zu Tode gekommen ist. Vom Gutshof aus wird die Leiche des Mädchens direkt in die Leipziger Gerichtsmedizin gebracht, wo sie sofort untersucht wird. So, wie sie gefunden worden sei, könne es sich um ein Verbrechen, aber auch um einen Unfall handeln, sagt Polizeisprecher de Parade. Der Ententeich ist an der Fundstelle zwar nicht tief, aber das Ufer ist steil.

Am Rande des vielbesuchten Parks in der Oberndorferstraße kleben noch die Fahndungszettel der Polizei an den Haustüren. An diesem Nachmittag ist die schmale Straße von Polizeifahrzeugen und Fernsehteams völlig verstopft. Für viele Menschen hier steht fest, dass eineinhalb Jahre nach dem Fall Mitja in Leipzig wieder ein schreckliches Verbrechen an einem Kind begangen worden ist. „Die ist doch nicht beim Badeunfall ertrunken“, sagt eine Frau und fordert die Todesstrafe für Kinderschänder. Andere Passanten reagieren vor allem betroffen. Sie habe regelrecht Magenschmerzen, sagt Silke, die nur ihren Vornamen nennen möchte. „Auch wenn es nicht das eigene Kind ist, man leidet mit den Eltern.“ Eine andere junge Frau sagt, sie werde ihr Kind im kommenden Jahr auf keinen Fall allein in die Schule gehen lassen.

Tatsächlich erschien es von Anfang an unwahrscheinlich, dass Michelle durch einen Unfall starb. Der Fundort liegt mehr als drei Kilometer entfernt von der Martinstraße, wo sich Michelles Grundschule und der Hort befinden. Gegen 21 Uhr teilen die Gerichtsmediziner mit: Michelle ist ermordet worden. Es gibt Spuren von Gewalteinwirkung an der Leiche.

Am Montag hatte sich die Achtjährige am Nachmittag auf dem Heimweg von ihren Freundinnen verabschiedet. Angeblich wollte sie sich noch mit einem „L“ treffen, so die Aussage eines der Mädchen. Dieser „L“ ist noch nicht gefunden.

Die Sonderkommission „Michelle“ hat nach der tagelangen, mit hohem Aufwand betriebenen Suche nun die Aufgabe, alle Umstände des Todes der Achtjährigen zu klären. Da bisher unklar ist, ob Spuren des Verbrechens am Fundort oder an der Leiche entdeckt wurden, dürften die Beamten vor einem schwierigen Fall stehen.