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Seine zweite und letzte Chance

Bei der Heim-WM ist vor allem Bundestrainer Christian Prokop gefordert. Dafür macht der Leipziger nun vieles anders.

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Geboren in Köthen, zu Hause in Leipzig. Christian Prokop nutzt den letzten freien Tag, um „mit Schwung“, wie der 40-Jährige sagt, in die WM zu starten.
Geboren in Köthen, zu Hause in Leipzig. Christian Prokop nutzt den letzten freien Tag, um „mit Schwung“, wie der 40-Jährige sagt, in die WM zu starten. © dpa/Jan Woitas

Das Lächeln ist da. Ob noch immer oder wieder? Für den Moment ist das unerheblich. Wenn die Mundwinkel nach oben zeigen, sich die kleinen Grübchen bilden und Christian Prokop auch noch die Augen zu schmalen Schlitzen zusammenpresst, geht es ihm gut, sehr gut sogar. Dann ruht er in sich, kann Scherze machen, genießen. Das verschmitzte Lächeln ist Ausdruck höchsten Glücks und ein Stück weit auch Markenzeichen des Handball-Bundestrainers – in erfolgreichen Zeiten.

Der Öffentlichkeit in Erinnerung geblieben ist Prokop als Mann mit der Taktiktafel, verbissen bis überfordert, dazu mit unflätigen Worten in der Auszeit. Prokop hat da wirklich „Scheiße“ gesagt und dass sich die gegnerischen Spieler angesichts des Rückstands gegen Deutschland „einkacken“. Überhaupt wird jedes Wort, jeder Schritt Prokops bei der Europameisterschaft vor einem Jahr, seinem ersten internationalen Turnier, mit Skepsis verfolgt und argwöhnisch interpretiert. Das Ergebnis ist bekannt: Prokop reagiert noch angespannter, als er es ohnehin schon ist, bringt die Mannschaft gegen sich auf, er verzettelt und vercoacht sich. Und Titelverteidiger Deutschland wird, wenngleich nicht allein deshalb, lediglich EM-Neunter.

Herr Prokop, nach der enttäuschend verlaufenen EM haben Sie einen ‚teilweise unmenschlichen Umgang‘ angeprangert. Hat sich diese Sicht mittlerweile relativiert?

„Ich möchte die Medien für das Abschneiden nicht verantwortlich machen, aber dennoch war die Berichterstattung teilweise befremdlich. Wir haben in der Vergangenheit einfach viele negative Dinge befeuert. Aber wir werden daraus Potenzial ziehen, das zeigen die letzten sechs Monate, das spüre ich an der Stimmung im Team. Das ist eine Erfahrung, die ich vielleicht auch machen musste, um entscheidende Dinge anders anzupacken und in die richtige Richtung zu bringen.“

Wie sehen Sie jetzt das Vertrauensverhältnis zur Mannschaft?

„Das Vertrauen hat sich definitiv gestärkt, aber es ist auch kein Geheimnis, dass es aufgebaut werden musste. Als sich das Präsidium nach einem langen Abwarten für mich entschied, hieß es: Ärmel hochkrempeln und anpacken!“

Wie genau haben Sie das Team zurückgewonnen?

„Das ging über mehrere Treffen, über Videofeedback-Analysen, über Teamsachen, taktische Anpassungen, auch mit ein paar Veränderungen bei der Nominierung. Das Vertrauen wird weiterwachsen, je mehr Erfolg wir zusammen haben werden.“

Alte Akribie, neuer Lockerheit

Im Januar 2019 wirkt der mittlerweile 40-Jährige verändert. Er hat aus den bitteren Erfahrungen der Turnier-Premiere und der anschließenden wochenlangen internen wie öffentlichen Diskussion über seinen Rücktritten gelernt. Mit unveränderter Akribie, aber neuer Lockerheit begegnet er dem angesichts der Heim-WM noch einmal massiv gestiegenen Erfolgsdruck. Nun soll und kann alles besser werden. Schlechter ist schließlich kaum möglich.

Dafür hat Prokop nicht bloß seine Freizeitgestaltung umgekrempelt. Der gebürtige Köthener – in der Szene als detailverliebter Handball-Professor mit Hang zum Perfektionismus von vielen geschätzt, von einigen belächelt – ist bei der Aufarbeitung des EM-Debakels sehr selbstkritisch gewesen. In einigen Punkten hat er seine Arbeitsweise sogar grundlegend verändert.

Denken und handeln Sie nun mehr wie ein Bundes- als ein Vereinstrainer?

