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„Simsons sind wieder sehr beliebt“

Nirgendwo im Kreis werden so viele DDR-Mopeds gestohlen wie in Riesa. Die SZ sprach darüber mit einem Experten.

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© Nikolai Schmidt

Riesa. Riesa ist Simson-Hauptstadt – zumindest, was die Diebstähle angeht. Bis Ende Juli wurden zehn Mopeds der Kult-Marke gestohlen. Im gleichen Zeitraum des Vorjahres war es lediglich eine „Simme“.

Marc Frömberg ist bei der Firma MZA im nordhessischen Vellmar für das Marketing zuständig – und selbst Simson-Fan.
Marc Frömberg ist bei der Firma MZA im nordhessischen Vellmar für das Marketing zuständig – und selbst Simson-Fan. © privat

So viele Simsons wie in Riesa werden laut Polizeidirektion derzeit in keinem anderen Ort im Landkreis gestohlen. Weitere zwei kamen in Meißen weg sowie jeweils eine in Coswig, Gröditz, Nossen, Hirschstein und Wülknitz. Erst in der vergangenen Woche hatte die SZ über die gestohlene Simson eines 14-Jährigen aus Riesa berichtet. Er hatte das Moped zur Jugendweihe bekommen und sehnte seitdem seinen 15. Geburtstag herbei.

Doch woher kommt der neue Simson-Trend? Die SZ sprach darüber mit Marc Frömberg von der Firma MZA, die Ersatzteile nach den Plänen des insolventen Simson-Werkes in Suhl herstellt.

Herr Frömberg, in Riesa sind in diesem Jahr zehnmal so viele Simons gestohlen worden wie im gleichen Zeitraum des Vorjahres. Wundert Sie das?

Zunächst einmal ist es schrecklich, dass in Keller oder Garagen eingestiegen wird, um die Mopeds zu stehlen. Besonders dann, wenn ein Junge gerade seinem 15. Geburtstag entgegenfiebert. Meistens steckt viel Liebe in so einer Simson.

Was ist das Besondere daran?

So eine Simson lässt sich noch zu Hause reparieren. Ich komme an alle Teile dran und kann daher problemlos Vergaser, Ritzel oder die Bowdenzüge austauschen.

Sind diese Mopeds denn so viel simpler aufgebaut als andere?

Nicht unbedingt, aber sie sind alle nach einer Art offenem Baukastensystem aufgebaut. Daher kann man Simsons auch ohne großes technisches Verständnis reparieren. Eine Simson ist quasi das Gegenteil von modernen Autos. Die Autokonzerne wollen gar nicht, dass man da selbst Hand anlegt. Deswegen verschwinden die meisten Bauteile unter einer Plastikabdeckung, und man benötigt einen Laptop, um die vorhandenen Fehler überhaupt auszulesen.

Als Simson-Erbe bekommt MZA den neuen Simson-Trend sicher auch zu spüren. Oder?

Ja. Dass die Marke wieder beliebter wurde, ging im Jahre 2014 noch mal richtig los. Vor zwei Jahren feierte die Schwalbe ihren 50. Geburtstag. In dem Jahr haben wir 900 Tonnen Ersatzteile (über 85 000 Paketsendungen) ausgeliefert. Auf Mopeds umgerechnet entspricht das 12 000 Simsons. Seit dem wachsen wir stetig weiter. Die Trendwende hat auch die Preise für gebrauchte Fahrzeuge nach oben getrieben. Inzwischen können Sie für eine hübsch restaurierte Schwalbe mehr als 2 500 Euro bezahlen. Einen Scheunenfund bekommt man mit etwas Glück hingegen schon für 100 bis 200 Euro. Auch die Ersatzteile sind nicht übermäßig teuer. Aber man steckt eben eine Menge Zeit in Wartung und Reparatur. Zum Teil sehen neu hergerichtete Simsons heute schöner aus als die alten – besonders, was die neuen Lacke angeht. Dann ist es umso ärgerlicher, wenn das Teil gestohlen wird.

Das Wort Scheunenfund müssen Sie uns erklären.

Na ja, Scheunenfunde sind eben die Mopeds, die seit der Wende bei Opa in der Garage vor sich hingerottet sind. Denn nach der Wende waren ja erst einmal andere Fortbewegungsmittel in den neuen Bundesländern gefragt.

Ist der Absatz im Osten immer noch größer als im Westen?

Ja, schon. Im Osten ist die Simson nach wie vor bekannter. Schön finde ich, dass sich heute nicht nur Jugendliche Simsons zulegen, sondern auch Ärzte oder Anwälte, die sich einfach nach dem Feeling gesehnt haben. Sie kaufen sich ein Stück Jugend. Ein weiteres Argument für die Simson ist natürlich, dass man wegen des Einigungsvertrags damit mit 60 Stundenkilometern unterwegs sein darf. Mit einer Vespa oder einem Baumarktmoped tuckert man hingegen mit gerade mal Tempo 45 über die Landstraßen und erhöht damit meiner Meinung nach auch noch das Unfallrisiko.

MZA fertigt die Simson-Ersatzteile und verkauft sie an die Werkstätten. Wie ist Ihr Unternehmen dazu gekommen?

Mein Chef Falko Meyer ist gebürtiger Sachse – und daher „vorbelastet“ was Simsons angeht. 1993 hat er hier in Nordhessen das Unternehmen MZA aufgebaut. Los ging’s klassisch in einer Garage mit gebrauchten Simsons. Später kam die Produktion neuer Ersatzteile dazu. 2003 ging Simson dann endgültig in die Insolvenz und wurde zur Versteigerung ausgeschrieben. Die MZA erwarb sämtliche Lagerbestände, die meisten Werkzeuge und die Urheberrechte. Seit 2003 sind wir offizieller Simson-Lizenznehmer. Mit unseren Ersatzteilen beliefern wir Werkstätten auf der ganzen Welt.

Das Gespräch führte Britta Veltzke.