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Seltene alte Stadtansichten

Postkarten von einst sind mehr als schöne Stadtansichten. Sie sind Zeitdokumente. Die Naumann-Sammlung gleicht einem Rundgang durch die 1945 untergegangene Stadt.

© Postkarte: Sammlung Holger Naumann

Von Ralf Hübner

Vater, Mutter und Kinder

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Es ist jetzt nicht das erste Mal, dass die Augustusbrücke saniert wird. Wegen des wachsenden Schiffs- und Straßenverkehrs war das Bauwerk schon Anfang des vergangenen Jahrhunderts komplett abgerissen und neu wieder aufgebaut worden. Nach drei Jahren Bauzeit fuhr am 30. August 1910 die erste Straßenbahn über die fertige Brücke. Auf Postkarten ist das Baugeschehen festgehalten.

Nachdem Archivar Holger Naumann vom Haus der Presse vor etwa einem Jahr schon einmal selten zu sehende Aufnahmen seiner Postkartensammlung in einem Buch veröffentlicht hat, ist jetzt ein zweiter Band mit weiteren rund 60 Fotos erschienen. Die Postkarten vermitteln einen Eindruck von bekannten Straßen, Plätzen, Adressen vor der Zerstörung der Stadt oder baulichen Veränderungen. „Ein seltener Blick aufs alte Dresden“ ist es auch diesmal, denn die schwarz-weiß Aufnahmen waren bisher kaum zu sehen. Es ist eine Entdeckungstour durch eine bekannte und doch unbekannte Stadt. Die Ansichten werden erläutert, die Geschichten dazu erzählt. Naumann wird zum Stadtführer im 1945 untergegangenen Dresden.

Wie etwa bei der ungewöhnlichen Sicht auf den Postplatz des Jahres 1900, dessen Mitte damals noch von jenem 18 Meter hohen Cholerabrunnen dominiert wird, der bei einer Neugestaltung des Platzes 1927 an den jetzigen Standort am Taschenbergpalais kam. Naumann macht auf das Besondere aufmerksam: Im Hintergrund kreuzt der „Große Kurfürst“ den Platz – ein für die Dresdner Straßenbahngesellschaft gebauter Straßenbahn-Versuchswagen.

Diese Postkarten sind mehr als schöne Stadtansichten. Sie sind Zeitdokumente, in denen sich historische Ereignisse oder Katastrophen widerspiegeln, wie das Elbehochwasser mit der überfluteten Vogelwiese von 1926, der Havarie des Elbkahns „Alwine Auguste“ an der Augustusbrücke 1906, einer Massendemonstration für eine Reform des Wahlrechts auf dem jetzigen Rathenauplatz oder einem Foto mit dem aufgebahrten Leichnam des letzten sächsischen Königs Friedrich August III. von 1932 nebst Ehrenwache.

Naumann sammelt Postkarten mit Dresden-Motiven seit er Schüler war. Sie müssen original und vor 1945 gedruckt worden sein. Der jetzt 60-Jährige hat schon als Kind in der Schule Matchbox-Spielzeugautos oder West-Kaugummis gegen Postkarten „gekaupelt“, wie es in Sachsen heißt. Jetzt muss er bisweilen tief ins Portemonnaie greifen, wenn er einen seltenen Fund macht. Etwa 30 bis 80 Euro zahlen Sammler für Ansichten von Straßen und Plätzen, die es heute nicht mehr gibt. Für seltene Exemplare sind Preise von mehr als 100 Euro nicht unüblich. Selbst 1 000 Euro sind im Ausnahmefall möglich. Einfache Karten mit gängigen Motiven oder geknickten Ecken sind schon ab einem Euro zu haben. Rund 8 500 verschiedene Motive sind so zusammengekommen.

Er muss das alte Dresden praktisch vor Augen haben, dass ihm auf Karten ungewöhnliche Details auffallen. Er sammelt aber auch, um Geschichte zu dokumentieren. Bisweilen verraten die Texte der Absender etwas aus deren Alltag, sie erzählen von den Entbehrungen während der Kriege. Ein Ende der Kartensammelei ist nicht abzusehen. Da ist die Leidenschaft zu groß, die ihn selbst dann überkommt, sodass er etwa im New York-Urlaub den Laden eines im Zweiten Weltkrieg in Deutschland stationierten US-Soldaten durchstöbert. Rund 20 Postkarten aus der Zeit um 1900 sind ihm dabei in die Hände gefallen, die alle postalisch von Dresden nach den USA verschickt worden waren.

Mit seinen Büchern bricht Naumann auch eine Lanze für das Medium Postkarte selbst, die 1869, noch ohne Bild, als „Correspondenzkarte“ erstmals verschickt wurde. Erst ein Jahr später kamen die ersten Bild-Karten auf den Markt. Die Postkarte wurde rasch zu einem beliebten Kommunikationsmittel – und Sammelobjekt.

Reizvoll ist der Blick auf das Vergangene allemal, vor allem wenn an diesen Orten Neues entsteht wie etwa dem Postplatz oder dem Herzogin Garten, dem Wiener Platz von 1932 mit Haupt- und Busbahnhof. Eine nächtliche Aufnahme zeigt die hell illuminierte Yenidze. Interessant auch der frühere Figurenschmuck mit 13 überlebensgroßen Sandsteinfiguren am Dachgesims des Rathauses. Ein Zeppelin-Luftschiff überfliegt das qualmende Heizkraftwerk und einen qualmenden Schlepper auf der Elbe. Feinstaub war Menschen damals offensichtlich unbekannt. Bei Straßenbildern wie von den von der Prager oder der Ringstraße mit Bismarck-Denkmal wäre jedoch eine beigelegte Karte mit Angaben zum Standort des Fotografen zur besseren Orientierung ganz hilfreich gewesen.

Literaturhinweis. Das Buch „Ein seltener Blick aufs alte Dresden von Holger Naumann ist im Verlag Saxophon erschienen. Es zeigt auf 115 Seiten rund 60 Abbildungen und ist zum Preis von 21,90 Euro in allen SZ-Shops oder online unter www.editionsz.de erhältlich.