merken

Schwungvolles aus dem Stahlwerk

Die Hollywoodschaukel war eins der beliebtesten DDR-Produkte und wurde auch in Gröditz gefertigt. Ein Verantwortlicher von damals erinnert sich.

© Lutz Weidler

Von Dörthe Gromes

Gröditz. Sie brachten Glamour in die Gärten der DDR: Hollywoodschaukeln. Ihre große Zeit hatten die schwingenden Bänke in den 1980er Jahren. Die Konsumgüterproduktion des VEB Stahl- und Walzwerkes Gröditz war einer der wenigen Produzenten der populären Gartenmöbel. Der Frauenhainer Bernd Langer hat die Produktion vom ersten bis zum letzten Tag begleitet.

Bauen und Wohnen
Wohnen Sie noch oder bauen Sie schon?
Wohnen Sie noch oder bauen Sie schon?

Hier finden Sie alles, was Sie fürs Sanieren, Renovieren oder Bauen Ihrer eigenen vier Wände brauchen.

So sahen die Prospekte für Gröditzer Hollywoodschaukeln aus.
So sahen die Prospekte für Gröditzer Hollywoodschaukeln aus. © Stadt Gröditz

Als Abteilungsleiter für den Bereich Fertigung war er verantwortlich dafür, dass alles ordnungsgemäß lief. „Die Konsumgüterproduktion war lange Zeit das Aushängeschild des Stahlwerkes“, erinnert sich der heute 70-Jährige. Ins Gröditzer Werk war er schon als Lehrling gekommen. 1965 begann Langer seine Ausbildung zum Dreher. Nach einem kurzen Intermezzo an der Ingenieurschule in Bautzen kehrte er wieder in die Heimat zurück.

Seit dem 8. Parteitag der SED im Jahr 1971 waren alle Betriebe in der DDR aufgefordert, zusätzlich zu ihren eigentlichen Produkten Konsumgüter herzustellen. Denn es gab schlicht zu wenig Waren, Die Bürger in den Geschäften kaufen konnten. In Gröditz begann man zunächst mit der Herstellung von Beschlägen für Polstermöbel. Später kam dann ein ganzes Sortiment an Gartenmöbeln hinzu. Die Produktion von Hollywoodschaukeln wurde etwa ab Mitte der 1980er Jahre aufgenommen.

Bernd Langer erinnert sich noch genau an die Arbeitsschritte, die zur Fertigstellung der Schaukeln nötig waren: Zunächst wurden die Rohre zugeschnitten und entgratet, dann wurden sie in der Biegemaschine gebogen. Danach wurden die Löcher für die Schrauben eingestanzt. Mitunter musste manuell noch nachgearbeitet werden. Anschließend wurden die Stahlrohre gebeizt, und es kam ein Rostschutz drauf. Farbgebung und Verpackung waren der letzte Produktionsschritt. Die Endverbraucher schraubten die Schaukel dann selbst zusammen, nach Anleitung.

Verkauft wurden die Gröditzer Erzeugnisse unter dem Markennamen „Pouch“ – der VEB Wassersport- und Campingbedarf Pouch war vor allem für seine Faltboote bekannt, vertrieb aber auch Garten- und Campingmöbel. Die einfache Version der Hollywoodschaukel mit dem Namen Maja kostete knapp 180 DDR-Mark. Es gab außerdem noch eine aufwendigere Luxus-Variante für 600 DDR-Mark. Neben den Hollywoodschaukeln wurden auch Liegestühle, Gartentische und -bänke sowie Sessel und Hocker hergestellt.


Als Abteilungsleiter musste Bernd Langer täglich Probleme lösen – die meisten hatten mit Materialengpässen zu tun. Trotzdem möchte er die Tage dort nicht missen: „Das war eine angenehme und bewegende Zeit, die mich geprägt hat.“ Besonders an den Zusammenhalt und die Kameradschaft mit den Arbeitskollegen und -kolleginnen denkt Bernd Langer gern zurück. Was das Werk verließ, habe sich sehen lassen können: „Unsere Produkte unterlagen einer strengen Qualitätskontrolle und waren deshalb sehr langlebig“, erzählt der frühere Fertigungsingenieur.

Von den rund 100 Beschäftigten in der Konsumgüterproduktion sei der Großteil weiblich gewesen. Höhepunkte im Betriebsleben waren die Frauentagsfeiern. Da stellte das ungleiche Geschlechterverhältnis die männlichen Angestellten durchaus vor gewisse Probleme: „Die Abteilungsleiter mussten an diesem Tag die Frauen bedienen und mit ihnen tanzen. Da musste man sehr aufpassen, dass man ja mit keiner zweimal tanzte, um die anderen nicht zu verärgern“, erzählt er schmunzelnd.

Für das Stahlwerk waren die Gartenmöbel wegen der hohen Herstellungskosten allerdings ein Verlustgeschäft. So wurde die Produktion in der Wendezeit sehr schnell abgewickelt. „Im Dezember 1990 erhielt ich meine Kündigung, ich war sozusagen der Schließer der Konsumgüterproduktion“, erzählt Bernd Langer mit einer gewissen Wehmut. „In der Wendezeit hätte vieles anders laufen sollen“, findet er im Nachhinein.

Nach dem Umbruch übte Bernd Langer verschiedene Tätigkeiten aus, sie hatten meist direkt oder indirekt mit Stahl zu tun. Vor 15 Jahren machte er sich mit einem kleinen Fuhrunternehmen selbstständig, das er noch immer leitet.

Obwohl er so lange für die Produktion von Gartenmöbeln verantwortlich war, hat der Frauenhainer nie daran gedacht, Gröditzer Produkte zu kaufen. „Zu DDR-Zeiten hatten wir keinen Garten und zur Wendezeit andere Sorgen“ sagt er. Geblieben sind ihm ein paar alte Prospekte. Doch auf seiner Nachwende-Hollywoodschaukel sitzt er nicht weniger gern.