„Das würde ja bedeuten, dass ich die Sache vorher blauäugig angegangen bin und mich nicht mit den Anforderungen eines Bundestrainer auseinandergesetzt habe. Das war nicht der Fall. Ich wusste, dass ich mit der Mannschaft wenig Zeit habe. Aber ich habe mir Hoffnungen gemacht, taktisch in kurzer Zeit mehr zu erreichen. Ich habe viele Spieler überfordert, den ein oder anderen damit auch vor den Kopf gestoßen. Es ist sicher eine Lehre, das taktische Konzept mehr an die Stärken der einzelnen Spieler anzupassen. Aber es wird nicht reichen, wenn wir nur verwalten. Wir wollen auch eine entsprechende Verbesserung fortführen.“

Wie sehr haben Sie sich dafür verbiegen müssen?

„Natürlich impliziert es die Frage, ob man noch authentisch ist oder nicht. Ich kann das für mich zu hundert Prozent mit ja beantworten. Ich fühle mich wohl in der Haut, in der ich gerade stecke, und ich bin dankbar über die Möglichkeit, es mit diesem Team erneut anzugehen und mich hoffentlich positiv beweisen zu können. Wir haben alle aus der Mannschaft mitgenommen, wir haben in der Kommunikation und Hierarchie Anpassungen vorgenommen. Es sind jetzt ganz andere Voraussetzungen als im Januar 2018.“

Bleiben Sie also der Handball-Professor, als der sie Stefan Kretzschmar jüngst bezeichnet hat?

„Wenn ich mein taktisches Knowhow absolut hintenanstelle, werden wir keine erfolgreiche Weltmeisterschaft spielen. Die Mannschaft braucht gewisse Hilfen und eine detaillierte Vorbereitung auf die Gegner. Klar ist aber auch, dass zur Rolle des Bundestrainers Gedankengänge gehören, die über den Videoschnitt und die taktischen Vorgaben hinausgehen.“

Neuer Geist in der deutschen Mannschaft

Im Umgang mit der Mannschaft ist Prokop kommunikativer, offener geworden. Er habe seine guten Seiten noch einmal verbessert, meint Torhüter Andreas Wolff. Prokops Ansprache in den Auszeiten wirkt zielgerichteter und abgeklärter. Dass er weiterhin keine unpopulären Maßnahmen scheut, zeigt die Kader-Nominierung verbunden mit der Entscheidung, Europameister Tobias Reichmann zu streichen.

Die große Prüfung steht nun bevor. Erst in Stresssituationen, die es seit dem Systemabsturz beim EM-Hauptrunden-Ausscheiden gegen Spanien (27:31) nicht mehr gab, wird sich herausstellen, wie es um den neuen Geist in der deutschen Mannschaft bestellt ist – und um die Personalie Prokop.

Gibt es Taktiken bzw. Techniken, wie Sie den Druck für das Team kanalisieren können? Arbeiten Sie mit einem Psychologen oder Mentaltrainer?

„Das ist natürlich ein Hauptthema in der Vorbereitung der WM. Wir haben verschiedene Maßnahmen gemacht und eine gute Mischung gefunden, ohne dabei in Aktionismus zu verfallen. Während des Turniers müssen wir jetzt die Welle abwarten, die wir treffen. Ich hoffe auf die Welle des Erfolgs und der Euphorie. Aber es wird auch immer Situationen geben, bei denen man verstärken oder entgegenwirken muss.“

Was tun Sie, um dem WM-Stress auch mal zu entfliehen?

„Es ist eine ganz wichtige Lehre aus der EM, dass man die sogenannten Offline-Phasen bewusster nutzt, um frischer durch das Turnier zu gehen. Wir werden verschiedene Dinge im Mannschaftskreis machen, vielleicht auch mal einen Kinoabend. Aber bei der WM geht es Schlag auf Schlag, da werden sich solche Aktivitäten in Grenzen halten. Ich selber versuche, mit Fitnesstraining und einem kurzen Saunagang kleine Pausen einzulegen.“

Herr Prokop, ganz ehrlich: Haben Sie jemals an Rücktritt gedacht?

„Nein, niemals. Ich hatte bewusst einen langfristigen Vertrag beim DHB unterschrieben, weil ich mit dieser Mannschaft konstant etwas erreichen und entwickeln möchte. Und auch wenn das Turnier sehr enttäuschend war und ich den Unmut zu spüren bekam, konnte ich mir nicht vorstellen, dass es wirklich das einzige Turnier sein sollte. Ich habe gespürt, dass es am seidenen Faden hing, umso mehr freue ich mich über diese zweite Chance.“

Hinter dem Bundestrainer, vom Verband bei seiner Vorstellung im Februar 2017 als Wunschtrainer gepriesen, mit einer kolportierter Ablöse von 500.000 Euro losgeeist vom Bundesligisten SC DHfK Leipzig und gleich bis 2022 verpflichtet, liegt ein sehr aufregendes, sehr turbulentes Jahr. Doch die Vergangenheit ist abgehakt, spätestens mit der Heim WM beginnt eine neue Zeitrechnung. Prokop scheint bereit zu sein, er lächelt. (sid, mit SZ/yer)